Ärger mit der Zertifizierung

Die USA sind der größte Absatzmarkt deutscher Unternehmen außerhalb der EU. Aus Sicht der Unternehmer könnte er allerdings noch weit größer sein. Ein Besuch bei deutschen Firmenvertretern in Chicago.

THOMAS BLOCK |

Peter Riehle, graues Sakko, graue Krawatte, graue Haare, schwäbelt sogar, wenn er Englisch spricht. "Die Amerikaner lieben den Akzent, den werde ich auch nicht mehr los", sagt er und freut sich über das Stückchen Heimat, das er sich über all die Jahre in Chicago erhalten hat. Als Schwabe, der Riehle nun mal ist, arbeitet er natürlich für ein "kleines aber feines Unternehmen" aus Igersheim im, zwar nicht mehr schwäbischen aber immerhin baden-württembergischen, Main-Taunus-Kreis.

Wittenstein Holding Corp. heißt dieses Unternehmen und stellt mechatronische Getriebe her - Bauteile, die etwa dafür sorgen, dass Fahrstuhltüren sich öffnen und Gepäckbänder rollen. Als geschäftsführendes Vorstandsmitglied dieses Unternehmens kann Riehle das geplante transatlantische Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA kaum erwarten.

Allein in Illinois, dem US-Staat, in dem Chicago liegt, beschäftigen deutsche Unternehmen rund 33 500 Mitarbeiter, die gemeinsam Waren im Wert von 4,8 Mrd. Dollar (4,2 Mrd. EUR) importieren. In einer Umfrage der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer (AHK), einer Institution, die deutsche Firmen bei dem Umzug in die USA unterstützt, sprachen sich 69 Prozent für TTIP aus.

Das Abkommen ist in der Wirtschaft so beliebt, wie es auf Verbraucherseite gefürchtet ist. Häufigster Grund: Die Aussicht auf die Abschaffung von Zöllen und gemeinsame Industriestandards. Keine Rolle spielen hingegen die geplanten internationalen Schiedsgerichte (ISDS), mit denen es Unternehmen ermöglicht werden soll, Staaten auf Schadensersatz zu verklagen.

"ISDS ist praktisch irrelevant für unsere mittelständischen deutsche Mandanten", sagt W. David Braun, Partner der Kanzlei Quarles & Brady LLP und Vorsitzender der AHK USA-Chicago. "TTIP ist dafür da, um Handelshindernisse abzubauen, die uns als mittelständische Unternehmen belasten", sagt Riehle. Und das seien einige.

1996 hat Wittenstein den Sprung über den Atlantik gewagt und schlägt sich seitdem ganz wacker. Jährlich importiere man Waren im Wert von 25 Mio. EUR in die USA, sagt Riehle. Besser würde es allerdings laufen, wenn man auf diese 25 Mio. EUR nicht noch 4 Prozent Zölle zahlen und nicht alle Produkte doppelt zertifizieren müsste. "Die Doppelzertifizierung ist sehr zeitaufwendig. Dabei sind in vielen Fällen die Standards gleich hoch", sagt Riehle. Jedes Produkt müsse man doppelt produzieren und entwickeln. "Wenn Sie nur kleine Absatzzahlen haben, überlegen Sie aus Kostengründen zweimal, ob Sie überhaupt den Schritt in die USA wagen", sagt Riehle.

Mit TTIP würde diese doppelte Zertifizierung wegfallen. Denn anders als bei bisherigen Abkommen, die ihr Hauptaugenmerk auf die Beseitigung von Zöllen gelegt haben, soll mit TTIP eine gemeinsame Wirtschaftsszone geschaffen werden, in der gemeinsame Regeln gelten. Blinker hätten auf beiden Seiten des Atlantiks die gleiche Farbe, Lacke dieselben chemischen Bestandteile und Medikamente dieselben Zulassungspflichten.

Kritiker sehen hier das größte Risiko - schließlich ist bis heute nicht klar, wer genau diese Standards festlegen soll. Sie sehen alle Errungenschaften des europäischen Verbraucher- und Kulturgutschutzes in Gefahr. Befürworter sehen hier die größte Chance - schließlich würden Unternehmen auf beiden Kontinenten sehr viel Geld bei der Fertigung ihrer Exportgüter sparen.

Riehle als Vertreter der Wirtschaft im amerikanischen Exil hat nur wenig Verständnis für diese ganze Aufregung in Europa. Stattdessen möchte er lieber darüber reden, wie schwierig es ist, in den USA passendes Personal zu finden. "Sie brauchen jemanden, der nicht nur die Knöpfe drückt, sondern auch weiß, was da passiert", sagt er.

Der "Import" deutscher Arbeiter sei schwierig und in Amerika ist das Konzept der Fachausbildung nach deutschem Vorbild quasi unbekannt. "Finden Sie da mal Apllikationsingenieure." Fachkräftemangel also - genau wie zu Hause.

Vor zwei Jahren gestartet

TTIP Seit nun zwei Jahren verhandeln Gesandte der Europäischen Kommission und den USA über das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Mit ihm würde die größte Freihandelszone der Welt entstehen, die rund ein Drittel des weltweiten Handels auf sich vereint. Eigentlich sollte bis Ende 2015 ein Entwurf fertig sein, inzwischen rechnen Politiker aber damit, dass es sich deutlich verzögert.

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Themenschwerpunkt

Tagebuch: Auf TTIP-Tour durch die USA

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Volontäre haben ein gutes Leben bei uns. Einen haben wir gerade für elf Tage in die USA geschickt, damit er dort Geschichten zum Thema TTIP - dem Freihandelsabkommen - ausgraben kann. Um den Abschied zu erleichtern, haben wir ihn jedoch dazu überredet, sich regelmäßig per Video-Tagebuch zu melden.

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