Wallenfells Urteil

Acht Neugeborene hat die Frau im oberfränkischen Wallenfels in Plastiktüten in einer Sauna versteckt. Das Gericht verurteilte sie nun wegen Totschlags.

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Mit einer Aktenmappe vor dem Gesicht steht die wegen Mordes angeklagte Andrea G. neben ihrer Anwältin Julia Gremmelmaier in Coburg vor Gericht. Links mit gesenktem Kopf ihr wegen Beihilfe zum Mord angeklagter Mann, Johann G. neben seinem Anwalt Hilmar Lampert. Sie bekommt wegen Totschlags 14 Jahre Haft; er will von den Schwangerschaften und Kindstötungen nichts bemerkt haben und wird freigesprochen.  Foto: 

Wer acht Kinder zur Welt bringt und sie tötet, wenn sie schreien, wer alle acht Babys in Plastiktüten verpackt und versteckt – der könne doch nicht normal sein? Das fragt der Staatsanwalt den Psychiater, und bekommt zu hören: Wer solche Taten begeht, muss nicht psychisch krank sein. Am Mittwoch hat das Gericht entschieden: Wegen Totschlags soll die Mutter der acht toten Babys, die im November im oberfränkischen Wallenfels gefunden wurden, für 14 Jahre ins Gefängnis. Sie lehnt in ihrem Stuhl, wie fast während des gesamten Prozesses stützt sie ihren Kopf auf eine Hand. „Sie ist die Verdrängerin“, sagt Richter Christoph Gillot, „und nicht die planvolle Entscheiderin“.

Das Gericht hat sich bemüht zu tun, worum der Anwalt der Frau gebeten hatte. „Finden Sie eine Strafe, die auch der Not meiner Mandantin gerecht wird“, hatte ihr Anwalt gesagt. Nur Annahmen über die Motive könne die Kammer treffen, sagt Gillot. „Wirklich reinschauen können wir nicht.“ Er verurteilt die Frau nicht als Mörderin. Die heute 45-Jährige könnte nach gut neun Jahren freikommen. Den Vater spricht das Gericht frei.

Die Frau, die nun lange in Haft soll, ist nicht nur die Mutter der acht toten Säuglinge. Sie hat fünf Kinder, die leben. Die drei jüngsten Mädchen hätten geschlafen, als die Geburten sie überraschten, sagt die Mutter der Polizei. Immer nachts sei das gewesen, ihr Mann sei auch immer weg gewesen. Die Babys seien „aus ihr herausgeplumpst“, jedes Mal, in der Küche oder im Bad.

Der Rechtsmediziner beschreibt den Inhalt der Tüten, in denen die Überreste der Säuglinge lagen, und den Geruch. Die Mutter hatte ihre Neugeborenen in Handtücher gewickelt, am Kopf immer etwas enger. Wenn die Kinder zu  schreien anfingen,  drückte sie zu.

Ist die Mutter nun, hatte der Staatsanwalt gefragt, ein „liebes Mädel“ oder „eiskalte Mörderin“? Das eine sagt ihr Ex-Freund, das andere ihre Mutter. Der Staatsanwalt hält sie für eine Mörderin. Sie sei, das sagt er so, „das Böse“. Ihr Verteidiger sagt: „Wenn ich im Schrecken verharre, werde ich der Sache juristisch nicht gerecht.“ Die Frau sei in einer konfliktreichen Beziehung gefangen gewesen und so überfordert, dass sie die acht Neugeborenen wegpackt.

Ihr Anwalt erklärt das mit dem Phänomen Neonatizid: Wenn Frauen ihr Kind in den ersten 24 Stunden töten, die Schwangerschaft verdrängen oder verheimlichen, sich verlassen fühlen. „Aber“, sagt er, „sie hat daraus nicht gelernt.“ Hat sie jedes Mal wieder verdrängt? Er überlässt Gillot die Antwort – und verzichtet auf eine konkrete Strafforderung. Er versucht, seine Mandantin zu verstehen, und kommt an seine Grenzen.

„Das sind bizarre Fälle“, sagt Michael Soyka, Experte für Kindstötungen, aber nicht am Prozess beteiligt. Verdrängte Schwangerschaften kämen immer wieder vor, und: „Eine Schwangerschaft wird verborgen, dann wird vielleicht auch die nächste verborgen.“

Für das Gericht ist klar: „Sie war erfahren“, sagt Gillot. „Sie wusste, wie es läuft.“ Dennoch: Für das Urteil sei wichtig gewesen, warum die Mutter nicht verhütete, warum sie sich nicht sterilisieren ließ. Die Familie habe über ihren Kopf hinweg entschieden, dass sie den Eingriff machen lassen müsse. „Das kann eine Frau schon als Angriff auf ihre Integrität empfinden – und innerlich rebellieren.“

Der Vater (55) will nichts bemerkt haben von den Schwangerschaften, obwohl sie regelmäßig Sex hatten. Auch von den Leichen, die sie in einer Gartensauna versteckt hat, will er nichts geahnt haben.

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