Suizid aus Angst vor Alter

Die Zahl der Suizide in Deutschland ist leicht gestiegen. Der Würzburger Suizid-Experte Armin Schmidtke erklärt zum heutigen Weltsuizidtag aber, warum vor allem alte Menschen keinen Ausweg mehr sehen.

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Was treibt Menschen in den Suizid?

ARMIN SCHMIDTKE: Die Gründe sind sehr vielfältig, allerdings ähneln sie sich in den jeweiligen Altersgruppen der Betroffenen doch ziemlich. Im Alter ist es meistens eine Altersdepression, letal verlaufende Krankheiten, die Furcht vor Schmerzen oder die Angst, als Pflegefall unwürdig behandelt zu werden. Bei den Jüngeren sind es häufig Liebeskummer, Partnerschaftskonflikte oder auch psychische Probleme. Gemeinsamer Nenner am Schluss ist stets Hoffnungslosigkeit.

Die Zahl der Suizide in Deutschland ist über Jahre hinweg gesunken. Liegt das an der Präventionsarbeit? SCHMIDTKE: Das war in der Tat mehr als 20 Jahre so, allerdings ist die Zahl der Suizidfälle im Jahr 2010 erstmals wieder über die Marke von 10 000 gestiegen. Die offiziellen Zahlen für 2011 liegen uns noch nicht vor. Der jahrelange Rückgang lässt sich sicher durch das kontinuierlich ausgeweitete und gute psychiatrische Angebot erklären. Es wurde aber auch aufgeklärt und entstigmatisiert. So sind Hausärzte und Pfarrer zum Beispiel eigens zum Thema Suizidalität geschult worden.

Vor allem ältere Menschen begehen den Statistiken zufolge Selbstmord - weshalb ist das so?

SCHMIDTKE: Das ist vor allem in Deutschland und anderen westlichen Ländern so. In östlichen Ländern haben wir da ein ganz anderes Bild. In dieser statistischen Tatsache spiegelt sich die Einstellung wider, die die Gesellschaft vom Alter hat. Bei den Betroffenen entsteht so eine große Angst vor dem Alleinsein, der Hilflosigkeit und vor Schmerzen. Studien haben gezeigt, dass ältere Menschen nicht den Tod an sich fürchten, sondern, dass sie beim Sterben nicht würdig begleitet werden.

Was spricht - aus medizinisch-psychologischer Sicht - dagegen, wenn ein todkranker Mensch sein Leben selbst beenden will? SCHMIDTKE: Es gibt in Deutschland ja bereits die Möglichkeit der passiven Sterbehilfe - das wissen die wenigsten. Das heißt: Wenn jemand schwer krank ist und keine Chance mehr auf Heilung besteht, kann er jedwede kurative Behandlung zur Lebensverlängerung ablehnen und sich dann auch schmerzlindernd behandeln lassen. Das ist selbst dann erlaubt, wenn die Gabe größerer Mengen Schmerzmittel die Lebenszeit verkürzen wird.

Ein anderes Thema sind die so genannten erweiterten Suizide - also dass ein Mensch erst andere und dann sich selbst tötet. Man hat den Eindruck, dass die Zahl dieser Taten stark zunimmt. Ist das so?

SCHMIDTKE: Langfristig betrachtet nehmen diese Fälle sicherlich nicht zu, nein. Aber es gab eine Häufung in den vergangenen Monaten. Das ist unserer Meinung nach mit großer Wahrscheinlichkeit auf Nachahmungseffekte zurückzuführen, weil viele Medien sehr ausführlich über solche Taten berichten. Wenn dort dann beschrieben wird, dass ein Mann, der gerade von seiner Frau verlassen wurde, sie, die Kinder und sich umbringt, sehen das andere Betroffene in der gleichen Situation womöglich als gute Lösung.

Die Medien spielen beim Thema Suizid und Nachahmungstaten bekanntermaßen eine wichtige Rolle. Fordern Sie mehr Zurückhaltung? Schmidtke: Im Großen und Ganzen verhalten sich die deutschen Medien sehr gut, zumindest wenn es um Suizide unbekannter Menschen geht. Wenn allerdings die Selbsttötung eines bekannten Torwarts publik wird, brechen alle Dämme. Da wird dann gezeigt, wo er sich umgebracht hat, wie genau - und dann kann man beobachten, wie die Zahl derer, die in den darauffolgenden Tagen auf genau dieselbe Art Suizid begehen, ansteigt - der so genannte Werther-Effekt. Das ist schon sehr dramatisch.Zur Person Armin Schmidtke ist Seniorprofessor für Psychologie an der Würzburger Uniklinik für Psychiatrie und leitet das Nationale Suizid-Präventionsprogramm.

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