Der Napoleon der Uhrenindustrie

Genf.  Swatch-Gründer und Smart-Vater Nicolas Hayek zwang der Welt seinen Takt auf. Der Schweizer Multimilliardär starb im Alter von 82 Jahren. Überraschend, wie es hieß. Denn er war bis zum Tod aktiv.

An seinen Handgelenken baumelten einige Hunderttausend Euro. Der Schweizer Multiunternehmer Nicolas Hayek präsentierte sich in der Öffentlichkeit immer mit mindestens vier Uhren. Der teuerste Zeitmesser an Hayeks Körper war die Ur-Swatch, jene erste Uhr der Kultmarke, die 1983 vom Band lief. "Ein New Yorker Museum bot mir schon 250 000 Dollar, aber sie ist unverkäuflich" sagte der Vater der Swatch.

Jetzt müssen seine Erben, allen voran sein Sohn Nick, entscheiden, was mit der Ur-Swatch passiert: Nicolas Hayek ist tot. Der 82-jährige sei "völlig unerwartet während der Arbeit in seiner geliebten Swatch Group" gestorben, teilte seine Firma mit. Bis zuletzt kontrollierte der Mann als Verwaltungsratspräsident die Swatch Group.

Die teure Mini-Kollektion an Hayeks Gelenken war nur eine der Marotten, die ihn zur Legende einer Branche werden ließ. Ganz Eifrige verglichen den 1,69 Meter großen Wirbelwind mit Napoleon: Auch der war ein Egomane, der die Welt zwingt, sich nach seinem Takt zu bewegen. Immerhin besaß Hayek eine Breguet, die schon Napoleon gezeigt hatte, was die Stunde schlägt.

Selbst im Alter strebte Multimilliardär Hayek weiter nach Ruhm und Vermögen. Sein jüngstes Projekt war eine Umweltfirma für energiesparende Techniken. Im Vokabular des Tausendsassas existierte das Wort Ruhestand nicht: "Würden Sie einen Mann entlassen, der um 6.30 Uhr voller Energie zu arbeiten anfängt, der Englisch, Französisch und Deutsch perfekt spricht, der Beziehungen zu allen Regierenden und wichtigen Meinungsführern der Welt hat und ein Topunternehmer ist?" fragte er unbescheiden. Hayeks Selbstbewusstsein war auch Produkt seines größten Coups: Der Migrant aus dem fernen Libanon rettete die helvetische Uhrenindustrie vor dem Untergang.

Dafür schlossen ihn viele Eidgenossen auf ewig ins Herz. "Die Schweiz hat Nicolas Hayek viel zu verdanken", lobte Ex-Bundespräsident Adolf Ogi. In den 70er Jahren lagen die einst so stolzen Schweizer Uhrenmanufakturen darnieder. Gegen die Billigkonkurrenz aus Fernost wussten sich die detailverliebten Tüftler nicht zu helfen. Hayek, damals Unternehmensberater, wurde von den Gläubigerbanken der Uhrenindustrie angeheuert. Der hemdsärmelige Macher mischte die Betriebe auf, restrukturierte, straffte und fusionierte die Firmen zu einem Unternehmen, der heutigen Swatch-Gruppe.

Hayek, der Sohn eines Amerikaners und einer Libanesin, hatte in Zürich Mathematik, Physik und Chemie studiert. Seine Technikbegeisterung drängte ihn aber auch in ein Abenteuer, das mit einer Niederlage endete: In den 90er Jahren entwickelte er mit Mercedes-Benz das Miniauto Smart. Hayek wollte die Flitzer mit Hybridantrieb ausrüsten. Die Mercedes-Manager aber bestanden auf herkömmliche Motoren und setzten sich durch. Hayek musste aus dem Projekt aussteigen.


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Autor: JAN DIRK HERBERMANN | 30.06.2010

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