Übung: Was in Deutschland passieren kann, wenn es keinen Strom mehr gibt

Ein Ausfall von Stromnetzen könnte auf einen Schlag mehrere Millionen Menschen treffen. Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet übten Experten aus beiden Ländern jetzt gemeinsam für den Krisenfall.

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  • Ein Einsatzhelfer nahe Hora Sv. Sebastiana (Tschechische Republik): Bei der Notfall-Übung wurde unter anderem im elektrischen Übertragungsnetz ein Notgestänge montiert. 1/2
    Ein Einsatzhelfer nahe Hora Sv. Sebastiana (Tschechische Republik): Bei der Notfall-Übung wurde unter anderem im elektrischen Übertragungsnetz ein Notgestänge montiert. Foto: 
  • Der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb. 2/2
    Der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb. Foto: 
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Zerstörte Stromleitungen, dazu Sturm, Gewitter und ein Waldbrand - der Berliner Stromnetzbetreiber 50Hertz und sein tschechischer Partner CEPS haben gestern im Grenzgebiet von Sachsen und Böhmen den Krisenfall geprobt. Bei der Übung waren knapp 200 Experten im Einsatz. Sie wurden unter anderem vor die Aufgabe gestellt, den Bau einer grenzüberschreitenden Ersatzleitung zur Überbrückung einer beschädigten Verbindung zu simulieren. Nach Angaben der Organisatoren war es die erste Übung dieser Art, die zusammen mit Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Behörden beider Länder durchgeführt wurde.

Zwar würde der Ausfall einer Stromleitung noch keinen Blackout verursachen. Ein solcher könne aber entstehen, wenn auch umliegende Netze versagen würden. Sollte es am Ort der Übung zu einem Blackout kommen, wären mehrere Millionen Menschen in einem Gebiet betroffen, das weit größer als Sachsen ist. Hauptproblem eines Stromausfalls diesen Ausmaßes wäre, dass Menschen in Panik geraten, wie Frank Roselieb, Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung, im Interview erklärt.

Wie wahrscheinlich ist das Szenario, dass es in Deutschland zu einem Strom-Blackout kommt?
FRANK ROSELIEB: Ein großflächiger Stromausfall ist bei uns weniger wahrscheinlich als etwa in den USA. Auch im europäischen Vergleich stehen wir gut da. Anfällig für Blitzeis oder Stürme sind vor allem überirdische Netze, wie es sie viel in den USA gibt. Wenn wir in Deutschland allerdings die zentrale Nord-Süd-Stromtrasse bekommen, könnte das auch bei uns zu einem Problem werden. Entscheidend ist zudem, wie viele alternative und dezentrale Energiequellen ein Land hat. Durch die erneuerbaren Energien ist Deutschland in dieser Hinsicht gut aufgestellt.

Ist Deutschland denn gerüstet für den Notfall?
ROSELIEB: Deutschland ist insgesamt sehr gut auf Notlagen vorbereitet - viel besser als andere Länder der Welt. Wir haben gute und erprobte Notfallpläne und sind in Europa stark vernetzt. Das wiederum kann aber auch gefährlich werden, wenn Dominoeffekte auftreten. Wenn in einem Land ein Problem auftritt und es sich Strom aus einem anderen Netz holt, dann bricht im Extremfall auch dort das Netz zusammen.

Wird es mit der Energiewende wahrscheinlicher, dass es zu Blackouts kommt?
ROSELIEB: Ja und nein. Einerseits weiß man noch nicht genau, wie sicher die Windenergie ist und wie zuverlässig die erneuerbaren Energien wie Wasserkraft und Sonne Strom liefern. Auf der anderen Seite ist es gut, auf viele kleine Stromversorger zu setzen. Das sorgt beim Ausfall eines Versorgers für schnellen Ersatz.

Wodurch könnte ein Strom-Blackout ausgelöst werden?
ROSELIEB: Zum einen kann direkt beim Stromversorger etwas passieren, beispielsweise ein Umspannwerk abbrennen. Zum anderen können Terroranschläge auf einzelne, zentrale Strommasten verheerende Folgen haben. Denkbar sind auch Hackerangriffe auf die Leitstellen der Stromversorger.

Welche Folgen könnte ein längerer Stromausfall haben?
ROSELIEB: Fatale Folgen. Ohne Strom ist keine Wasserversorgung mehr möglich, weil die Pumpen nicht mehr funktionieren. Im Winter fällt die Heizung aus. Telefone könnten nicht mehr aufgeladen werden, so dass die Bürger auch nicht mehr mit der Feuerwehr und Polizei kommunizieren können. Irgendwann bricht das öffentliche Leben zusammen. Entscheidend ist die Frage, wie lange ein Stromausfall dauert und wie viele Menschen betroffen sind. Eine Stadt für zwei Stunden bekommt man noch in den Griff, eine ganze Region über mehrere Wochen wird schon kritisch. Die größte Sorge, die wir haben, ist, dass die Menschen in Panik geraten.

Gab es solche Fälle in Deutschland?
ROSELIEB: Intensiv beschäftigt haben wir uns in der Krisenforschung mit dem Blackout im Münsterland, wo Tausende im November 2005 nach einem Schneechaos mehrere Tage ohne Strom waren. Sonst dauerten die Stromausfälle in Deutschland meist nur wenige Minuten.

Wie können sich die Menschen auf einen Blackout vorbereiten?
ROSELIEB: Meist geht es um recht banale Dinge. Wenn das Trinkwasser nicht mehr fließt, gibt es in Deutschland zahlreiche Notbrunnen. Um dort an das Wasser heranzukommen, benötigt man bei einem Stromausfall aber die gute alte Handkurbel. Auch Taschenlampen, Kerzen und Batterien sollte man vorrätig haben. Schließlich kann auch ein Blick in den Vorratsschrank helfen: Wie lange reichen die Lebensmittel, wenn der Kühlschrank ausfällt und der Supermarkt geschlossen hat? Wenigstens für zwei bis drei Tage sollte man autonom über die Runden kommen. Zur Person Frank Roselieb (45) ist geschäftsführender Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung. Der Wirtschaftswissenschaftler berät Unternehmen bei der Bewältigung und Prävention von Krisen - vom Katastrophenmanagement bei Terroranschlägen bin zur Krisenbewältigung bei Lebensmittelskandalen.

Große Ausfälle

Blackouts Zum Jahreswechsel 1999/2000 wurden großflächige Stromausfälle, Verluste von Finanzdaten oder Fehlfunktionen in Chemiefabriken und Atomanlagen vorausgesagt. Ältere Computersysteme könnten das Jahr 2000 als 1900 interpretieren, hieß es. Firmen und Behörden machten Notfallpläne, in Hamburg wurde ein Katastrophenschutzbunker geöffnet, um mögliche gestrandete Zuginsassen unterbringen zu können. Doch damals blieb das Chaos aus. Wie störungsanfällig unsere hoch technisierte Gesellschaft ist, zeigt sich allerdings, wenn Stürme, technisches Versagen oder Hacker das System zusammenbrechen lassen. Nachfolgend einige Beispiele:

Oktober/November 2012: Nach dem Wirbelsturm "Sandy" sind bis zu sechs Millionen Menschen an der US-Ostküste tagelang ohne Strom. Bei knapp über Null Grad harren sie in eiskalten Wohnungen aus.

Juli 2012: Bei einem Blackout in Indien sitzen Schätzungen zufolge mehr als 330 Millionen Menschen im Dunkeln. Viele Züge stehen still, Krankenhäuser und Geschäfte müssen ihre Notfallgeneratoren anzapfen.

Juni/Juli 2012: Nach schweren Sommer-Gewitterstürmen sind in den USA bis zu vier Millionen Menschen zum Teil eine Woche lang ohne Energie für

Kühlschränke und Klimaanlagen. Bei Temperaturen von bis zu 35 Grad werden in der Hauptstadt Washington Kühlungszentren eingerichtet. 

DPA

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