Wenn Schüler Strecke machen

Früh raus, um pünktlich in der Schule zu sein: Viele Kinder nehmen für den Schulbesuch ordentlich Kilometer auf sich. Nicht für jeden Schüler ist das eine Zumutung, sondern mitunter sogar die große Freiheit.

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  • Drängeln, schieben, hauptsache reinkommen: Vor und in Schulbussen geht es mitunter rau zu. Foto: Markus Sontheimer 1/2
    Drängeln, schieben, hauptsache reinkommen: Vor und in Schulbussen geht es mitunter rau zu. Foto: Markus Sontheimer
  • Sie sind den Schulbus gewohnt: Pia und Toni Lindinger. Foto: Christina Kirsch 2/2
    Sie sind den Schulbus gewohnt: Pia und Toni Lindinger. Foto: Christina Kirsch
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Radeln, auch bei Regen

Bis zum letzten Schuljahr war es für Jakobina (12) kein Problem, mit dem Fahrrad zur Realschule in den Nachbarort zu kommen. Jetzt, im neuen Schuljahr sieht alles anders aus. Die Familie zog von der Blaubeurer Innenstadt in ein abseits gelegenes Haus zwischen Blaubeuren und Herrlingen. Es gibt keinen direkten Anschluss an Bus oder Bahn.

Bei schönem Wetter ist es kein Problem die knapp fünf Kilometer bis zur Schule mit dem Rad zurück zu legen. Da die Tage jetzt wieder kürzer werden und es früher dunkel wird, bleibt Jakobina nichts anderes übrig, als den Bus oder den Zug zu nehmen. "Nein, schlimm find ich das nicht." Bis zum Bahnhof nach Herrlingen sind es ungefähr vier Kilometer. "Papa fährt mich bis zum Bahnhof, der muss ja eh nach Ulm fahren." Von Herrlingen aus geht es entweder mit dem Zug oder mit dem Bus nach Gerhausen zur Realschule. Der Regionalbus fährt um 7.08 Uhr und braucht knapp zehn Minuten. Zeit genug, um pünktlich zur ersten Stunde um 7.45 Uhr an der Schule zu sein. Anders sieht es schon aus wenn sie ihre Freunde in Blaubeuren besuchen möchte. "Da muss ich sie fahren, das verbinde ich dann gleich mit einem Einkauf oder anderen Erledigungen", erzählt Jakobinas Mutter Natascha Wagner.

Mobilität ist dort draußen schon wichtig. Ohne ein zweites Auto ist es kaum möglich die näheren Ortschaften zu erreichen. Es muss sich erst noch alles einspielen, schließlich wohnen Wagners erst seit Juni draußen im Altental. Beim Umzug haben sich die Eltern schon Gedanken darüber gemacht wie es sein wird, völlig ohne Verkehrsanbindung auszukommen. Seit kurzem hat auch die älteste Tochter den Führerschein und damit steht Jakobina ein weiterer Chauffeur zur Verfügung.Aus Freundschaft fahren

Toni Lindinger besucht die Realschule in Ehingen, obwohl für ihn die Realschule in Erbach näher liegt. "Weil mein Freund dorthin geht", sagt der 13-Jährige. "Weil uns das Konzept der Schule überzeugt", sagt die Mutter.

Die Familie Lindinger wohnt in Oberdischingen. Toni läuft vom Haus zehn Minuten zur Bushaltestelle, fährt 20 Minuten mit dem Bus nach Ehingen an den Lindenplatz und steigt dort in den Stadtbus um. Der braucht dann nochmal zehn Minuten. "Um 10 vor 7 laufe ich los", sagt der Realschüler. Um 7.45 Uhr beginnt der Unterricht. Die Strecke von Oberdischingen nach Ehingen ist einschließlich der Umwege über die Dörfer doppelt so weit wie die Strecke nach Erbach.

Toni hat Glück. Wenn er in den Bus steigt, ist er noch fast leer. "Ab Gamerschwang muss man stehen", sagt der Junge. Und manchmal müsse man auch etwas drücken. Denn jeder will einen Sitzplatz. Seit diesem Schuljahr fährt Tonis Schwester Pia (10) ebenfalls mit dem Bus von Oberdischingen nach Ehingen. Sie findet das nicht so schlimm und hält sich erst mal an ihren Bruder. "Und dann haben wir noch unsere Diva", sagt die Mama. Das ist die große Schwester Anna. Die muss nicht umsteigen, sondern darf am Lindenplatz aussteigen und kann zum Gymnasium laufen. "Jeder wie er es verdient", grinst die 15-Jährige.Die große Freiheit

Familie Fried lebt in Lonsee. Deswegen sagt Andrea Grulke-Fried: "Rein von der Strecke her betrachtet ist es eigentlich egal, ob meine Kinder nach Geislingen, Dornstadt oder Ulm zur Schule gehen. Wir liegen ziemlich in der Mitte. Fahren müssen sie immer." Die Kinder, das sind Franziska (12) und Jan-Ludwig (16).

Für Franziska begann das große Streckemachen vor zwei Jahren, als sie auf die Anna-Essinger-Realschule wechselte. Dorthin wollte das sportbegeisterte Mädchen, weil die Schule ein Sportprofil hat. Die Eltern rieten zu: "Franziska hat zwar ein sehr gutes Zeugnis, aber auch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Wir wollten nicht, dass sie später auf einem Gymnasium nur gefrustet ist", sagt Andrea Grulke-Fried. Damit begann Franziskas tägliche Fahrerei von Lonsee nach Ulm - und nachmittags wieder zurück.

22 Kilometer liegt Lonsee von Ulm entfernt. Um 5.45 Uhr steht Franziska auf, 6.15 Uhr geht sie aus dem Haus um den Zug um 6.30 Uhr zu bekommen. Der Unterrichtsbeginn ist zwar erst 7.30 Uhr, aber Franziska will den frühen Zug nehmen, um wirklich pünktlich im Klassenzimmer zu sein. "Das würde mein Sohn nie machen. Der bleibt so lange wie möglich im Bett", sagt Andrea Grulke-Fried. Es gibt zwar noch einen späteren Zug ab Lonsee, doch der würde so in Ulm ankommen, dass Franziska eine Minute vor Schulstundenbeginn im Klassenzimmer wäre. Das ist ihr einfach zu spät. Zumal sie ja vom Hauptbahnhof mit dem Bus zur Anna-Essinger-Schule weiterfahren muss.

Diese Strecke ist die Ulmer Schulbusstrecke überhaupt. Hat Franziska schon mal auf die Fahrerei geschimpft? "Nein, nur auf die Bahn", erzählt ihre Mutter. Wegen Verspätungen, oder dass überraschend Übergänge gesperrt waren oder im Winter ohne Vorwarnungen Züge ausfielen. Für Franziska bedeute das Zugfahren aber auch "die große Freiheit", sagt ihre Mutter. In Ulm ins Kino gehen, sich mit Freundinnen treffen - das genieße sie. Jan-Ludwig hingegen hat in dieser Woche an der privaten Akademie für Kommunikation angefangen. Seine Mutter ist sich sicher: "Das gibt keine Probleme."

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