17.000 Karstadt-Mitarbeiter bangen um ihre Stellen

Die 17.000 Karstadt-Beschäftigten hatten auf den großen Befreiungsschlag nach dem Einstieg des Investors René Benko gewartet. Doch stattdessen ist von Schließungen und Stellenstreichungen die Rede.

|
Sanierungsarbeiten an einem Karstadt-Gebäude in Magdeburg. Doch nicht nur äußerlich gibt es bei dem Warenhaus-Konzern viel zu tun.  Foto: 

Dunkle Wolken über Karstadt: Nach der mit Spannung erwarteten Krisensitzung des Karstadt-Aufsichtsrats wächst nun die Sorge um die Zukunft des Essener Traditionsunternehmens. Wer auf einen Befreiungsschlag und größere Investitionen in die Modernisierung durch den neuen Karstadt-Eigentümer René Benko gehofft hatte, wurde enttäuscht. Der harte Sanierungskurs, den er mit dem seit Jahren in der Krise steckenden Warenhauskonzern einschlägt, lässt eine düstere Zukunft für die Karstadt-Mitarbeiter erahnen.

Stellenstreichungen unter den 17.000 Beschäftigten und das Aus für ganze Filialen sind bei Karstadt plötzlich kein Tabu mehr - auch wenn es bei der Sitzung am vergangenen Donnerstag zunächst nicht um die Schließung konkreter Standorte ging. Für weitere Beratungen hat sich der Aufsichtsrat eine Frist von sechs Wochen bis zum nächsten Treffen Ende Oktober gesetzt.

Am Wochenende sickerten jedoch bereits erste Zahlen zu möglichen Sanierungsplänen durch. Die "Bild am Sonntag" zitierte aus einem Konzept, mit dem das Kontrollgremium Führungskräfte auf einen harten Sanierungskurs einstimmt. Bis zu 260 Mio. EUR könnte eine nachhaltige Sanierung kosten. Den 83 Filialen stünden Einschnitte bevor, also weniger Personal, weniger Kassen. Daneben sollen allein in der Essener Zentrale des Warenhaus-Konzerns rund 20 Prozent der Stellen abgebaut werden, berichtet das Blatt. Steuere der Konzern nicht gegen, so wären die liquiden Mittel bis März 2016 aufgebraucht.

Wer Karstadt retten will, kommt um eine "umfassende Sanierung" nicht herum, sagt auch der Sanierungsfachmann Harald Linné von der Managementberatung Atreus. "Die Chance für andere Optionen wurde in den letzten Jahren verpasst", meint Linné. Benko-Vorgänger Nicolas Berggruen habe nicht zur die "Komplexität des Problemfalls" unterschätzt, sondern auch in "fahrlässiger Art und Weise" nicht in die Weiterentwicklung des Unternehmens investiert.

Vor allem die Beschäftigten des Warenhausunternehmens sind alarmiert: "Man bereitet die Arbeitnehmervertreter auf harte Einschnitte vor und vertagt das bis zur nächsten Sitzung", beschreibt Experte Gerd Hessert von der Universität Leipzig die aktuelle Situation. Von dem Personalabbau könnten nach seiner Auffassung bis zu 4000 Beschäftigte betroffen sein. Von 83 Karstadt-Standorten verbucht er derzeit 29 Läden in der Kategorie "Rückzug", also Verkleinerung oder gar Abwicklung. Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein sieht sogar "zwischen 30 und 40" Standorte in Gefahr.

"Man überprüft jede Filiale, ob ein Personalabbau notwendig ist", sagt Experte Hessert. Doch die Personaldecke in den Warenhäusern sei schon deutlich ausgedünnt: Wo noch vor einigen Jahren ein Verkäufer im Warenhaus durchschnittlich für eine Fläche von 60 Quadratmetern zuständig gewesen sei, liege dieser Wert heute schon bei etwa 76 Quadratmetern. "Die kritische Personaldecke ist in vielen Warenhäusern bereits unterschritten", stellte Heinemann fest.

Gut laufende Karstadt-Filalen könnten von Benko in seine Premium-Group eingegliedert werden, meinte Hessert. Auf längere Frist sieht er - unabhängig von dem jeweiligen Eigentümer - jedoch nur eine Überlebenschance für eine Minderheit unter den Warenhäusern: "Ich glaube, dass in Deutschland von aktuell 191 Warenhausstandorten langfristig 70 Bestand haben. Für die Mitarbeiter ist das ein düsteres Bild.

Entgeltverhandlungen beginnen am Freitag

Neuauflage Erstmals seit der Karstadt-Übernahme durch den österreichischen Investor René Benko stehen in dem Konzern Tarifverhandlungen an - angesichts des harten Sanierungsprogramms erscheint der Spielraum begrenzt: Die Tarifgespräche seien für diesen Freitag in Göttingen geplant, sagte der Verdi-Vertreter im Karstadt-Aufsichtsrat, Arno Peukes, gegenüber der "WAZ".

Verzicht Karstadt hatte unter dem früheren Eigentümer Nicolas Berggruen eine "Tarifpause" verkündet. Die Karstadt-Beschäftigten sollen auf Lohnsteigerungen aus der Tarifrunde für die Branche verzichten. "Unser Ziel ist, dass Karstadt schnell wieder in den Tarifvertrag zurückkehrt und eine Standort- und Beschäftigungssicherung zusagt", sagte Peukes. dpa

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Google & Co: Müssen die Internetgiganten zerschlagen werden?

Google, Amazon, Facebook: Die Digitalisierung hat Firmen hervorgebracht, die kaum Konkurrenz haben. In der analogen Wirtschaft gibt es dafür ein Wort: Monopol. weiter lesen