Viel Pauken, wenig Pommes

Kinder wissen mehr, als manche Erwachsene ihnen zutrauen: was sie stresst, aber auch, was sie gesund macht. Eine Umfrage unter Grundschülern bringt überraschende Antworten - auch für Eltern.

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Schon in der Grundschule ganz schön eingespannt: Dieser Achtjährige nimmt bei den Mathe-Hausaufgaben zum Zählen noch seine Finger zu Hilfe. Foto: dpa

Klassenarbeiten, Pauken, Leistungsdruck - das Leben eines Grundschülers ist anstrengend: wenn er "stundenlang Hausaufgaben machen" muss, wenn "meine Mutter mir nie zuhört, wenn ich Hilfe brauche" oder "wenn ich mich hetzen und beeilen muss". Das alles stresst Sieben- bis Neunjährige.

In einer repräsentativen, bundesweiten Umfrage, die der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) in Berlin vorgestellt hat, gaben fast 5000 Zweit- und Drittklässler Auskunft darüber, wie sie sich fühlen. Dabei zeigte sich neben der Tatsache, dass schon Siebenjährige Schulstress kennen, vor allem, dass Kinder viel darüber wissen, was sie gesund hält. "Mich erfreut und überrascht die hohe Kompetenz der Kinder, auch was ihr Wissen um Entspannungswege angeht", sagte DKSB-Sprecher Friedhelm Güthoff. "Aber das Thema Stress beunruhigt mich." Dass Kinder in der dritten Klasse doppelt so häufig Leistungsdruck spüren wie Zweitklässler, sieht er als "Vorwehen" des anstehenden Schulwechsels.

Interessanterweise war Berlin, mit der sechsjährigen Grundschule und der jahrgangsübergreifenden Schulanfangsphase das einzige Land, in dem Schule nicht der häufigste Stressfaktor war, sondern erst an dritter Stelle rangierte - hinter "Ärger und Streit" sowie "Familie".

Zugleich wissen aber mehr als die Hälfte der Kinder auch, wie sie sich am besten entspannen und Druck abbauen können. Zwei Drittel kennen viele Bewegungsspiele und die meisten gehen nach draußen, um sich dort auszutoben (70 Prozent). Zum Vergleich: 40 Prozent entspannen vor dem PC. Mehr als die Hälfte würden sich zudem gerne öfter einfach mal ausruhen.

Ausgeprägt ist das große Gesundheitsbewusstsein der Sieben- bis Neunjährigen: Vom allseits akzeptierten Sinn des Zähneputzens bis hin zum ausgeprägten Faible für Obst und Gemüse. Fast allen Kindern ist es wichtig, gesund zu sein, 90 Prozent finden es ziemlich oder sehr wichtig, gesund zu essen. Vier von fünf Kindern geben an, oft oder sehr oft Obst und Gemüse zu essen - weit mehr als sie dies über Süßigkeiten sagen (28 Prozent). Bei Getränken liegen Wasser und ungesüßter Tee (62) vor Limonade (22) .

Gesundheitsexperte Prof. Dietrich Grönemeyer sagte: "In diesem Alter ist alles vorhanden, was zur Ausbildung eines gesunden Lebensstils erforderlich ist. Nun sind wir Erwachsenen gefordert, diese Impulse zu erhalten und zu verstärken." Denn Fakt sei, dass sich das Ernährungsverhalten der Kinder zur Pubertät hin ungünstig verändere. Viele Eltern können beobachten, wie bei Heranwachsenden die Lust auf Pommes mit Mayo steigt.

"Das liegt natürlich auch am stundenlangen Sitzen vorm PC oder am Handy", sagte Grönemeyer. Aber neben Lehrern und Ärzten müssten auch die Eltern dranbleiben. Immerhin kommt fast jedes fünfte befragte Kind morgens mit leerem Magen zur Schule und jedes zehnte erhält keine warme Mahlzeit am Tag.

Eltern sind Vorbilder auch beim Gesundheitsbewusstsein, betonten die Experten. "Daneben sind vor allem verlässliche Informationen aus der Schule, von Ärzten und aus dem Internet für die Kinder wichtig", sagte Anja Beiskamp vom Pro-Kids-Institut. Kinder, die ihr Wissen über Gesundheit vor allem aus Fernsehen, Werbung oder von gleichaltrigen Freunden bezogen, wussten deutlich weniger Bescheid.

Was tun? Stefan Drewes vom Berufsverband der Psychologen (BDP) empfiehlt Eltern dafür zu sorgen, dass zu Hause nicht schon beim Aufstehen Hektik aufkommt. Ein gemeinsames Frühstück und rechtzeitiges Aufstehen könnten dafür sorgen, dass die Kinder mit einem guten Gefühl zur Schule gehen.

Haben Eltern das Gefühl, dass ihr Kind in der Schule viel Stress erlebe, sollten sie die Gründe suchen: Sind es Konflikte mit anderen Kindern? Oder bestimmte Fächer? Auch vor Klassenarbeiten fühlten sie sich oft unter Druck gesetzt. Dem könnten Eltern entgegenwirken, indem sie Rücksprache mit dem Lehrer hielten und fragten: Wo steht mein Kind, was kann ich mit ihm noch üben? "Das sollte aber mit Vorlauf passieren, und nicht erst einen Tag vor der Arbeit", sagt Drewes.

Wichtig sei auch, dass Kinder nachmittags einen Ausgleich zum Lernen und Stillsitzen in der Schule haben. Dabei sollte aber nicht die Leistung im Vordergrund stehen: "Also nicht noch im Fußballverein darauf achten, dass mein Kind das Beste ist." Hobbys sollten spielerisch sein. Damit das Kind genug Ruhe bekommt, muss aber auch Leerlauf möglich sein: Kinder dürfen auch mal Langeweile haben, sie kommen dann zur Ruhe und können neue Ideen entwickeln."

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