Verschont Dorie

Ein Kino-Animationsfilm macht einen Paletten-Doktorfisch zum Star. Tier- und Umweltschützer befürchten eine steigende Nachfrage und machen auf das Leid von Zierfischen aufmerksam.

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Wäre Dorie echt, wäre sie im Indo-Pazifik zu Hause, lebte dort in sicherem Abstand zu anderen Fischen zwischen Korallen und  geschützt in Felsspalten und jagte im freien Wasser nach Plankton. Sie würde stattliche 30 Zentimeter lang und bis zu 20 Jahre alt. Jene Paletten-Doktorfische, die wegen des Disney-Animationsfilms „Findet Dorie“ in hiesigen Aquarien landen dürften, werden mit Sicherheit weder so groß noch so alt. Ihr Aktionsradius wird sich lebenslang auf bestenfalls eineinhalb Meter beschränken; der Lebensraum vergleichsweise öde, Versteckmöglichkeiten nicht in Sicht. Wasser- und Futterqualität weit von dem entfernt, was die Natur für tropische Fische vorgesehen hat.

Ähnlich wie nach dem Kinohit „Findet Nemo“ befürchten Tier- und Naturschützer nach dem anhaltenden Boom von „Findet Dorie“ nun wieder einen Ansturm auf Zierfische aus dem Meer. Immerhin bescherte der poppige Clownsfisch Großhändlern laut Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) im Jahr 2003 ein sattes Umsatzplus.

Im Fall von Paletten-Doktorfischen wäre eine steigende Nachfrage in mehrfacher Hinsicht schlecht. Erstens handelt es laut Deutschem Tierschutzbund bei jenen „Dorie-Fischen“, die aktuell im Zoohandel angeboten werden, ausnahmslos um Wildfänge. Die werden dem Meer entnommen, wodurch die natürlichen Bestände dezimiert werden. Zweitens würden die Fische – trotz Verbots – beim Fang mit Cyanid betäubt, was andere Riffbewohner vergiftet und Korallen zerstört. Und drittens stehe jenen Paletten-Doktorfischen, die ihre Reise um die halbe Welt – als Luftfracht in Plastiktüten verpackt – überhaupt überstehen, ein leidvolles Leben bevor.

Jährlich reisen schon 20 bis 24 Millionen marine Zierfische in Plastikbeuteln als Luftfracht um den Globus. Eine Beschränkungen nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen gibt es für Zierfische - mit Ausnahme von Seepferdchen - nicht. Mehr als die Hälfte dieser tropischen Zierfische überlebt laut WWF Fang und Transport nicht; Millionen weitere gehen an Haltungsfehlern ein. Darunter viele Doktorfische, die laut WWF schon jetzt unter den meistgehandelten Zierfischarten den achten Platz. belegen.

Wie bei anderen Erfolg versprechenden Kino-Tierfilmen habe der Handel auch im Vorfeld der Dorie-Films versucht, die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen, um aus bestimmten Tierarten Profit zu schlagen, stellt der Tierschutzbund fest. „Die Heimtier-Industrie hat nichts dazugelernt“, kritisiert Henriette Mackensen, die dortige Referentin für Haustiere. Schon Monate vor dem Filmstart seien limitierte Aquarien-Editionen mit einer lachenden „Dorie“ als Werbeträger im Handel angeboten worden. Komplett-Sets, die allenfalls für klein bleibende Süßwasserfische geeignet seien und suggerierten, die Aquaristik sei ein Kinderspiel.

Das Gegenteil ist der Fall, sagt Tierschutz-Referent Marius Tünte. Ein Aquarium im Gleichgewicht zu halten, koste Zeit, Ausdauer und ziemlich viel Geld: allein die Grundausstattung (für ein anständiges Meerwasser-Aquarium sind für Becken, Heizung, Filter, Eiweißabschäumer, Ozonisator, Strömungspumpe und Beleuchtung schnell 500 Euro beisammen) und im Fall des Paletten-Doktorfischs auch das Tier selbst. Für um die 80 Euro werden die dunkelblauen Fische mit der auffallend schwarzen Zeichnung und der gelben Schwanzflosse im Online-Handel angeboten. Auch dreistellige Beträge pro Fisch verlangt die Industrie laut Tierschutzbund.

Aquaristik ist ein Hobby, das viel Fachwissen voraussetzt. Das betont auch der Zentralverband ZZF in Wiesbaden. So sei es ein „normales Prozedere für Aquarianer“, sich vor dem Kauf über die Bedürfnisse der Fische zu informieren, sagt ZZF-Presse-Chefin Antje Schreiber. Diskussionen in Internet-Foren über Zierfische offenbaren indes ein hohes Maß an Unwissen.

Da werden Fischarten nach Farben gemischt, die sich in der Natur niemals begegnen würden. Der blaurote Neonsalmler zum Beispiel kommt aus dem westlichen Brasilien und dem östlichen Peru, wo er in sehr kalkarmem Wasser lebt. Der Guppy aus der südlichen Karibik dagegen liebt hartes Wasser. Wer Guppy und Neon zusammensetzt, hält einen von beiden nicht artgerecht. Beide gehören jedoch zu den beliebtesten Zierfischen und teilen oft das Becken.

Generell falsch ist zudem die verbreitete Annahme, dass sich auch größer werdende Fische in kleinen Behältern halten ließen, weil sie ihre Körpergröße dem Lebensraum anpassen würden. „Das wird nicht richtiger, indem man es ständig wiederholt“, stellt Harro Hieronimus, Sprecher der Gesellschaft für Ichtyologie (Fischkunde) in Solingen, klar. Fische wüchsen ihr Leben lang. Wenn sie in kleinen Aquarien nicht ihre volle Größe erreichten, so liege das daran, dass sie vor ihrer Zeit sterben.

Vor allem in der Meerwasser-Aquaristik lässt sich viel falsch machen, denn tropische Fische sind anspruchsvoll. Ganz besonders der Paletten-Doktorfisch (lateinisch Paracanthuris hepatus). Ratgeber für Meerwasser-Aquaristik betonen daher, dass der „Dorie-Fisch“ für Anfänger absolut ungeeignet ist. „Er wird sehr schnell sehr groß und benötigt extrem viel Schwimmraum“, warnt zum Beispiel ein Online-Meerwasser-Guide. In Aquarien unter 1500 Litern könne ein Doktorfisch niemals artgerecht gehalten werden. In kleineren Becken werde er krank und aggressiv.

Ganz anders als Dorie, die gutmütige gedächtnisschwache Film-Fischfrau aus den Disney-Studios, die allein in Deutschland schon mehr als drei Millionen Kinobesucher mit auf die Reise durch die Unterwasserwelt genommen hat.

Grundsätzlich, so betont Tierschutz-Referent Tünte, seien animierte Tierfilme natürlich auch aus Sicht des Tierschutzbunds wertvoll, weil sie viel über Tropenfische, ihre Umwelt und ihre Bedürfnisse vermitteln. „Es ist ja genau die Grundbotschaft“, sagt Tünte. „Die Fische leben mehr oder weniger friedlich vor sich hin, werden gefangen und wollen am Ende nur eins: zurück in die Freiheit.“

Um die sorgt sich der WWF und nutzt den Kinofilm, um auf den Kahlschlag in den Korallenmeeren hinzuweisen.  Unter dem Titel „Findet Dorie noch ein Riff?“ macht der Verband auf die Lage im natürlichem Lebensraum der Doktorfische aufmerksam: „Das Korallensterben ist eine Unterwasser-Tragödie, der wir viel zu wenig entgegensetzen“, sagt Philipp Kanstinger, Meeresschutzexperte des WWF. Für die artenreichsten Ökosysteme des Planeten gehe es ums Überleben.“ Auch die beliebte US-Moderatorin Ellen DeGeneres, die Dories Stimme im englischen Original spricht, hat ihre Prominenz genutzt und im Zusammenhang mit dem Film auf die gravierenden Bedrohungen für Korallenriffe weltweit hingewiesen. Ein Lichtblick für die „echten“ Artgenossen von  Nemo, Dorie und Co. (mit dpa)

1 Überbesatz und falsche Zusammensetzung der Fische: Grundsätzlich gilt: Je größer das Aquarium, desto stabiler die Wasserqualität. Als grobe Faustregel für die Mindestgröße gilt: Pro Zentimeter Fischlänge (hier muss natürlich die Größe des ausgewachsenen Tiers angenommen werden) sind 1,5 bis 2 Liter Wasser erforderlich. Für größere Fische gilt diese Berechnungsformel nicht, ebensowenig wie für Gesellschafts-Aquarien mit mehreren Fischarten. .

2. Falsche Wasserzusammensetzung und falsche Aquariengestaltung: Die Wasserwerte sollten möglichst den Bedingungen des Ursprungsgewässer der jeweiligen Arten entsprechen, was Temperatur, pH-Wert, Sauerstoffgehalt und Schadstoffgehalt angeht. Bei Gesellschafts-Aquarium müssen Arten mit ähnlichen Ansprüchen zueinander passende.

3. Ernährungsfehler: Für die meisten Zierfischarten gibt es im Handel eine breite Palette an gefriergetrocknetem Futter, Fertig-, Frost- und Lebendfutter. Am besten verschiedene Futtersorten ein bis zweimal pro Tag füttern. Erfahrungsgemäß werden Aquarienfische eher übermäßig gefüttert. Flocken und Granulat sollten innerhalb 5 Minuten aufgefressen sein. sok

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