Von Rakete zu Rakete

Raketen zum Erfolg Hitlers oder zur Eroberung des Weltalls? Für Wernher von Braun zählten die Technik und der persönliche Erfolg. Seine Haltung stößt seit jeher auf Kritik. Er würde heute 100 Jahre alt.

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Wernher von Braun mit einem Modell der amerikanischen Erdsatelliten-Rakete Jupiter-C. Foto: epd

Von so einer Nachkriegskarriere haben viele Deutsche, zumal SS-Mitglieder, geträumt. Keine Entnazifizierung, keine Haft, kein Bangen um die Zukunft. Stattdessen die freie Welt des Wohlstandslandes USA. Dem Raketenkonstrukteur Wernher von Braun (1912-1977) ist das problemlos gelungen, schon 1946. Nur ein Jahr zuvor hatte auf dem Konstrukteur der V2-Rakete Hitlers letzte Hoffnung geruht, den Untergang abwenden zu können.

Braun hat in Texas und später in Alabama in etwa dort weitermachen können, wo er aufgehört hatte, nun aber im Dienst des US-Präsidenten Harry S. Truman. Mit seiner Forschung legte er den Grundstein für die Landung auf dem Mond im Jahr 1969. Dass er hinter den Plänen der Nazis gestanden hatte, die New York mit Raketen beschießen wollten, war den Amerikanern bekannt. Aber sie wollten die Raketentechnik haben, sie wollten sie keinesfalls in die Hände der Russen fallen lassen - und so wurden von Braun und andere "auf dem kurzen Dienstweg" in die USA übergesiedelt, wie der Journalist Ulli Kulke im Buch "Weltraumstürmer" schreibt.

"Mein Land hat zwei Kriege verloren. Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen", hat Braun später einmal gesagt. "Er war ein Opportunist", schreibt der Historiker Rainer Eisfeld von der Universität Osnabrück. Ein Opportunist, dessen Weg zum Mond über das Militär geführt habe.

Braun ist in der preußischen Provinz Posen geboren worden, die Familie zog später nach Berlin. Sein deutschnational gesonnener Vater war Landwirtschaftsminister der letzten Kabinette der Weimarer Republik. Wernher trieb die Begeisterung für das Weltall zu einem Raketenversuchsgelände in Berlin-Tegel. Nach nur zweijährigem Ingenieursstudium heuerte er - 20 Jahre alt - im Raketenprogramm der Reichswehr an. 1937 wurde er technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde auf Usedom.

"Man musste Braun nicht zwingen, Raketen zu bauen", sagt Eisfeld. Zum Eintritt in die SS auch nicht. Die Peenemünder Ingenieure brauchten die SS, damit sie in der Fertigung KZ-Häftlinge einsetzen konnten. Nahe Nordhausen wurde eigens ein unterirdisches Konzentrationslager für den Bau der Aggregat-4-Rakete (A-4) errichtet, von den Nazis "V2" genannt. "V" stand für Vergeltung. Mit den Raketenangriffen sollte vor allem der Durchhaltewillen der englischen Bevölkerung gegen die deutschen Luftangriffe durchbrochen werden.

Doch die A-4/V2 ist eine Rakete geworden, deren Bau weit mehr Opfer forderte als ihr Einsatz: 20 000 Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Entgegen seiner späteren Aussage habe sich Braun KZ-Häftlinge auch persönlich ausgesucht, sagt Eisfeld: "Sein Verhalten grenzt hier an Beschaffungskriminalität."

Den US-Behörden waren die NS-Verwicklungen Brauns und auch der anderen nach Huntsville in Alabama geholten Spezialisten egal. Auch heute noch ist das kein wichtiges Thema. "Wir sind eine Pionierstadt", zitiert Kulke die ehemalige Huntsviller Bürgermeisterin, Loretta Spencer. "Das haben wir den Deutschen zu verdanken."

Zwar hatte die US-Regierung eigentlich keine "deutsche" Rakete als erste US-Rakete in den Weltraum schießen wollen. Das änderte sich aber, als die von den Amerikanern selbst entwickelte "Vanguard1"-Rakete am 7. Dezember 1957 ein paar Sekunden nach dem Start runterfiel. Sie hätte die Antwort auf den sowjetischen "Sputnik"-Erfolg vom 4. Oktober 1957 sein sollen.

Brauns Team erhielt die Chance, den ersten US-Satelliten ins All zu schießen. Im Januar 1958 erreichte "Explorer1" auf der auf der A-4 aufbauenden "Juno 1" die Erdumlaufbahn. Braun wurde zum gefeierten "Raketenmann" der USA.

Um seine Visionen jenseits des Atlantiks zu verwirklichen, ist Braun rasch zu einem überzeugten Bürger der USA geworden. Der Sowjetunion unterstellte er als Ziel "die Beherrschung der Welt" und erklärte, "dass es für unsere Existenz als freie Nation unabdingbar ist, die amerikanische Fahne im Weltraum aufzuspannen". Eisfeld sagt, bereits damals habe Braun offen "die Militarisierung des Weltraums" propagiert. Braun hat für die USA - vor allem nach dem Korea-Krieg - die A-4 zu einer atomaren Kurzstreckenrakete weiterentwickelt. Die Army und die Air Force arbeiteten mit Raketen aus der Konstruktion Brauns. Er entwickelte Raketen für das Wettrennen zum Mond, das sich die USA und die Sowjetunion lieferten. Allein im Jahr 1958 starteten beide Staaten mindestens sechs Raketen dorthin - alle fielen zurück.

Braun erwies sich rasch als Medienprofi. Er verkaufte selbst die Ende 1958 gescheiterte "Pioneer 3"-Mission als Erfolg. Die Mond-Sonde hatte vor dem Absturz Daten gesammelt und das Wissen über den Van-Allen-Gürtel revolutioniert. Er arbeitete mit Walt Disney zusammen, schrieb Bücher, in den USA und Deutschland feierten ihn die Zeitungen, Wernher von Braun wurde eine Legende.

Brauns größtes Baby war die "Saturn V"-Trägerrakete - die Rakete, mit der die "Apollo 11"-Besatzung zur ersten Mondlandung ins All gehoben worden war. Alle 13 Starts gelangen, es gab keinen Fehlschlag. Das "Apollo"-Mondlandungs-Programm endete am 19. Dezember 1972. Wernher von Braun starb am 16. Juni 1977 in den USA.

Info Rainer Eisfeld: "Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei", zu Klampen, Springe 2012, 296 Seiten, 28Euro.

Ulli Kulke: "Weltraumstürmer. Wernher von Braun und der Wettlauf zum Mond", Quadriga 2012, 288 Seiten, 19,99 Euro.

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