Vor 20 Jahren sank die "Jan Heweliusz"

Ein Orkan treibt die polnische Ostseefähre "Jan Heweliusz" vor sich her, binnen Minuten sinkt das Schiff vor der Küste Rügens. Nur 9 von 64 Menschen überleben das Unglück vor 20 Jahren.

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Die Ostsee tobt in jener Orkannacht vor 20 Jahren. In den vier bis sechs Meter hohen Wellen treibt die polnische Fähre "Jan Heweliusz" am frühen Morgen des 14. Januar 1993 kieloben im Wasser. "Orangefarbene Rettungsinseln taumelten im aufgepeitschten Wasser. Dazwischen trieben Tote, teilweise noch im Pyjama, teilweise halbbekleidet mit Rettungsanzügen. Es war erschreckend." Andrea Wiesel kann den Anblick, der sich ihr als junge Militärärztin beim Anflug mit dem Hubschrauber "SAR Kiel" auf die Unglücksstelle rund 27 Kilometer östlich von Sassnitz bot, bis heute nicht vergessen. "Es war, als ob ein Quirl die Ostsee aufgewühlt hätte", sagt die heute 52-Jährige.

Das Unglück der "Jan Heweliusz" zählt neben dem Untergang der Fähre "Estonia" mit 852 Todesopfern im September 1994 zu den schlimmsten Nachkriegs-Schiffskatastrophen auf der Ostsee. 55 Menschen erfrieren im zwei Grad kalten Wasser oder werden beim Kentern von herumschleudernden Gegenständen erschlagen. Nur neun Menschen überleben.

Allen Warnungen zum Trotz gibt Kapitän Andrzej Ulasiewicz in der Sturmnacht kurz vor Mitternacht das Signal zum Auslaufen der RoRo-Fähre aus dem Swinemünder Hafen. Die Fähre der Reederei "Euroafrica Shipping Lines" nimmt Kurs auf das schwedische Ystad. "Um 4.45 Uhr des folgenden Morgens schreckte ein Mayday-Hilferuf die Mannschaft die wachhabenden Funker von Radio Rügen hoch", erinnert sich der frühere Funker Lothar Schirrmacher. Die Fähre muss innerhalb weniger Minuten in schwere Schlagseite geraten sein, mutmaßt Schirrmacher.

Eine Einschätzung, die sechs Jahre nach dem Unglück vom polnischen Seegericht in Gdynia bestätigt wird. Demnach hat Kapitän Ulasiewicz ab 2.10 Uhr Ballastwasser in die Ausgleichstanks auf der linken Seite des Schiffes pumpen lassen, um die Fähre zu stabilisieren.

Als sich die Fähre im Sturm gegen 4.25 Uhr gefährlich auf die Backbordseite neigt, will der Kapitän das Ballastwasser umpumpen. Doch hat sich das Schiff bereits so stark geneigt, dass die Pumpen völlig unwirksam sind. Um 5.12 Uhr treibt die "Jan Heweliusz" kieloben im Wasser.

Das Gericht registrierte erhebliche Sicherheitsmängel an der Fähre, die seit der Indienststellung im Jahr 1977 immer wieder von Pannen betroffen war. Nur wenige Tage vor dem Unglück in der Ostsee war die Heckklappe bei einem Anlegemanöver in Ystad beschädigt worden. Das Schiff galt als seeuntauglich. Zudem waren die Eisenbahnwaggons und Lastwagen unzureichend vertäut.

Neben der Reederei und den Polnischen Hochseelinien (POL) werden das Seeamt Stettin und der beim Unglück ums Leben gekommene Kapitän für die bislang schlimmste Schiffskatastrophe Polens verantwortlich gemacht. Die meisten der 35 Passagiere überrascht das Unglück im Schlaf. Der Seenotkreuzer "Arkona", "SAR Kiel", ein weiterer Marine-Rettungshubschrauber und Kollegen aus Dänemark eilen zu Hilfe. Später wird den Einsatzkräften vorgeworfen, zu spät reagiert zu haben.

Im Hubschrauber "SAR Kiel" kämpfen Andrea Wiesel und ihre Kollegen um das Leben der Opfer. Der polnische Steward Edward Kurpiel hat zwei Stunden im eiskalten Wasser gegen den Tod gekämpft - und gewonnen. "Das muss reiner Überlebenswille gewesen sein", sagt Wiesel heute. "Normalerweise hält es ein Mensch nur 20 Minuten in dem kalten Wasser aus." Unterstützt von Sanitätshelfern muss sie als einzige Ärztin 20 Leichen identifizieren. "Der Anblick war grausam."

Nach den Katastrophen mit der "Jan Heweliusz" 1993 und der "Estonia" 1994 verschärften acht nordeuropäische Staaten die Sicherheitsanforderungen für so genannte RoPax-Fähren. "Die Sicherheit hat sich maßgeblich verbessert", sagt Wolfgang Hintzsche, Sicherheitsexperte beim Verband Deutscher Reeder. Das am 28. Februar 1996 beschlossene Stockholm-Abkommen machte zusätzliche Schiebeschotten auf den Fahrzeugdecks verbindlich und erhöhte die Anforderungen an die Stabilität bei einem Leck.

Eine psychologische Betreuung für die Helfer gab es damals nicht. Zwei Tage nach dem schweren, mehr als 36 Stunden dauernden Einsatz geht Andrea Wiesel wieder zum Dienst. Die Innenräume von Fähren meidet sie bis heute. Kreuzfahrten? "Das ist überhaupt nicht mein Ding."

Das Wrack der "Jan Heweliusz" hat heute den Status eines Seegrabes. 37 Leichen werden dort noch immer vermutet, sie konnten nicht geborgen werden. Andrea Wiesel wurde ein Jahr nach dem Unglück zusammen mit den anderen Rettern nach Polen eingeladen und dort als "Polnischer Volksheld" geehrt.

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