„Der letzte große Clown“: Oleg Popow gestorben

Einen herzlicheren Abschied hätte sich der weltberühmte russische Clown Oleg Popow kaum wünschen können. Mitreißend und herzerweichend wie eh und je fängt der 86-jährige Mime bei einem Gastspiel in seiner russischen Heimat die Sonnenstrahlen in einem Korb ein - es ist eine seiner beliebtesten Nummern.

|
Der russische Clown und Pantomime Oleg Popov. Foto: Horst Ossinger/Archiv

Einen herzlicheren Abschied hätte sich der weltberühmte russische Clown Oleg Popow kaum wünschen können. Mitreißend und herzerweichend wie eh und je fängt der 86-jährige Mime bei einem Gastspiel in seiner russischen Heimat die Sonnenstrahlen in einem Korb ein - es ist eine seiner beliebtesten Nummern.

Das war am Sonntag im Zirkus der südrussischen Großstadt Rostow am Don. Am Mittwochabend stirbt Popow an Herzversagen. Er sei friedlich in einem Sessel eingeschlummert, heißt es. Aufrichtig beklatscht und gefeiert tritt einer der größten Clowns des 20. Jahrhunderts von der Bühne.

„Russlands Charlie Chaplin“, „Hans im Glück“, „der heitere Clown“ - strahlende Umschreibungen und Kosenamen hat Oleg Popow in seinen mehr als 60 Jahren in der Manege erworben. Die schwarz-weiß karierte Ballonmütze, die strohblonde Perücke und die knallrote Pappnase waren sein Markenzeichen. Akrobatik wie eine Seiltanznummer gehörten ebenso zu seinem Repertoire wie Albernheit und Parodie. Mit geradezu poetischen Sketchen und einem feinen Blick fürs Menschliche erlangte er internationale Berühmtheit und zog Generationen in seinen Bann.

„Ein Clown sollte in erster Linie ein guter Mensch sein - sympathisch und optimistisch“, sagte Popow einst. „Es gibt viele Menschen, die glauben, dass Clownsein einfach ist. Aber lediglich eine rote Nase aufzusetzen und lustig zu sein – so einfach ist es nicht“, meinte er 2013 im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Um gut zu sein, muss man so arbeiten, als ob man die Dornen einer Rose anfasst.“

Popow wusste, wovon er sprach, denn sein Leben begann nicht als das eines Spaßmachers, der damit rechnen durfte, 1981 den Goldenen Clown zu gewinnen - den Oscar der Zirkuswelt. Geboren am 31. Juli 1930 in der Ortschaft Wyrubowo bei Moskau, verliert er früh seinen Vater. Der Uhrmacher wird 1941 wegen angeblicher „Missachtung“ von Sowjetdiktator Josef Stalin verhaftet und stirbt im Gefängnis.

Nach einer vom Mangel in Weltkriegszeiten geprägten Kindheit beginnt Popow eine Schlosserlehre. Als er mit einem Auftritt bei einer Sportveranstaltung auf sich aufmerksam macht, bekommt er überraschend einen Platz in einer renommierten Artisten-Schule.

Doch seine erste Nummer 1951 in der Wolgastadt Saratow erregt Kritik als „kosmopolitischer“ Sketch in einer Zeit, die von der Ost-West-Konfrontation des Kalten Krieges geprägt ist. Kurzerhand wird sie verboten. Popow wird an den Zirkus in der georgischen Hauptstadt Tiflis versetzt, bevor er später in Moskau auftreten darf.

In der Sowjetunion nimmt Popow eine zweideutige Position ein. Einerseits wird er als Volkskünstler gefeiert und mit Preisen geehrt, andererseits parodiert er bei Auftritten auch das Politbüro. Mitglied der Kommunistischen Partei wird er nie. „Ein Clown sollte nicht einer Partei folgen, sondern seinem Gewissen“, sagte Popow später.

Nach dem Ende der UdSSR 1991 bricht er mit seiner Heimat. Popow streitet um die Zirkusleitung und verliert in der russischen Bankenkrise viel Geld. Schließlich heiratet er eine mehr als 30 Jahre jüngere Deutsche und lässt sich in Franken nieder. Eine Zeit lang tritt er unter dem Pseudonym „Hans im Glück“ auch in Deutschland auf. Fast ein Vierteljahrhundert lang kehrt Popow Russland den Rücken.

Erst 2015 besinnt er sich auf seine Wurzeln und kommt für einen Gastauftritt in den russischen Schwarzmeerkurort Sotschi. Als er Anfang 2016 auch in der früheren Zarenmetropole St. Petersburg spielt, erklärt er, lange habe er daran gedacht, seine Karriere zu beenden. „Aber als ich in die Arena kam und der ganze Zirkus aufgestanden ist und applaudiert hat, und ich gefühlt habe, dass die Zuschauer den ganzen Tag so klatschen könnten, da habe ich so etwas wie einen zweiten Atem bekommen“, erzählte er damals von seinem Auftritt in Sotschi. „Die Russen haben mir diesen Atem eingehaucht.“

Die Zirkuswelt feiert Popow als das Gesicht einer Ära, die mit seinem Tod zu Ende geht. „Es gibt heute im russischen Zirkus keine Figur von der Bedeutung Oleg Popows“, sagt Edgard Sapaschni, Leiter des Moskauer Staatszirkus. „Der letzte Mohikaner ist gestorben.“ Der Chef des Leipziger Clown-Museums, Hans-Dieter Hormann, sagte: „Er wird immer einmalig und unerreicht bleiben.“

Mehrere Shows waren noch in Russland geplant. Es wurde seine Abschiedstournee. „So lange die Sonne scheint, wird der Zirkus existieren“, sagte Popow dem russischen Staatsfernsehen. Bis zuletzt lebte er diese Überzeugung. So liest sich der Titel seiner Tournee wie ein letzter Wunsch, den Popow der Welt und seiner russischen Heimat mit auf den Weg gibt: „Möge die Sonne immer scheinen!“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Bahnhof Senden: Steg statt Unterführung

Durchbruch: Die Sendener können künftig im Bereich des Bahnhofes die Gleise queren. Statt dem geplanten Tunnel wird eine Überführung gebaut. weiter lesen