Treppentreter von Berlin: Keine Erinnerung

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Hinter Glas: Svetoslav S. steht im Berliner Landgericht in einer gesonderten Kabine. Der als U-Bahn-Treter bekannt gewordene Bulgare muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.  Foto: 

Auch im großen hölzernen Saal des Moabiter Schwurgerichts wird der Video-Beweis noch einmal vorgespielt, der Ende 2016 die ganze Nation in Rage brachte. Zu der schon durch das Internet bekannten Aufnahme hat die Staatsanwaltschaft noch weitere Sequenzen vom unterem Bahnsteig mitgebracht. Sie zeigen den halsbrecherischen Sturz des Opfers von vorne. Mit ungeheurer  Wucht schleudert die junge Frau kopfüber die Treppe hinunter und landet erst sechs bis sieben Betonstufen später auf Armen, Oberkörper und Kopf.

Den Zuschauern im Gericht stockt vor Entsetzen der Atem. Doch Svetoslav S. schaut nicht hin. Der Angeklagte in der Glaskabine mit dem dunklen Narbengesicht lässt den Kopf hängen. Durch die Überwachungsbilder ist er bundesweit als U-Bahn-Treter bekannt geworden.

Die Tat hat der 28-Jährige Minuten zuvor schriftlich über seinen Anwalt gestanden. An den Angriff habe er jedoch keine Erinnerung. „Ich kann mir nicht erklären, wie es dazu kam.“ Denn in der besagten Nacht, als er seinem Opfer völlig unvermittelt in den Rücken trat, sei er betrunken und im Drogenrausch gewesen.

Als Mutter und Schwester ihm das Video gezeigt hätten, das die Polizei erst Wochen später veröffentlicht hatte, sei er geschockt gewesen. „Ich fand das selbst grauenhaft. Es tat mir sehr Leid um die Frau. Ich werde mich auch persönlich bei ihr entschuldigen.“

Zu dem weiteren Vorwurf, er habe mehrmals in der Öffentlichkeit vor Frauen masturbiert, will sich der Angeklagte gestern gar nicht äußern. Zum Tattag des Fußtritts macht der Bulgare, der 2015 als Wanderarbeiter nach Berlin gekommen ist, allerdings schon einige Angaben.

An dem besagten Abend habe er sich im Wedding mit drei Brüdern und weiteren bulgarischen Bekannten getroffen und Bier und Wodka getrunken, sagt er. Auf einem Hinterhof sowie in Cafés in Schöneberg und Neukölln seien  dann auch Haschisch, Chrystal Meth und Kokain dazu gekommen.

„Mein älterer Bruder hat mich an dem Abend immer wieder provoziert“, sagt S., „weil ich eine Affäre mit der Schwester seiner Frau hatte“. Zudem habe er Streit mit seiner Frau gehabt. „Ich war sehr frustriert.“

Svetlanka M. bestätigte vor Gericht die Aussagen ihres Mannes. Im Alter von 15 Jahren wurden beide verheiratet. „Er war früher sehr in Ordnung und hat uns gut behandelt“, sagt die Mutter von drei Kindern über einen Dolmetscher. Doch 2008 habe ihr Mann einen schweren Unfall gehabt und sei in Bulgarien am Kopf operiert worden. „Seitdem hat er sich stark verändert. Er hat immer mehr Alkohol getrunken und Drogen genommen und ist dann sehr aggressiv geworden.“

Am Tattag sei ihr Mann nach der Arbeit auf dem Bau nur zum Duschen nach Hause gekommen, um dann wie fast täglich mit seinen Freunden um die Häuser zu ziehen, sagt die Bulgarin, die derzeit in Berlin vom Kindergeld lebt. Gegen 23 Uhr hätten beide nochmal am Telefon gestritten. „Er ist dann um zwei Uhr nachts total besoffen nach Hause gekommen. Er konnte nicht mehr reden. Ich habe ihm die Schuhe ausgezogen.“

Auch der jüngere Bruder des Angeklagten will sich im Zeugenstand nicht an Einzelheiten der Tat, aber an Details zu Alkohol- und Drogenkonsum erinnern. Die Richter ließen allerdings schnell durchblicken, dass sie Zweifel an solchen Darstellungen haben. Denn ein Rauschzustand kann zu einer verminderten Schuldfähigkeit und damit zu einem niedrigeren Strafmaß führen.

Auf den Videos sieht man Svetoslav S. jedenfalls nicht torkeln. Ziemlich zielstrebig läuft er der Frau in der schwarzen Kapuzenjacke auf der Treppe hinterher. Nachdem er der völlig arglosen 26-Jährigen brutal ins Schulterblatt getreten hat und sie die Treppe hinunterfällt, nimmt er einen Zug aus der Zigarette und geht wieder hinauf.

Die Frau hat einen Armbruch und eine Platzwunde am Kopf erlitten. Laut Anklage hätte der Sturz tödlich enden können. So drohen dem Angeklagten bis zu zehn Jahre Haft.

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