Europa ist auf einem steinigen Weg

Bei den Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie im Land wächst die Angst vor möglichen Auswirkungen der Schuldenkrise. Doch der Südwestmetall-Vorsitzende Rainer Dulger ist noch optimistisch.

Herr Dulger, zurzeit wird heftig diskutiert, wie sich die Schuldenkrise auf die Konjunktur auswirken wird. Wie ist die Lage in den Betrieben im Einzugsbereich von Südwestmetall?

RAINER DULGER: In den Betrieben ist die Auftragslage gut. Die Zukunftsaussichten sind in einigen Unternehmen etwas weniger rosig, aber wir gehen für 2012 im Schnitt weiter von einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum von 1 bis 1,5 Prozent aus.

Wie weit reichen die Auftragsbestände in das kommende Jahr?

DULGER: Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt ganz davon ab, in welcher Branche die Betriebe tätig sind. Aber für das Gros der Betriebe reichen die Aufträge bis ins zweite Quartal des nächsten Jahres.

Welcher Zweig steht am besten da?

DULGER: Die Mitgliederstruktur bei Südwestmetall ist sehr heterogen. Wir haben den Kraftfahrzeugbereich, aber auch den gesamten Maschinen-, Sondermaschinen- sowie den Werkzeugbau. Es gibt in jedem Zweig konjunkturelle, aber auch wettbewerbsbedingte Hochs und Tiefs. Manche Unternehmen sind international breiter aufgestellt und können deswegen Schwächen in bestimmten Märkten besser überbrücken. Da hat sich unsere Industrie in den letzten Jahren sehr, sehr unterschiedlich entwickelt. Trotzdem können wir derzeit keine einzelnen Branchen erkennen, die vom insgesamt positiven Trend deutlich nach unten abweichen.

Was treibt die Unternehmer zurzeit am meisten um? Die Schuldenkrise?

DULGER: Ja, sie befürchten, dass die Schuldenkrise auf die Realwirtschaft durchschlagen könnte.

Bangen die Unternehmer, dass sich wie in der letzten Krise eine Kreditklemme ergeben könnte?

DULGER: Das ist letztlich die Folge aus all den Befürchtungen, mit denen wir es zu tun haben. Aber zunächst geht es schlicht um die Sorge, dass die Nachfrage deutlich sinken könnte. Die Realwirtschaft kann allerdings wenig zur Lösung der Schuldenkrise beisteuern. Im Moment ist hier die Politik gefordert. Wir brauchen in der EU klare Regeln und Schuldenbegrenzungen, die in den einzelnen Ländern Verfassungsrang haben. Europa ist in dieser Hinsicht auf einem steinigen, aber richtigen Weg.

Trauen es die Unternehmer der Politik überhaupt noch zu, dass sie die Krise in den Griff bekommt?

DULGER: Aus meiner Sicht arbeitet die Bundesregierung und allen voran die Bundeskanzlerin auf europäischer Ebene vorbildlich. Der Kanzlerin gelingt es immer wieder, die große Verunsicherung auch bei der Beschlussfassung in die richtige Richtung zu lenken. Fest steht, dass für uns Deutsche die EU sehr wichtig ist. Wir haben am meisten von der Erweiterung des europäischen Marktes profitiert. Daher ist es auch nicht abwegig, dass wir den größten Beitrag dazu leisten, die EU und den Euro zu erhalten.

Vergangene Woche hat Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt gesagt: "Die wirtschaftliche Lage ist gut, und die Arbeitnehmer sollen daran teilhaben." Zucken Sie da mit Blick auf die Tarifrunde 2012 zusammen?

DULGER: Unser Tarifvertrag endet erst im April 2012. Wir sind davon noch viel zu weit entfernt, um uns Sorgen zu machen. Ich bin Optimist und gehe davon aus, dass unsere Industrie auch noch im Frühjahr gut laufen wird. Dann beginnen wir die Gespräche mit der IG Metall.

In der Stahlbranche haben die Tarifpartner jetzt 3,8 Prozent mehr Lohn und Gehalt vereinbart. Wäre das eine verkraftbare Zahl?

DULGER: Der Abschluss ist auf unsere Industrie nicht projizierbar. Die Konjunkturlagen der beiden Branchen sind völlig unterschiedlich. Unsere Industrie ist sehr international aufgestellt und deshalb auch von vielen Faktoren abhängig. Weil es solch gewaltige Unwägbarkeiten gibt, unterbindet auch die IG Metall zurzeit jede Diskussion um eine Lohnzahl. Sie will ebenfalls den Konjunkturverlauf abwarten.

Der Stahlabschluss sieht die unbefristete Übernahme der Azubis vor. Sehen Sie eine Chanche, diese IG-Metall- Forderung zu übernehmen?

DULGER: In einem Land mit 2,5 Prozent Jugendarbeitslosigkeit halte ich dieses Thema für unangebracht. Mit dieser niedrigen Quote sind wir Europa- wenn nicht sogar Weltmeister. Die IG Metall kämpft hier einen Kampf vor dem Spiegel gegen einen Gegner, den es aus unserer Sicht gar nicht gibt. Rund 80 Prozent unserer Betriebe übernehmen ihre Auszubildenden. Die verbleibenden 20 Prozent verlassen die Betriebe, um zu anderen Unternehmen zu wechseln, weil sie studieren wollen oder weiterführende Ausbildungen beginnen. Wir könnten viel mehr Erfolg stiften, wenn wir unseren Fokus darauf legen würden, wie wir lernschwache und nicht ausbildungsfähige Jugendliche zu einer Ausbildung verhelfen können.

Also ein klares Nein?

DULGER: Ja, denn die Ausbildungsquote in unseren Betrieben ist momentan sehr gut. Viele unserer größeren Betriebe bilden über Bedarf aus. Davon profitieren die kleineren Betriebe, die sich keine Ausbildung leisten können. Eine Forderung nach einer unbefristeten Übernahme von Lehrlingen würde deshalb nur Schaden anrichten, weil Betriebe ihre Überbedarfsausbildung zurückfahren würden.

Der Stahlabschluss lässt aber ausdrücklich Ausnahmen zu für Betriebe, die über Bedarf ausbilden.

DULGER: Mich stört das grundsätzliche Signal, dass ein Jugendlicher bei Ausbildungsbeginn schon die Übernahme in der Tasche hat. Das wäre so, als ob der Fahrschüler schon in der ersten Fahrstunde den Führerschein erhielte.

Die IG Metall hat sich das Thema faire Bezahlung von Zeitarbeitern auf die Fahnen geschrieben. BDA-Präsident Hundt signalisierte vergangene Woche eine grundsätzliche Bereitschaft für eine gestaffelte Lohnangleichung an die Stammbelegschaften. Wie sehen Sie das?

DULGER: Wir als Südwestmetall können grundsätzlich keinen Einfluss nehmen auf Arbeitsverhältnisse Dritter. Das heißt, wenn bei uns in der Metall- und Elektroindustrie ein Zeitarbeiter beschäftigt ist, dann hat er ein Arbeitsverhältnis mit der Zeitarbeitsfirma, die ihn an uns entleiht. Deswegen obliegt die Hoheit über Absprachen wie Lohnsteigerungen den Zeitarbeitsfirmen. Diese verhandeln derzeit mit den DGB-Gewerkschaften, also auch mit der IG Metall.

Aber was würde eine solche Regelung für Ihre Betriebe bedeuten?

DULGER: Zunächst mal sind wir nicht der Hauptabnehmer von Zeitarbeit. Von den knapp einer Million Zeitarbeitern in Deutschland arbeiten nur etwa 170 000 in der Metall- und Elektroindustrie. Im Kern zählt unsere Branche dreieinhalb Millionen Beschäftigte. Die Zeitarbeitsquote bei uns ist also sehr niedrig.

Was würde Sie mehr stören, eine Verteuerung der Zeitarbeit oder mehr Mitspracherecht der Gewerkschaft?

DULGER: Letzteres. In unserer Branche dient Zeitarbeit vor allem zum Ausgleich konjunktureller Schwankungen und nicht zum Drücken der Lohnkosten. Gerade in diesen turbulenten Zeiten brauchen wir mehr und nicht weniger Flexibilität. Deshalb sollte die Entscheidung über den Einsatz von Zeitarbeit auch die Entscheidung des Unternehmers bleiben.

Und die Entlohnungsfrage?

DULGER: Wer etwas an dem derzeitigen Habitus der Zeitarbeit ändert, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er damit den Beschäftigungsmotor der letzten Jahre ins Stottern bringt. Zeitarbeit hat Menschen aus Hartz IV wieder in ein Arbeitsverhältnis geholfen. 14 bis 17 Prozent der Zeitarbeiter werden vom Auftraggeber fest übernommen. Viele Zeitarbeiter sind zudem gering qualifiziert. Wird ihr Einsatz teurer, fallen auch diese einfachen Arbeiten mehr und mehr weg.


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Autor: KAREN EMLER | 30.11.2011

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