Wenn Retter zu Opfern werden

|
Vorherige Inhalte
  • Bilder des Schreckens: Der Umriss des Amokläufers Tim K. aus Winnenden, der sich vor einem Autohaus erschossen hat (2009) . . ., 1/3
    Bilder des Schreckens: Der Umriss des Amokläufers Tim K. aus Winnenden, der sich vor einem Autohaus erschossen hat (2009) . . ., Foto: 
  • . . . Soldaten und Polizisten in einem Brüsseler Einkaufszentrum nach dem Anschlag auf die Metro der belgischen Hauptstadt (2016), . . .  2/3
    . . . Soldaten und Polizisten in einem Brüsseler Einkaufszentrum nach dem Anschlag auf die Metro der belgischen Hauptstadt (2016), . . .  Foto: 
  • . . . Rettungskräfte versorgen Verletzte vor dem Stade de France nach den Selbstmordattentaten von Paris (2015).   Fotos: dpa 3/3
    . . . Rettungskräfte versorgen Verletzte vor dem Stade de France nach den Selbstmordattentaten von Paris (2015). Fotos: dpa Foto: 
Nächste Inhalte

Johannes Stocker ist Rettungsdienstleiter, als ein ehemaliger Schüler am 11. März 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden 15 Menschen erschießt. Der 17-Jährige tötet in einem Klassenzimmer drei Schülerinnen und verletzt weitere. Auf dem Flur feuert er tödliche Schüsse auf zwei Referendarinnen ab, die sich zufällig dort aufhalten. Im Chemiesaal stellt sich eine Referendarin vor die Schüler, der Täter feuert durch die Tür und trifft sie tödlich. Während er in der Schule weitere Opfer sucht und findet, geht der erste Notruf in der Rettungsleitstelle ein. Um 9.34 Uhr folgen verzweifelte Hilferufe aus den Klassenzimmern.

„Solche Anschläge kennen wir aus den USA, aber doch nicht im Land der Maultaschen“, sagt Stocker, als er den folgenden Rettungseinsatz bei einem Symposium zu „Taktischen Lagen im Rettungsdienst“ in Düsseldorf noch einmal Revue passieren lässt. Der Saal ist brechend voll. Mitarbeiter von Rettungsdiensten, Notärzte, Polizisten, Vertreter von Einsatzkommandos und der Bundes-Spezialeinheit GSG 9 suchen gemeinsame Vorgehensweisen für Szenarien, die sich nach Attentaten wie denen in Paris, Brüssel oder auf der norwegischen Ferieninsel Utøya bieten.

Vom Militär lernen

Oder nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden.   „Es gibt in Baden-Württemberg keine gemeinsame Vorgehensroutine für Sicherheits- und Rettungskräfte“, sagt Stocker. Und es fehlt an Erfahrung. In Winnenden war der erste Rettungswagen nur fünf Minuten nach dem Alarm vor Ort, berichtet Stocker. „Die Besatzung findet einen verlassenen Streifenwagen vor, sucht nach den Polizisten, geht ungeschützt vor, obwohl vor Schusswaffengebrauch gewarnt worden war.“ Überall liegen Patronenhülsen, Kinder schreien. „Wir waren in dieser Phase überfordert“, sagt Stocker. Wäre der Amokschütze noch vor Ort gewesen, hätten Retter schnell zu Opfern werden können.

„Es ist völlig unstrittig, wer sich um die unsicheren Bereiche kümmern muss: Das ist eine Polizeiaufgabe“, sagt Renate Bohnen, die Leiterin des polizeimedizinischen Dienstes der GSG 9. Die Sicherheitskräfte wollen den Tatort absperren, Beweise sichern, den Täter festnehmen. Aber wo bleibt das Lebenretten? Feuerwehr und Rettungskräfte wollen schnell zu den Verletzten. „Wir arbeiten nebeneinander her, nicht miteinander“, stellt die Medizinerin der Eliteeinheit bedauernd fest.

Jan Vaes ist seit 1998 Intensivkrankenpfleger am Militärkrankenhaus in Brüssel. Als am 22. März um 7.58 Uhr am Flughafen Bomben hochgehen und wenig später Sprengsätze in der Maalbeek Metro-station explodieren, ist er im Einsatz. Ein Amateurvideo zeigt, wie die Druckwelle Menschen umwirft, wie Trümmer und Metallteile aus dem Sprengsatz auf die Passanten hageln, wie Gliedmaßen  abgerissen werden.

Die Notärzte müssen die Blutungen stillen und dann mit den Patienten ins Krankenhaus rasen. Das kennt Vaes aus den Auslandseinsätzen, in denen er war, aus Afghanistan und verschiedenen afrikanischen Ländern.  Ohne die Erfahrung aus den Kriegsgebieten wäre der Einsatz nach den Brüsseler Anschlägen für ihn und die anderen Helfer viel schwieriger gewesen, sagt Vaes.

Vom Militär für Kriseneinsätze lernen, das sollen auch die Retter in Deutschland. „Wir wissen nicht, was uns vor Ort erwartet“, sagt Björn Hossfeld, Notarzt aus Ulm und stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe „Taktische Medizin“ in der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Es kann eine Sarin-Vergiftung sein wie damals in der U-Bahn in Tokio, es können Schüsse sein wie im Konzertsaal Bataclan in Paris, Messer oder Beilattacken wie in Ansbach und Würzburg oder Sprengstoffanschläge wie in Brüssel. Die Situation  vor Ort ist oft unklar.

„Die Idee, dass wir als Rettungskräfte aus der gefährlichen roten Zone ganz draußen bleiben, funktioniert in der Praxis nicht“, sagt Hossfeld. „Wir brauchen die Verletzten, um sie so schnell wie möglich versorgen zu können.“ Deshalb gehen sie zum Tatort, sichten die Opfer, bergen die Überlebenden und verlassen dann so schnell wie möglich den Anschlagsort. Das soll die Gefährdung für die Helfer reduzieren – falls  nach der ersten eine zweite Bombe hochgehen sollte, so wie es beim Boston-Marathon geplant war, oder weiter geschossen wird.

Deshalb muss die Sichtung der Opfer so einfach vor sich gehen wie nach dem Anschlag auf die Konzerthalle Bataclan in Paris: „Lebt – lebt nicht – kann gehen.“ Richtig versorgt wird der stabilisierte Patient erst im Krankenhaus. Rettungsdienste, Polizei und Feuerwehr müssen gemeinsam solche Einsätze üben. Sie müssen lernen, gegenseitig die Branchensprache zu verstehen, die Kommunikation zwischen Polizei und Rettern muss übergreifend laufen.

Schließlich müssen alle Beteiligten von den Erfahrungen  anderer Länder nach Terrorattacken lernen: „Die Terroristen tun das auch“, sagt David Schiller, der viele Jahre für eine israelische Eliteeinheit gearbeitet hat. Heute berät er Spezialkräfte der Polizei in Terrorlagen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Bahnhof Senden: Steg statt Unterführung

Durchbruch: Die Sendener können künftig im Bereich des Bahnhofes die Gleise queren. Statt dem geplanten Tunnel wird eine Überführung gebaut. weiter lesen