Alle bekennen sich zum Tierwohl

Mehr Tierwohl ist ein großes Thema auf der Grünen Woche. Viele Verbraucher sagen, sie seien bereit, dafür mehr zu bezahlen. Doch es gibt kein Kennzeichen, und das dürfte sich auch so schnell nicht ändern.

DIETER KELLER |

"Wir transportieren Tierschutz", steht übergroß auf einem großen Schweinetransporter, den der Deutsche Raiffeisenverband auf dem "Erlebnisbauernhof" auf der Grünen Woche ausstellt. Pünktlich zum Start der Messe unterm Berliner Funkturm wird verstärkt über das Thema Tierwohl diskutiert. Da wollen viele dabei sein. Aber bei Schweinen auf dem Weg zur Schlachtbank? "Bewässerung und Lüftung sind Hightech", schwärmt Raiffeisen-Vertreter René Kramer. Heute gebe es in der Landwirtschaft einen ganz anderen Umgang mit Tieren als vor 20 Jahren.

Auch nebenan am hochmodernen Kuhstall, in dem gut ein Dutzend Kühe eher träge liegen, preist ein Schild "Tierwohl und Technik" an. "Ich lebe mit und von meinen Tieren", bekennt Landwirt Johannes Lösing aus dem Münsterland. Man brauche eine innere Beziehung zu ihnen - auch wenn in seinen Mastställen 350 Rinder und 800 Schweine stehen. Das meiste Futter kommt von den eigenen Äckern. Massentierhaltung? "Bei solchen Diskussionen höre ich nicht mehr hin", bekennt der 58-Jährige. Die Gesellschaft diskutiere heute so und morgen so. Fernsehköche priesen längst nicht mehr Bio an, sondern regionale Produkte. Bauern müssten aber langfristig planen und investieren können.

Gering ist das Interesse am Tierwohl bei einem Quiz in der Halle des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Unter der einprägsamen Überschrift "Eine Frage der Haltung" wird da etwa gefragt, wofür die erste Ziffer des Erzeugercodes auf Eiern steht - für die Größe des Eis, das Mindesthaltbarkeitsdatum oder die Haltungsform? Letzteres ist richtig, und dies ist eine große Erfolgsgeschichte des Tierwohls. Seit da abzulesen ist, ob die Eier aus Bio-, Freiland-, Boden- oder Käfighaltung kommen, sind letztere fast völlig aus dem Handel verschwunden. "Auch damals gab es eine brettharte Debatte", erinnert sich Klaus Müller, früher Bundestagsabgeordneter für die Grünen und heute Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV). Er kann dem Vorschlag viel abgewinnen, dieses System auch auf Fleisch anzuwenden: "Wir brauchen Unterscheidungen im konventionellen Bereich."

Die Idee stammt vom baden-württembergischen Verbraucherminister Alexander Bonde. Der Grüne hatte schon vor zwei Jahren vorgeschlagen, Frischfleisch aus Biohaltung mit einer 0 zu kennzeichnen. 1 soll für Weidehaltung oder Auslauf stehen, 2 für mehr Platz im Stall und 3 für den gesetzlichen Mindeststandard. "Das ist der einzige konkrete Vorschlag", sagt er. Eine Arbeitsgruppe der Bundesländer berät darüber. Auch bei der EU-Kommission stoße er auf offene Ohren.

Nur Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will nicht mitmachen. Es gebe schon einen Dschungel an Labeln, meinte er auf der Grünen Woche. Er will lieber für einheitliche Standards für ihre Vergabe sorgen. Bei Eiern sei es leicht, die Einstufung an einem Kriterium festzumachen. Zumindest bei verarbeitetem Fleisch sei das schwierig. Bauernpräsident Joachim Rukwied wird in seiner Ablehnung deutlicher: Es gebe eine Vielzahl von Stalltpyen und Haltungsformen. Da würde eine Kennzeichnung von 0 bis 3 "nur für mehr Verwirrung sorgen". Verbraucherschützer Müller will Schmidts Abwehrhaltung nicht akzeptieren: "Wenn da nichts passiert, ist seine Bilanz der Legislaturperiode eine glatte Null."

Viele Verbraucher wären bereit, für mehr Tierschutz mehr Geld zu bezahlen - sagen sie zumindest in Umfragen. Zwei Drittel bekundeten dies in einer Umfrage des VZBV. Allerdings wusste jeder zweite nicht, woran er Fleisch aus artgerechter Haltung erkennen kann. Wofür derzeit hauptsächlich das Bio-Siegel steht. Auch drei von vier Bauern sind für eine Kennzeichnungspflicht der Form der Tierhaltung, ergab zumindest eine Forsa-Umfrage für kritische Bauernverbände.

Die meisten Besucher der Grünen Woche interessieren solche Diskussionen eher am Rande. Sie wollen die Vielfalt der Nahrungsmittel aus aller Herren Länder und Deutschland genießen. Schweine und Ferkel, die sie bestaunen können, erfahren höchstens den Ausruf "süß". Etwa das Schwäbisch-Hällische Landschwein, das die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall schon seit 30 Jahren in Berlin präsentiert, obwohl sie das Fleisch überwiegend regional vermarktet. Dabei beweist sie, dass Verbraucher durchaus bereit sind für Qualität, höhere Preise zu bezahlen. "Ohne die würde es viele kleine Bauern nicht mehr geben", erklärt Matthias Petig das Erfolgsrezept.

Wenig Fleisch aus Baden-Württemberg

Ländlich "Klasse statt Masse" attestiert der neue regionale Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung den Landwirten in Baden-Württemberg. Viele Betriebe setzten auf möglichst hochwertige regionale tierische Erzeugnisse. Allerdings geben immer mehr Bauern die Haltung von Rindern und Schweinen auf, während die verbleibenden größer werden. Inzwischen wird mehr als die Hälfte der Schweine in Betrieben mit mehr als 1000 Tieren aufgezogen. Das klingt nach viel und ist doch im Vergleich zu Norddeutschland wenig. Nur etwa die Hälfte des im Südwesten verzehrten Schweinefleischs und knapp zwei Drittel des Rindfleischs erzeugen baden-württembergische Landwirte. Bei Geflügel und Eiern ist der Selbstversorgungsgrad noch deutlich geringer.

 

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