Zugfahrt in Begleitung

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Ein kalter Wind weht übers Gleis, als der ICE nach Köln im Stuttgarter Hauptbahnhof einfährt. „Sieben Minuten Verspätung“, stellt Philipp fest. Dann wuchtet der Neunjährige seinen roten Ziehkoffer gekonnt vom Bahnsteig in den Zug. Wie jeden zweiten Freitag, wenn er übers Wochenende zu Papa nach Köln fährt.

Philipp ist kein Einzelfall. „Viele Kinder pendeln zwischen getrennt lebenden Elternteilen“, weiß Hannah Faensen von der Bahnhofsmission. Familienmodelle ändern sich, aus persönlichen oder beruflichen Gründen. Laut Statistischem Bundesamt erleben jedes Jahr 150 000 Minderjährige die Scheidungen ihrer Eltern, Trennungen von unverheirateten Paaren nicht eingerechnet. Da geteiltes Sorgerecht gewünscht und die Regel ist, wachsen die Kinder meist in zwei Kinderzimmern auf. Aufgrund verstärkter Mobilität liegen diese mitunter mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt.

Für diese wachsende Zielgruppe hat die Deutsche Bahn in Zusammenarbeit mit der Bahnhofsmission vor 14 Jahren den Kinderbegleitservice „Kids on Tour“ eingerichtet. Auf mittlerweile neun Strecken im Bundesgebiet sind immer freitags und sonntags Plätze für jeweils bis zu zehn allein reisende Kinder reserviert – Betreuung durch pädagogisch geschulte Ehrenamtliche inklusive. Die Nachfrage ist groß und steigt weiter. Waren 2003 „nur“ 200 Kinder an Bord, sind vergangenes Jahr schon 8430 kleine Fahrgäste zwischen sechs und 14 Jahren mit der Aktion durchs Land gereist. Laut Faensen, die das Projekt leitet, wurden bislang rund 80 000 Buchungen gezählt.

Philipps erste „Kids on Tour“-Fahrt ist knapp zwei Jahre her. Damals war sein Vater zu seiner neuen Partnerin nach Köln gezogen. „Ich hatte schon ein bisschen Angst“, gibt der Bahnprofi zu. Und: „Mama hat ganz oft angerufen.“ Inzwischen sind die Wochenendausflüge im 14-Tage-Turnus für die Familie zur Gewohnheit geworden. Freitags nach der Schule geht’s los Richtung Bahnhofsmission, wo Mama Gesundheitszeugnis und Reisevertrag vorlegt. Mindestens sieben Tage im Voraus müssen begleitete Fahrten zu Papa, Oma, Mama oder dem Patenonkel gebucht werden. Zusätzlich zur Fahrkarte berechnet die Bahn für den Service 35 Euro pro Strecke. Abholer sind festgelegt und müssen sich ausweisen, bevor sie ihren Schützling am Zielort mitnehmen dürfen.

Zurück im Zug. Philipp packt eine Vesperdose aus und beißt beherzt ins Käsebrot. Auch Max (10) und Melissa (9), seine „Zugfreunde“, legen Leckereien vor sich auf den Tisch. Melissa ist unterwegs zu Mama und dem kleinen Bruder, Max besucht seinen Vater in Mannheim. Fast jedes Mal treffen sich die Pendelkinder im ICE. Sie kennen sich gut, erzählen von Zuhause und wissen, warum Papas Freundin oder das neue Halbgeschwisterchen nervt. „Viele der „Kids on Tour“-Kinder reisen regelmäßig“, erzählt Faensen. Geschätzt sind 90 Prozent der kleinen Vielfahrer Scheidungskinder.

Zuhörer, Tröster, Spielkamerad

Zum ersten Mal mit im Abteil sitzt die siebenjährige Emily. Beim Abschied am Bahnhof hat sie geweint und blickt immer noch ein bisschen ängstlich in die Runde. Doch spätestens, als Begleiter Thomas M. die Kids zu einem Rätselspiel einlädt, bricht das Eis. Der 28-Jährige, der unter der Woche im Einzelhandel arbeitet, engagiert sich seit drei Jahren bei der gemeinnützigen Organisation. Einmal im Monat ist er Zuhörer, Tröster oder Spielkamerad im Bahnabteil. „Ich kenne das Dasein als Pendelkind“, sagt er. Auch wenn seine Eltern nur wenige Kilometer voneinander entfernt gelebt haben. 200 ehrenamtliche Begleiter sind aktuell für „Kids on Tour“ aktiv. „Voraus gehen Probedienste am Bahnhof und Fahrt-Hospitationen“, sagt Faensen. Passt das Engagement für beide Seiten, stehen Einführungsseminar und Erste-Hilfe-Kurs an. Zusätzlich finden jedes Jahr Fortbildungen statt, beispielsweise zum Thema „Spielen im Zug“ oder „Kinder im Spannungsfeld Familie“.

Halt in Mannheim. Max steigt aus. Draußen wird er von einem Mitarbeiter der Mission in Empfang genommen. Die Kinder winken sich noch kurz zu, dann geht es weiter. „Eigentlich wäre ich heute gern in Stuttgart geblieben“, murmelt Philipp. Sein bester Freund feiert Geburtstag. „Die spielen Lasertag“, berichtet er und schaut verkniffen aus dem Fenster. Am Kölner Hauptbahnhof steigen Melissa, Emily und Philipp gutgelaunt aus und folgen ihrem Begleiter zu den Räumen der örtlichen Bahnhofsmission. Philipps Vater ist schon da und nimmt seinen Sohn mit einem Lächeln in Empfang. „Ich hab dich vermisst“, flüstert Philipp, während er sich fest an seinen Papa drückt. Ähnlich innig laufen die Begrüßungen der Mädchen ab. „Bis Sonntag“, ruft Philipp noch schnell, bevor er aufgeregt plappernd an der Hand seines Vaters davonmarschiert.

Auch für allein reisende Fluggäste zwischen fünf und 17 Jahren gibt es Betreuungsangebote. Fast alle Airlines haben den sogenannten UM-Service für unbegleitete Minderjährige im Programm. Geschulte Mitarbeiter begleiten die Kinder vom Check-In durch die Sicherheitskontrolle bis zum Gate. An Bord sitzen die kleinen Passagiere allein, aber in der Nähe der Flugbegleiter. Ein neuer Betreuer wartet am Zielflughafen, wo er die Minderjährigen durch alle Prozesse bis zur Abholung begleitet. Kostenpunkt: Ca. 60 bis 100 Euro pro Strecke.

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