Sündhaft teure Sparsamkeit

Seit 2013 zahlen die Kassen wieder ein gesondertes Arzthonorar für Patientengespräche. Doch das sind weniger als fünf Euro je Quartal und „Fall“.

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Der Spruch „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ gilt in Arztpraxen ganz sicher nicht. Viel zu wichtig ist dazu der offene Austausch zwischen Kranken und Medizinern. „Das Gespräch ist das wichtigste Instrument des Arztes“, sagt auch Corinna Schaefer, die beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) in Berlin den Bereich Patienteninformation leitet. Der Kinder- und Jugendmediziner Norbert Graf, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Uni des Saarlandes, bestätigt: „Die Zeit, die ich am Anfang für Kommunikation einsetze, kommt im weiteren Verlauf der Behandlung tausendfach zurück.“

Doch leider wird die so genannte „sprechende Medizin“ den Ärzten alles andere als vergoldet – auch wenn Hausärzte und die ebenfalls allgemeinmedizinisch tätigen Kinder- und Jugendmediziner seit Oktober 2013 ein Gespräch mit Patienten immerhin wieder ein klein wenig versilbern können. Dazu muss es sich nach den Regularien um ein „problemorientiertes ärztliches Gespräch“ handeln, „das aufgrund von Art und Schwere der Erkrankung erforderlich ist“ – eine zum Glück für die Patienten dehnbare Bestimmung. Bis Ende 2014 war dazu nämlich noch eine „lebensverändernde“ Krankheit nötig.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin können Haus-, Kinder- und Jugendärzte nun „rein rechnerisch“ mit jedem zweiten Patienten „einmal im Quartal ein Gespräch führen und abrechnen, das mindestens zehn Minuten dauert“.

Für jede Gesprächseinheit von zehn Minuten Dauer erhält ein Hausarzt grundsätzlich 9,39 Euro. Spricht er eine halbe Stunde lang mit seinem Patienten, kommt er auf etwas mehr als 28 Euro – dies aber nur, wenn er im Quartal innerhalb der Grenzen seines Praxisbudgets für Gespräche bleibt. Dieser Deckelbetrag ergibt sich, wenn der Arzt die Zahl seiner tatsächlich behandelten Patienten („Behandlungsfälle“) im Vierteljahr mit 4,70 Euro multipliziert. Therapiert ein Hausarzt also zum Beispiel 1000 Patienten im Quartal (ganz gleich, wie oft im Vierteljahr diese ihn jeweils aufsuchen), kann er höchstens 4700 Euro für gesonderte Gespräche von jeweils mindestens zehn Minuten abrechnen.

Das bedeutet erstens: Will der Arzt nicht nur 4,70 Euro für ein 10-Minuten-Gespräch bekommen, sondern in jedem dieser Fälle die maximalen 9,39 Euro, dürfte er nicht mit allen 1000 Patienten, sondern höchstens mit 500 von ihnen – also jedem zweiten – solche Gespräche führen. Zweitens: Spräche er im Quartal sogar mit mehr als 1000 Patienten jeweils mindestens zehn Minuten, könnte er nicht alle Gespräche abrechnen. Oder anders gesagt: Sein Honorar fiele rechnerisch noch unter den Betrag von jeweils 4,70 Euro.

Gespräche, die kürzer sind als zehn Minuten, werden nicht eigens honoriert, sondern sind in der Versichertenpauschale enthalten, die der Haus-, Kinder- oder Jugendarzt einmal im Quartal für jeden behandelten Patienten erhält. Diese Pauschale beträgt rund 13 bis 25 Euro,  je nach Alter des Patienten. Hinzu kommt unter bestimmten Umständen eine so genannte Vorhaltepauschale von rund 15 Euro. Für eine 40-jährige Patientin zum Beispiel erhält der Allgemeinmediziner pro Quartal im Regelfall 28 Euro. Hinzu können Zuschläge kommen, etwa für chronisch Kranke, sowie die erwähnten Gesprächshonorare und andere gesondert abrechenbare Einzelleistungen.

Doch woran liegt es, dass die sprechende Medizin so spärlich honoriert wird? „Das Problem ist nach wie vor, dass die Bezahlung ärztlicher Leistungen sich viel mehr an einer technischen Medizin orientiert“, urteilt Prof. Graf. Deshalb würden zum Beispiel die Analyse von Laborwerten wie auch bildgebende Verfahren wie das Röntgen oder die Computertomographie überbewertet. „Ein Grund ist natürlich, dass zum Beispiel ein Kernspintomograph sehr viel Geld kostet.“ Da solche Geräte zudem technisch relativ rasch veralten, werden sie immer wieder gegen neuere Modelle ausgetauscht. „Dies muss eben auch finanziert werden“, sagt Graf.

Doch aus Erfahrung weiß er eben auch, dass „man allein durch mehr technische Möglichkeiten zur Untersuchung die Medizin noch nicht verbessert“. Andere ärztliche Fähigkeiten seien „oft viel entscheidender“. Wer seinen Patienten aufmerksam und in Ruhe zuhöre und so mehr erfahre, mache allein dadurch manch teure Untersuchung überflüssig. Wer als Arzt einem Kranken das Gefühl vermittelt, alles ihn Bedrängende ansprechen zu können, ohne gleich unterbrochen zu werden, vermeide dadurch „auch Fehlbehandlungen, weil alles Wichtige zur Sprache gekommen ist“. Dann könne der Mediziner dem Kranken in einer Klinik auch mal sagen: „Im Moment habe ich keine Zeit für Sie, aber ich komme später zu Ihnen und bin dann ganz für Sie da.“ Entsprechend könne ein niedergelassener Arzt einem Patienten einen längeren Gesprächstermin außer der Reihe anbieten. Ein Patient aber, der schon aus dem ersten Gespräch mit ungutem Gefühl nach Hause gehe, „der kostet mich später sehr viel Zeit, weil er immer unzufrieden bleibt“. Aufmerksames Zuhören hingegen bindet Patienten nicht nur aus guten Gründen an ihren Arzt – es trägt auch nachweislich zur Heilung bei und kann sie beschleunigen.

Heilung mit Worten

Alte Erkenntnis Schon der in der Schweiz geborene und 1541 im österreichischen Salzburg verstorbene Arzt Paracelsus riet: „Zuerst heile mit dem Wort, dann mit der Arznei und zum Schluss mit dem Messer.“ Letzteres setzen zu seiner Zeit vor allem die eher geringgeschätzten Wundärzte und Bader ein, die nicht studiert hatten. Paracelsus? Heilerfolge machten von sich reden. Und noch heute verleiht der Deutsche Ärztetag alljährlich an verdiente Mediziner die Paracelsus-Medaille als höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft. ws

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