Ein Mann mit vielen Etiketten

Waldenbuch.  Manche Familienunternehmer haben eine kerzengerade Biographie. Alfred Ritter zählt nicht dazu. Jeder kennt die berühmte Schokolade, die er macht. Doch der Mann hat noch ganz andere Seiten.

Über Alfred Ritter ist schon viel geschrieben worden. Klar, er ist der Chef einer bekannten Marke. Fast jeder Deutsche kennt Ritter Sport, die Schokolade in Quadratform. Allein die Geschichte über seine Oma Clara wird gern erzählt. Sie kam auf die quadratische Form, weil die besser in die Jackentasche der jungen Kerle passten, die auf dem Weg zum Sportplatz bei ihr noch schnell etwas Nervenstärkendes einkauften. Damals, zu Beginn der 30er Jahre, in Waldenbuch.

Heute ist Ritter Sport Besuchermagnet des Städtchens, das zwischen Stuttgart und Tübingen liegt. Viele kommen hierher, um sich die berühmte Schokolade direkt und damit etwas günstiger zu holen. Auch ein modernes Museum samt Galerie hat Alfreds Schwester, Marli Hoppe-Ritter, vor wenigen Jahren dort eröffnet. Schwäbisch trocken und unterkühlt könnte man sagen: Die Ritters sind wer in Waldenbuch.

An Alfred Ritter kleben mehr Etiketten als nur das vom Schokoladenmann. Psychotherapeut war er, Pionier der Photovoltaik, später Retter von Ritter Sport; die japanische Kampfkunst Aikido betreibt er und ein erfolgreiches Gemeinschaftsunternehmen in China, sein Auto ist ein Porsche, aber schon in den 90er Jahren gab er Geld für die Entwicklung des wenig erfolgreichen Elektroautos "Hotzenblitz"; und dann natürlich sein Engagement gegen die Atomkraft.

Manche Macher blicken auf eine kerzengerade Biographie zurück, sie wussten schon immer, dass sie die Firma übernehmen würden. Bei Alfred Ritter ist das nicht ganz so. Dass sein Vater 59-jährig starb, "war für mich ein Riesendrama", sagt er. Zwanzig Jahre alt war er da, hätte die Firma gar nicht führen können. Man holte einen externen Geschäftsführer und etablierte einen Beirat. "Das lief gut, also habe ich mich auf einen anderen Berufsweg eingestellt." Studium in Heidelberg, ein bisschen Volkswirtschaft und Psychologie bis zum Diplom-Abschluss und anschließender Praxis als Psychotherapeut in Heidelberg.

Jahre später erst kehrt er in die Firma zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Dann 1986 die Katastrophe in Tschernobyl, die ihn als Unternehmer direkt betraf, weil er nun kaum mehr unbelastete Nüsse für seine Schokolade auftreiben konnte. Das machte ihn zum Gegner der Atomkraft und zum Gründer von Paradigma, einem Hersteller regenerativer Energiesystemen.

Ritter ist deshalb heute an mehreren Firmen beteiligt. Lebensmittel und regenerative Energie sind für ihn aber zwei thematisch nicht fremde Branchen. "Ich halte viel davon, dass man sich auf die Kernkompetenz konzentriert." Wenig hält er von Wachstum als Selbstzweck. Anders ist es bei der Qualität, die kennt auch bei einer so ausgereiften Ware wie Schokolade keine Grenzen: "Man kann immer noch besser werden." 23 Sorten hat Ritter Sport im Programm, immer wieder wird mal geschmacklich variiert, aber ohne künstliche Aromen. Die kommen dem Öko-Vorkämpfer nicht in die Schokomasse.

Lange Zeit konnte sich Ritter auch damit rühmen, keine Stellen abzubauen und Mitarbeiter zu entlassen. Das hat sich geändert, und Schuld daran hätten die Kürzungen der Subventionen für ökologische Heizsysteme. "Wir sind in Deutschland dabei, ein riesiges Potenzial zu verspielen." Gemeint ist nicht die Solarenergie, die aus Sonne Strom produziert. Es geht ihm um die Technik, aus Sonne heißes Wasser und damit Heizenergie zu gewinnen. Knapp 50 Mitarbeiter musste er in seiner Öko-Firma entlassen. Das Unternehmen stellte einen Mitarbeiter zwei Monate lang dafür ab, den Entlassenen bei der Suche nach neuer Beschäftigung zu helfen. "Man kann so etwas auch anständig machen", sagt er.

Vielleicht hat dies auch mit dazu beigetragen, dass der schwäbische Mittelständler vor zwei Jahren von der Uni St. Gallen als " Top- Arbeitgeber" ausgezeichnet wurde. Bei der Suche nach den besten Mitarbeitern ist die Bezahlung für den Firmenchef ein wichtiges, aber nicht das ausschlaggebende Kriterium. "Mitarbeiter, die nur auf das Gehalt aus sind, sind nicht die besten Mitarbeiter", sagt er.

Unter dem Titel "Soziale Kapitalisten" ist ein Buch erschienen, in dem auch die Geschwister Ritter vorkommen, unter anderem mit ihrem Engagement in Nicaragua, wo die Schokoladenfirma den dortigen Kleinbauern so genannte faire Preise bezahlt. Gegen das Etikett "Sozialer Kapitalist" wehrt er sich nicht. Ökologie und Ökonomie sieht er nicht als Gegensatz, sondern ganz im Gegenteil: Wer gegen die Umwelt produziere, werde über kurz oder lang vom Markt bestraft.

Unter den vielen Etiketten, die man ihm anheftet und von denen "Der Ritter der Haselnuss" besonders schön klingt, findet sich auch das vom Weltverbesserer aus der Studentenzeit, aus der womöglich seine kräftige Wuschelfrisur und die John-Lennon-Brille bis heute überdauert haben. Die Welt verbessern kann man schließlich als Unternehmer nachhaltiger denn als Student.

Dass auch er zusammen mit anderen Schokoladenherstellern vor zwei Jahren wegen vermuteter Preisabsprachen ins Visier des Bundeskartellamtes geriet, nimmt er bis heute übel. "Ich wusste, dass man als Unternehmer von der Konkurrenz bedroht werden kann; dass einen auch eine staatliche Behörde bedroht, wusste ich nicht."

Was ist das herausragende Kennzeichen eines Unternehmers? Sie seien alle völlig unterschiedlich, wie Menschen eben unterschiedlich seien, sagt er. Doch für jeden gilt das Prinzip der Eigenverantwortung, das keine billigen Ausreden zulasse: "Als Unternehmer kann ich die Schuld für den Misserfolg nicht auf andere schieben."

Das "kleine schwäbische Schokoladenfabrikle" nennt er die Firma mit Schmelz in der Stimme. Mit 58 Jahren ist Alfred der dritte Ritter der Haselnuss, wenn man so sagen kann. 100 Jahre alt wird die Firma in diesem Jahr. Die vierte Generation der Ritters steht bereit und schon in der Verantwortung.


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Autor: HELMUT SCHNEIDER | 07.01.2012

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