Totgesagte Corridas leben auf

Stierkampf polarisiert. Tierschützer und Politiker sorgten dafür, dass es selbst in Spanien zuletzt immer weniger Kämpfe gab. Doch nun kehrt er zurück.

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Stierkampf wird wieder populärer - hier in Toledo. Foto: dpa

Verzweifelt starren der 70-jährige Rentner José und seine Kumpel auf das Pappschild am Hauptportal der Madrider Stierkampfarena. "No hay más entradas" ("Es gibt keine Karten mehr"), ist da zu lesen. Selbst der Schwarzhändler Augusto muss passen. "Mir wurde alles aus der Hand gerissen, 100-Euro-Tickets habe ich locker für 400 verkauft", sagt er.

Auf der Feria de San Isidro, der am Wochenende nach einem Monat beendeten prestigeträchtigsten Veranstaltung der Saison, erlebte der schon totgesagte Stierkampf eine kleine Renaissance. "Der Karten-Wiederverkauf florierte wie eh und je, die Krise verschwand an der Arena", stellte die Zeitung "El Mundo" fest. Jeden Tag waren ausführliche "Corrida"-Berichte in den Blättern zu lesen.

Jung-"Matador" Alejandro Talavante (25), den vergangene Woche begeisterte Fans auf Schultern aus der Arena getragen hatten und der am Ende zum Feria-Sieger erklärt worden war, staunte ebenfalls über die Begeisterung. "Man hat mir fast das ganze Kostüm vom Körper gerissen, ich dachte, ich überlebe das nicht", erzählte er Journalisten. "El Mundo" schrieb, allein die Feria de San Isidro werde die vom März bis Oktober laufende Saison retten. Doch insgesamt geht die Zahl der Kämpfe in Spanien seit Jahren zurück. Im vergangenen Jahr hatten nach Angaben der Regierung noch 2000 Corridas stattgefunden - rund 12,8 Prozent weniger als 2011. Innerhalb von fünf Jahren sank die Zahl den Angaben zufolge sogar um 40 Prozent.

In Spanien gibt es immer mehr Proteste und regionale Stierkampf-Verbote, etwa in Katalonien oder auf den Kanarischen Inseln. Die Zuschauerzahlen sind rückläufig. Viele Arenen mussten deshalb schließen. Tausende für den Kampf gezüchtete Stiere erhielten den Todesstoß nicht von einem Torero, sondern wurden wie Mastrinder in Schlachthöfen getötet.

Die Stierkampf-Lobby setzt nun darauf, dass das Parlament bald eine Gesetzesvorlage annimmt, die Stierkämpfe zum "Nationalen Kulturerbe" erklärt. Die Initiative kam Anfang des Jahres nach einem Volksbegehren mit 600 000 Unterschriften zustande. Kommt das Gesetz durch, soll es unter anderem die öffentliche Förderung der Kämpfe ermöglichen.

Tierschützer gingen in den vergangenen Wochen immer wieder auf die Straße, um gegen die Pläne zu protestieren: "Es ist Wahnsinn, dass man ein Ereignis, bei dem Tiere gefoltert und getötet werden, zum Kulturerbe erklären will", schimpft die Präsidentin der Gruppe AnimaNaturalis, Aida Gascón.

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