Supervulkan „Phlegräische Felder“ bei Neapel wird aktiv

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    Die Geologin Lucia Pappalardo. Foto: 
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    Die Farben verraten es: Blaues Gelände hebt sich, rotes senkt sich. Im blauen Feld liegt der Supervulkan Phlegräische Felder, den Geologen aufmerksam beobachten.    Foto: 
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Wesentlich weniger bekannt als der Ve­suv und dennoch ungleich gefährlicher schlummert nur 20 Kilometer weiter westlich ein Supervulkan, „Phlegräische Felder“ genannt nach dem griechischen Wort „phlégein“ für „brennen“. Wenn er ausbräche, würde er ganz Europa verändern. Experten des italienischen Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia (INGV) warnen neuerdings vor einem erhöhten Risiko wegen der riesigen Magmablase unter den Phlegräischen Feldern.

Auf ein zwölf Kilometer Durchmesser messendes Gebiet dehnen sich die Phlegräischen Felder aus. Deshalb drohen die Folgen eines Ausbruchs wesentlich verheerender auszufallen als eine Eruption des ebenfalls aktiven Vesuvs.

Bereits vor zwei Jahren ist das Gefährdungsniveau des Supervulkans von Grün auf Gelb gehoben worden. Für den Vesuv gilt weiter Grün.

Supervulkane sind nicht von in die Höhe strebenden Kratern gekennzeichnet, sondern davon, dass der Boden sich senkt. Sichtbar ist das Phänomen nur an der Solfatara, einer mondartigen Landschaft aus gelbbraunen Hügeln bei Pozzuoli, wo schweflige Dämpfe, die nach faulen Eiern riechen, aus dem heißen Boden aufsteigen.

Mancherorts schießen Fontänen heißen Wassers aus der Erde. Schlammiges graues Wasser fließt brodelnd aus einem Felsspalt, während der Dampf zischend direkt aus dem Erdinnern zu dringen scheint.

In letzter Zeit hat sich immer mehr Kohlendioxid und Schwefeldioxid in die heißen Quellen gemischt. Das werten Geologen wie Lucia Pappalardo vom INGV als Alarmzeichen. Das Gas könne darauf hinweisen, dass die Magmablase steigt, heißt es in einem Bericht von Forschern um den Geowissenschaftler und Vulkanologen Giovanni Chiodini. Außerdem seien die Wasserdampffontänen heißer geworden.

„Die meisten Menschen hier denken, der Vulkan umfasse nur die Solfatara“, sagt Pappalardo mit einem Blick auf die überschaubare Mondlandschaft unterhalb eines Sozialbauviertels. Sie macht aber nur einen Bruchteil des unter dem Erdboden verborgenen Supervulkans aus.

Den letzten großen Ausbruch datieren Geologen auf die Zeit vor 39 000 Jahren. Die Asche verteilte sich damals über ganz Europa. Selbst in Russland konnte man Niederschläge aus dem Supervulkan nachweisen.

Bei der bisher letzten Eruption ist 1538 ein Dorf zerstört worden. An dessen Stelle entstand der „Monte Nuovo“ genannte Krater. „Der Krater könnte sich jederzeit öffnen“, stellt die Geologin Pappalardo fest. Insgesamt 350 000 Menschen seien von einem solchen Ausbruch des Vulkans betroffen.

Nicht jede Eruption kündige sich durch Heben des Bodens und Erdbeben an, sagt Pappalardo. „Wir wissen nicht, wie viel Zeit wir haben werden.“ Die Bevölkerung sei nicht vorbereitet, denn es gebe keine Katastrophenschutz­übungen, die eine rasche Evakuierung möglich machen würden.

„Wenn es sehr stinkt, macht es Angst“, sagt eine Rentnerin im rosa Fleecepullover mit weißen Punkten, die seit 20 Jahren in einer Sozialwohnung am Rand der Solfatara wohnt. „Wenn es passiert, dann passiert es halt“, sagt ihr Mann resigniert. „Wo sollen wir schon hin?“

Eine Nachbarin, die seit 27 Jahren hier wohnt, meint, man müsse ohnehin überall Angst haben, nicht nur an der Solfatara. „Hier haben wir jedenfalls einen wunderbaren Ausblick.“

Die unverputzten dreistöckigen Häuser liegen am oberen Rand der Caldera, des Riesenkraters. Von hier aus schauen die Bewohner auf eine wie eine Mondlandschaft anmutende Kratergegend, die seit Goethes Zeiten Touristen anzieht.

Vincenzo Figliolia, der Bürgermeister der Gemeinde Pozzuoli, 54 Jahre alt, Glatze, schwarzer Ano­rak, gelber Schlips über dem weißen Hemd, hält den Supervulkan für ungefährlich. „Alle 25 bis 30 Jahre haben wir eine kritische Phase“, sagt er. Die Aura des gefährlichen Naturphänomens möchte er angesichts der hohen Arbeitslosigkeit aber gemeinsam mit den archäologischen Schätzen für den Tourismus nutzen.

In einem der zwei Rathäuser der Stadt erzählt er in dem seit Jahrzehnten wegen Restaurierung gesperrten Stadtviertel über dem antiken Hafen, wie die Bevölkerung 1970 und 1983 evakuiert wurde. Der Boden hob sich damals um drei Meter, das Zittern der Erde ließ einen Ausbruch befürchten. Zwei Jahre später durften die Bewohner zurück in ihre Stadt, die Katastrophe war ausgeblieben.

„Das Leben mit dem Vulkan ist Teil unserer DNA“, sagt Figliolia. Von mangelnden Evakuierungsplänen will er als Zuständiger für den Katastrophenschutz nichts wissen. Vielmehr möchte er den Rio Terra, das Stadtviertel mit sagenhaftem Meerblick über den antiken Resten hinter dem Rathaus, in ein einziges Hotel mit 600  Betten verwandeln. Die Europäische Union habe das Projekt bereits mit 150 Millionen Euro gefördert, sagt er.

Parkplätze für viele Touristen scheinen nicht vorgesehen zu sein. Schließlich gehört Pozzuoli mit seinem Wirrwarr an kurvigen Straßen durch planlos dicht bebautes Gebiet zur Metropolregion Neapel, einer der am dichtesten besiedelten Gegenden Europas.

Pozzuoli ist mit seinen 80 000 Einwohnern Teil der „zona rossa“, der Gefahrenzone, die im Fall eines Ausbruchs des Supervulkans umgehend evakuiert werden müsste. „Ich bin mir nicht sicher, dass ich heute meine Mitbürger davon überzeugen könnte, wegzugehen, wenn eine Evakuierung angeordnet wird“, sagt Figliolia. Die Menschen seien an das Leben auf einem aktiven Vulkan gewöhnt.

Wütend ist Figliolia dagegen auf die Wissenschaftler, die einander widersprechende Einschätzungen verbreiten. „Die Experten müssten sich an einen Tisch setzen und sich auf eine Meinung einigen.“

Oben im Sozialbauviertel an der Solfatara gibt sich ein junger Mann mit Brillanten im Ohr und gepflegtem Dreitagebart im nagelneuen schwarzen Audi derweil überzeugt, dass der Supervulkan früher oder später ausbricht. Angst hat er aber nicht. „Wir sind es gewohnt“, sagt seine Freundin. „Wenn er explodiert, geht hier alles hoch.“

Die Menschen in dem Sozialbauviertel mit der von den Bürgern finanzierten kleinen Holzkirche und der Vor- und Grundschule für 120 Kinder leben seit Jahrzehnten mit dem Risiko. In jedem Vorgarten stehen Zitronenbäume, deren Gelb auch trüben Wintertagen südlichen Schmelz verleiht. Ganz anders als der gelbe Niederschlag, den die schweflige Mischung aus Rauch und Dampf der darunter liegenden Solfatara auf dem umliegenden Gestein verteilt.

Schon Goethe hielt die schwefligen Dämpfe, die heiß aus der Erde wehen, in seiner Tuschezeichnung mit dicken schwarzen Strichen fest. Damit es so bleibt, dass Touristen kommen, um den wohligen Schauder der bedrohlichen Kulisse zu genießen, sollten seine Kollegen nicht zu laut Alarm schlagen, findet der Geologe Vincenzo Morra von der staatlichen Katastrophenschutzkommission. „Natürlich muss man die Lage im Auge behalten“, sagt er mit einer Geste auf das Tennishotel unterhalb einer heißen Dampf- und Gasfontäne. „Aber drastische Darstellungen schaden den Menschen hier.“

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