ENBW-Chef sorgt sich um die Netzsicherheit

Ulm.  Der Energieriese ENBW ist nach Ansicht seines Vorstandschefs Hans-Peter Villis für die Energiewende gut gerüstet. Die Belastungen durch den rascheren Ausstieg aus der Kernkraft bremsen den Konzern aber.

"Am liebsten würde ich selbst hier ein Kernkraftwerk bauen." Der Satz, den der ENBW-Vorstandsvorstandsvorsitzende Hans-Peter Villis vor Jahren fallen ließ, klebt an ihm. Im Grundsatz steht er bis heute dazu, Kernenergie ist aus seiner Sicht sauber und sicher. Als er aber vor knapp acht Monaten die ersten Bilder der Katastrophe von Fukushima im Fernsehen sah, war ihm klar: "In Deutschland ist dieser Traum ausgeträumt." Und er wusste auch sofort, dass aus den Laufzeitenverlängerungen für die Kernkraftwerke nichts mehr wird.

Villis, der Kernkraftbefürworter, akzeptiert, dass diese Technologie ausgespielt hat und viel schneller als gedacht. Denn, dass das passieren wird, habe schließlich schon länger festgestanden: "Seit 2001 war klar, dass die Kernkraft endlich sein wird", rief der 53-Jährige den Besuchern Stadthaus-Forums der SÜDWEST PRESSE in Ulm ins Gedächtnis. "Wir wussten schon vor zehn Jahren, dass Neckarwestheim I 2010 vom Netz gehen soll und Philippsburg I in diesem Jahr." Deshalb habe die ENBW in den vergangenen Jahren auch fleißig investiert, um nach und nach Ersatz zu schaffen. Etwa durch den Baltic-I-Windpark in der Ostsee oder das Laufwasserkraftwerk in Rheinfelden.

Deshalb "ist es Quatsch", dem ENBW-Management vorzuwerfen, es habe die Energiewende verschlafen. Bei aller Offenheit für Kritik plädiert der Bergarbeitersohn aus dem Ruhrpott und bekennender Fan des Fußball-Zweitligisten VfL Bochum vor allem für eines: Fairness.

So mag er es auch nicht mehr hören, dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann die geerbte Beteiligung an der ENBW zunächst als "Treppenwitz der Geschichte" und als Klotz am Bein bezeichnet hat. Er gesteht dem Grünen-Politiker samt seiner Regierung aber zu, dass sie erst mal Berühungsängste abbauen mussten. Das Verhältnis zu Kretschmann sei heute vertrauensvoll und offen. Das gelte auch für den zweiten Mehrheitsaktionär, die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW). Deshalb stellt sich für ihn auch nicht die Frage, was er tun wird, wenn sein Vertrag nicht über September 2012 hinaus verlängert wird. "Ich bin der festen Überzeugung, dass ich hier bleibe."

Was die von ihm gewünschte Kapitalerhöhung angehe, so höre sich das so an "als ob ich jetzt mit dem Hut herumlaufen würde", sagte er. Natürlich belasten der vorzeitige Kernkraft-Ausstieg und die damit verbundenen höheren Rückstellungen für den Rückbau der insgesamt fünf Kernkraftwerke das Unternehmen. Doch ohne die Sondereffekte und die Brennelementsteuer würde die ENBW weiter schwarze Zahlen schreiben. "Wir haben kein Liquiditätsproblem", stellte er klar.

Der Karlsruher Energieriese, den der frühere Eon-Manager Villis seit 2007 leitet, werde auch weiter neue Kraftwerke bauen und in den Netzausbau investieren. Er habe dafür momentan aber schlicht weniger Kapital zur Verfügung. Die Energiewende koste viel Zeit und Geld. Allein das Wasserkraftwerk in Rheinfelden an der Schweizer Grenze hat 400 Mio. EUR verschlungen. Vom Beschlusss bis zu ersten produzierten Kilowattstunde Strom vergingen sieben Jahre. Auch der Rückbau der Kernkraftwerke werde lange dauern, 20 bis 30 Jahre, schätzt Villis.

Den Stadtwerken will er ein guter Partner sein. Villis akzeptiert, dass diese immer häufiger selbst Kraftwerke bauen. Dennoch macht ihm die Dezentralisierung mit Blick auf die Versorgungssicherheit Sorge. "Je mehr wir parzellieren, desto mehr fehlt die Vogelperspektive." Letzteres sei aber wichtig, um Spannungsschwankungen zu vermeiden. Das Stromnetz verglich er mit einem Zirkuszelt, das von 18 Seilen gehalten wird. "Nur wenn der Zug auf alle Seile immer ausgeglichen ist, steht das Zelt."

Ob er froh ist, dass er in diesen Zeiten des Umbruchs das Land als Mehrheitsaktionär an seiner Seite hat, beantwortete Villis diplomatisch: "Ich kann mir meine Aktionäre nicht aussuchen." Der Einstieg selbst sei für ihn damals "eine große Überraschung" gewesen, sagte Villis. Die Nachricht habe er erst an dem Tag erhalten, als der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus die Fraktionschefs und die Öffentlichkeit informieren wollte. Die Wellen, die der Deal geschlagen hat, erreichten übrigens sogar Villis Heimatort Castrop-Rauxel. "Was hast Du denn da mit dem Mappus gemacht? Wieso kauft denn der Deine Firma?", habe ihn sein Vater besorgt gefragt. Wie die Antwort ausgefallen ist, behielt Villis aber für sich.


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Autor: KAREN EMLER | 10.11.2011

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