Buchhändler mit Perspektiven

Tübingen.  Christian Riethmüller hat die Effizienz von Aldi mit dem Kulturgut Buch zusammengebracht. Und er hat sein Hobby Lesen zum Beruf gemacht. Mit seinem Vater und seinem Onkel führt er den Buchhandel "Osiander".

"Oje, der hat bei Aldi Klopapier verkauft und nun kommt er zu uns." In der Belegschaft der traditionsreichen Osianderschen Buchhandlung in Tübingen gab es etliche solcher Vorbehalte gegen Christian Riethmüller, als dieser vor neun Jahren als Aldi-Bereichsleiter in die Geschäftsführung des Familienunternehmens wechselte, und es gab auch Angst vor Jobabbau. Die Bedenken der Mitarbeiter habe er durchaus nachvollziehen können, sagt er und muss dabei noch heute schmunzeln.

Seine Zeit bei Aldi beschreibt er als "genial, lehrreich, aber hart". Diese Erfahrungen Riethmüllers kommen heute Osiander, der viertgrößten Buchhandelskette in Deutschland, und deren Mitarbeitern zugute. Zum einen hat ihr Chef bei Aldi viel über Effizienz und Kostenmanagement gelernt. Vor allem aber hat er am eigenen Leib erfahren, "wie man sich als Mitarbeiter fühlt". Und das sei eine gute Voraussetzung, selbst Chef zu sein.

Dabei hatte er anfangs gar nicht geplant, in die Familienfirma einzusteigen. "Ich wollte mich nach dem Studium beweisen", erzählt er. Per Zufall landete er bei Aldi. "Da war ich ausführendes Organ. Ich musste schauen, dass Vorgaben umgesetzt werden und kontrollieren, dass alles effizient läuft." 2002 kamen sein Vater und sein Onkel auf ihn zu. Die hatten schon damals die Expansion des Unternehmens eingeleitet und suchten Verstärkung. Riethmüller überlegte nicht lange. Schließlich ist er in einer Buchhändlerfamilie aufgewachsen. Das prägte ihn nachhaltig - und das nicht nur, weil er seine Frau bei einem Sonderverkauf im Hof von Osiander kennen gelernt hatte. Ihn lockten die Gestaltungsmöglichkeiten in dem Unternehmen, das sich in einem schwierigen Markt bewegt, in dem Internet und neue Medien einen stetig vor neue Herausforderung stellen.

"Mein Vater und mein Onkel haben mir den Einstieg leicht gemacht. Sie haben mir nie etwas vorgeschrieben, mir vertraut. Auch waren die Aufgabenbereiche von Anfang an klar. Wir haben bis heute ein ausgezeichnetes Verhältnis", erzählt Riethmüller.

Doch sein Einstieg erfolgte in einer schwierigen Zeit. 2002 ging es der Branche und Osiander schlecht. "Wir mussten Dinge ändern", erinnert er sich. Nach dem Vorbild von Aldi wurden der Umsatz pro eingesetzter Mitarbeiterstunde gemessen und das Personal zeitlich anders eingesetzt, Abläufe verbessert, Kosten gesenkt. "Der eine oder die andere mussten sich etwas umstellen", sagt Riethmüller. Wie die gesamte Geschäftsleitung, zu der mittlerweile auch drei Ehefrauen gehören, setzt er bei Veränderungsprozessen darauf, die Mitarbeiter offen zu informieren. Eine der schwierigsten Entscheidungen für die Familie war nach seinen Worten, die verlustträchtige Filiale in Stuttgart zu schließen, auch wenn man den Mitarbeitern Stellen in Tübingen angeboten habe.

Die Strategie ging auf. In neun Jahren verdreifachte Osiander die Zahl der Filialen. Im Oktober wird die 23. in Memmingen eröffnet. Die Eigenkapital-Quote verdoppelte sich auf 25 Prozent.

Zum Riethmüllerschen Führungsverständnis gehört es, den Mitarbeitern Verantwortung zu geben. Die einzelnen Filialen bestellen selbstständig. Im Osiander-Katalog stehen nur Titel, die Mitarbeiter empfehlen, sagt der Krimi-Fan, der großen Wert auf die Ausbildung eigener Buchhändler legt. Auch bei der Expansion spielen die Mitarbeiter eine wichtige Rolle. "Ich kann gute Leute nur halten und motivieren, wenn ich ihnen eine Perspektive biete. Bei aller Mitarbeiter-Orientierung stellen wir aber auch hohe Anforderungen", betont er.

Für seine Ausbildungsanstrengungen und seine hauseigene Führungsakademie sowie für das ökologische Engagement ist Osiander zuletzt unter anderem mit dem Preis "Buchhandlung des Jahres" ausgezeichnet worden. Zum nachhaltigen Konzept gehört auch, dass Osiander mit Unternehmen aus der Region kooperiert. Die Tübinger Kunden, die ihre Bücher auf der Osiander-Homepage bestellen, bekommen diese von der Schülerfirma Greenbooks ausgeliefert - zu Fuß, per Bus oder mit dem Rad.

Das Rad spielt für den Naturliebhaber Riethmüller eine große Rolle. In seiner Jugend machte er damit Touren, unter anderem in die Bretagne. Wie sein Vater auch radelt er morgens ins Büro, besser: saust er in Radlerhose und VfB-Trikot binnen drei Minuten den Hang hinunter. Nach Hause braucht er etwa eine Viertelstunde. "Ein wichtiger Fixpunkt ist für mich das gemeinsame Mittagessen. Ich versuche auch, mich am Essenmachen zu beteiligen," sagt Riethmüller. Denn seine Ehefrau arbeitet vormittags.

Um mehr Freizeit unter der Woche zu haben, arbeitet er auch am Wochenende. Doch habe er gelernt, seine freie Zeit mit Familie und Freunden zu schützen: "Ich verzichte bewusst darauf, Mails zu checken." Ansonsten würde er wohl wieder von seinen zwei kleinen Töchtern zu hören bekommen: "Papa, Du sollst mit uns spielen und nicht arbeiten!"


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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 23.07.2011

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