Altkleider-Spenden helfen Afrika

Die Kritiker rücken vom Vorwurf ab, dass Kleiderspenden die Textilproduktion in Entwicklungsländern zerstören. Sie fordern aber mehr Transparenz. Verwerter fürchten die Konkurrenz durch die Kommunen.

FABIAN ZIEHE |

Altkleider auf dem Weg von einem deutschen Container auf den afrikanischen Basar: Eine TV-Reportage des Norddeutschen Rundfunks (NDR) im November heizte erneut eine Diskussion an, die mittlerweile zum medialen Grundrepertoire gehört. "Die Altkleider-Lüge" hieß der Film - eine Anklage: Unter dem Label gemeinnütziger Verbände sammle eine undurchsichtige Verwerter-Branche Altkleider und verschickt sie nach Afrika. Dort zerstörten sie die Textilindustrie und streiche hohe Gewinne ein.

Die Reportage schaffte, dass das Thema im Bundestag landete: Der Grünen-Abgeordnete Uwe Kekeritz und Fraktionskollegen hakten per Kleiner Anfrage nach, wie die Bundesregierung die Altkleiderexporte einschätzt. Die Stellungnahme Mitte Februar - ausgearbeitet durch das Entwicklungsministerium - war eindeutig: Nein, Altkleider-Handel zerstöre keine Textilindustrie in Entwicklungsländern. Die Menschen dort profitieren vielmehr davon.

Wenn dieser Schluss noch nicht erstaunt, dann die Reaktion des Oppositionspolitikers Kekeritz: "Es gibt momentan wohl tatsächlich keine Alternative zu den Altkleiderspenden." Der Parlamentarier sieht die Altkleiderspenden zwar weiterhin zwiespältig. Sie als Killer der heimischen Textilindustrien in den Entwicklungsländern zu sehen, greife aber zu kurz.

Gewiss: Viele Betriebe etwa in Kenia oder Tansania hätten in den vergangenen Jahrzehnten schließen müssen. Die Gründe sind vielfältig: Preisverfall in der Textilbranche, schlechte Infrastruktur, mangelnde Produktivität, Misswirtschaft, Korruption und mehr. Gäbe es die Altkleider aus Europa nicht mehr, wären die Länder von Importen abhängig. Denn eine afrikanische Textilindustrie wäre gegen die chinesische oder südostasiatische Produktion derzeit chancenlos. "Ein Stopp des Altkleider-Handels würde den Ländern momentan große Schwierigkeiten bereiten, auch weil dort tausende Menschen vom Altkleider-Handel leben", folgert Kekeritz.

Argumente, die Thomas Ahlmann von Fairwertung stützt. Der Dachverband ist 1994 als bundesweites Netzwerk gemeinnütziger und kirchennaher Organisationen entstanden, als die Altkleiderdebatte erstmals größere Kreise zog. "Wir haben die Kritik, die in der NDR-Reportage geäußert wurde, lange geteilt", sagt Ahlmann. Die Mitglieder des Verbandes hatten sich einst eine Zehn-Prozent-Exportquote für Altkleider auferlegt.

Diese ist mittlerweile aufgehoben. "Unser Dialogprogramm Afrika zeigte, dass in Subsahara-Staaten selbst diese Thesen nicht geteilt werden. Man muss die Probleme in Afrika differenzierter betrachten", sagt Ahlmann. Für viele Menschen dort seien Alttextilien die beste Möglichkeit, sich mit bezahlbarer und qualitativer guter Kleidung einzudecken. Die Sortierung, die Aufarbeitung und der Transport stellen eine eigene Wertschöpfungskette dar. "Dadurch entstehen Kosten, die jemand tragen muss, aber auch zahlreiche Jobs in Deutschland und vor allem in Afrika", sagt Ahlmann.

Würde man Altkleider dort umsonst verteilen, würde der Markt eingehen. Dennoch sieht der Verband auch kritische Aspekte in der Branche. So kontrollierten mancherorts Monopolisten Markt und Preise.

Ahlmann und Kekeritz sind sich einig: Es mangele an Transparenz für die Altkleider-Spender. Das zieht auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) als Lehre aus der NDR-Reportage. Die Kooperation einer ihrer Kreisverbände mit dem Altkleiderverwerter Soex hatten die NDR-Journalisten in ihrem Film exemplarisch aufs Korn genommen.

"Wir fühlen uns zu Unrecht am Pranger. Allerdings waren wir durchaus angreifbar", sagt Sprecher Dieter Schütz. Der DRK-Bundesverband wolle künftig die Spender schon am Container informieren, was mit ihren Kleidern passiert. Denn nur ein kleiner Teil geht an deutsche Kleiderkammern, das meiste verkaufen die DRK-Ortsverbände an Verwerter oder überließen denen gegen ein Nutzungsentgelt das Sammeln unter ihrem Logo. Die Erlöse kommen aber der Arbeit des DRK vor Ort zu Gute.

Dieses System sei nicht verwerflich, zumal es durch ehrenamtliche Arbeit der Rotkreuzler nicht zu stemmen sei. Aber es müsse erklärt werden. "Wir versuchen erst einmal für die DRK-Orts- und Kreisverbände eine eigene Lösung zu finden", sagt Schütz. Dabei gibt es von Verband Fairwertung bereits ein Logo, dass nur Sammler am Container anbringen dürfen, die gewisse ethische Kriterien erfüllen.

Zusätzlich plane das DRK, eine Studie zum Altkleiderhandel in Auftrag zu geben, sagt Schütz. Wie Kekeritz und Ahlmann klagt aber auch er er über fehlende Daten und Expertisen. Auch in der Antwort auf die Kleine Anfrage ist wiederholt zu lesen: "Die Bundesregierung liegen hierzu keine Informationen vor."

Viele Fakten zu der Antwort auf die Abgeordnetenanfrage hatte der Fachverband Textilrecycling im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung beigesteuert. Vorsitzender Michael Sigloch, der in Schwäbisch Hall einen Textilverwertungsbetrieb besitzt, zeigte sich auch Monate später noch entrüstet über die NDR-Reportage. Gerade bei den Kooperationen mit gemeinnützigen Organisationen laufe "alles korrekt ab": Schließlich bezahlten die Firmen seines Fachverbandes vertraglich garantierte Nutzungsgebühren, die dann für gemeinnützige Zwecke eingesetzt werden könnten.

Sigloch beschreibt den Altkleider-Markt als umkämpft. Illegal aufgestellte Sammelcontainer seien daher für seine Branche ein zunehmendes Ärgenis. Die Kommunen zeigten sich oft hilflos und zögerlich, sagt er. "Zudem macht uns der Gesetzgeber nur Ärger." Denn egal ob hochwertige Altkleider, also "Creme-Ware", oder Rohstoff für Lappen: Zollrechtlich ist alles Abfall. Für solchen sind keine Vergünstigungen bei Einfuhrzöllen als "Ursprungsware" vorgesehen, was Altkleider aus der EU auf den Märkten weltweit verteuert.

Das Müll-Etikett macht auch beim neuen Kreislaufwirtschaft-/Abfallgesetz Probleme: Angestoßen durch private Altpapiersammler versuchen Städte und Gemeinden in der derzeit laufenden Novellierung, als "Daseinsvorsorger" die Sammlung und Verwertung jeglichen Mülls an sich zu ziehen zu können - also auch Altkleidung. Die Kommunen könnten also ihren Teil aus dem Kuchen der Wertschöpfungskette Altkleider schneiden. "Das würde uns zum Tankwart der Gemeinden degradieren", warnt Sigloch.

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