Neue Studie: Eltern beginnen zu spät mit Vorlesen

Sollen Eltern schon ihren Babys vorlesen? Unbedingt, rät die Stiftung Lesen. Denn Vorlesen habe auch emotionale Bedeutung. Es sei ein Kuschelritual.

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Auch Väter sollten sich um das Vorlesen kümmern, raten die Experten.  Foto: 

Viele Eltern fangen viel zu spät an, ihren Kindern etwas vorzulesen – erst mit neun Monaten oder danach. Das zeigt eine Studie der Stiftung Lesen. Dahinter steckt nach Meinung der Autoren eine „Bildungsdenke“, die etwas Wichtiges unterschätzt: Beim frühen Vorlesen geht es nicht allein um Spracherwerb. Es geht auch um gute Gefühle wie Geborgenheit. Einem Fünftel der Kleinkinder – das hat die repräsentative Umfrage für die Studie ergeben – entgeht diese Erfahrung.

Mozart zum Babyschwimmen, Chinesisch in der Krabbelgruppe: Die private Bildungsbeflissenheit mancher Eltern hat im Zeitalter von Pisa-Tests und G8 auch schon seltsame Blüten getrieben.

Die Tendenz aber halten Bildungsforscher für positiv. Gute und vielseitige Bildung steht auch in der neuen Umfrage unter Eltern mit Kindern zwischen drei Monaten und drei Jahren auf einem Spitzenplatz: 86 Prozent der Mütter und Väter halten das für besonders wichtig für ihr Kind, noch vor Höflichkeit und gutem Benehmen (83 Prozent).

Dass Lesen zur Bildung dazugehört, das sehen auch die meisten Eltern so. Doch dazu gebe es so etwas wie einen Denkfehler, sagt die Studienleiterin Simone Ehmig. „Eltern haben oft eine sehr nüchterne Sicht aufs Vorlesen.“

Die meisten wüssten, dass es gut sei für die Sprachentwicklung und sähen es als Mittel zum Zweck. Deshalb unterstellten Eltern, dass ihr Kind schon etwas können muss, damit es etwas davon hat. Jedoch unterschätzten viele Eltern die emotionale Komponente dieses Rituals, sagt Ehmig. Beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern entstehe vor allem Nähe – mit guten Gefühlen wie Sicherheit und Geborgenheit, kurz Kuschelglück für Eltern und Kind.

Von einem drei Monate alten Baby lässt sich kaum verlangen, dass es länger Bilder anguckt oder einer Geschichte lauscht. „Ganz am Anfang hat es viel mit der Haptik zu tun“, sagt Ehmig, also mit dem Tastsinn. „Kinder begreifen im wahrsten Sinne des Wortes, wie sich ein Buch anfühlt und was man damit machen kann. Es macht auch nichts, wenn sie da mal reinbeißen.“

Die ersten Bücher sind meist aus Stoff, Plastik oder Holz. Material also, das die Kinder von ihrem Spielzeug kennen. Ehmig: „Bücher sind für sie dann später keine andere Welt, sondern gehören selbstverständlich zum Leben dazu.“

Die Lösung heißt für die Forscher: Ermutigung zu früherem Vorlesen, spielerisch, ohne Leistungsdruck oder mit der Angst, etwas falsch zu machen. „Ob drei, vier oder sechs Monate: Da lässt sich kein genaues Datum definieren“, sagt Ehmig. „Es kommt auch auf die Situation der Familie und das Kind an.“ Es gehe darum, ein Wohlfühl-Ritual zu schaffen, und seien es am Anfang nur wenige Minuten. „Denn Eltern werden das dann mit größerer Wahrscheinlichkeit auch fortsetzen.“

Das führt zu einem zweiten Knackpunkt, den bereits frühere Vorlesestudien gezeigt haben. Ein Fünftel der befragten Eltern liest Töchtern und Söhnen gar nicht vor. Weitere acht Prozent nehmen sich diese Zeit zu selten, als dass das Vorlesen zum Ritual werden könnte. Und für mehr als jedes zweite Kind gibt es höchstens zehn Kinderbücher im Haushalt. Manchmal auch gar keine,  trotz des Angebots in Bibliotheken.

„Mit dem Vorlesen können Eltern nicht früh genug anfangen“, betont Antje Neubauer aus dem Fachkuratorium Bildung der Deutschen Bahn Stiftung, die wie die Wochenzeitung „Zeit“ an der Studie beteiligt ist. Früh mit Vorlesen zu beginnen führt später zu einer höheren Motivation der Kinder, selbst zu lesen, auch im Verbund mit anderen Medien. Ehmig: „Wenn Kinder das gern und häufig tun, fällt es ihnen später leichter, Texte zu verstehen, bis hin zu den Textaufgaben in Mathematik.“

Vorlesemüdigkeit hat aber nicht allein etwas mit Bildungsferne zu tun, sondern auch mit fehlenden eigenen Erfahrungen aus der Kindheit, auch den emotionalen. „Das ist wie ein Kreislauf“, sagt Ehmig. „Wer das selbst nicht erlebt hat, gibt es auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit weiter.“

Eltern müssten aber weder viel Geld noch ein hohes Bildungsniveau haben, um dem Kind diesen wichtigen Impuls Lesen mit auf den Weg zu geben, sagt Ehmig. Um den Kreislauf zu durchbrechen, bedürfe es gar nicht viel. Da reicht schon – auch das zeigt die Studie – ein Kinderbuch als Geschenk. Nur jedes siebte Elternpaar nutzte es nie.

Ein Viertel der Mütter und Väter von Kindern unter einem Jahr braucht Unterstützung, hat die Studie gezeigt. Sie sind sich nicht sicher, was für ein Buch sie nehmen sollen. Aber das heißt nicht, dass sie keines wollen. Bereits frühere Vorlesestudien haben gezeigt, dass die Sprache, in der vorgelesen wird, nicht wichtig ist. Viel entscheidender ist, dass sich Eltern in ihr wohlfühlen.

Mit dem Lesenlernen sollen Eltern es ruhig angehen lassen. Das empfiehlt Stephanie Jent­gens (Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid). Kein Kind müsse schon im Kindergarten lesen können.

Im Vorschulalter ist etwas ganz anderes wichtig: Vorlesen. Es fördert das Miteinander und Vertrauen, schult das Hörverständnis, fördert den Wortschatz und weckt die Lust an Literatur. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, sind später besser in der Schule. Auch Grundschulkindern sollten die Eltern vorlesen.

Die Mütter sind es meistens, die den Kindern vorlesen. Damit Jungen nicht denken, Lesen sei etwas für Mädchen, sollen auch die Väter vorlesen, sagt Christine Kranz (Stiftung Lesen). Ein vorlesender Vater ist „für einen Jungen ein wichtiges Rollenvorbild.“ dpa

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