Schülerzahlen steigen enorm an - mit massiven Konsequenzen

Was kommt da auf Deutschlands Schulen zu? Eine neue Prognose lässt erwarten, dass es mit der „demografischen Rendite“ nichts wird. Wenn die Schülerzahlen nicht sinken, wird viel mehr Geld als erwartet fürs Bildungssystem nötig sein.

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Wider Erwarten steigt die Zahl an Schülern in Deutschland.  Foto: 

In Deutschland gehen nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung bis 2030 viel mehr Kinder zur Schule als bislang angenommen - mit vermutlich massiven Konsequenzen für den Finanzbedarf des Bildungssystems. Den am Mittwoch vorgestellten Berechnungen zufolge steigt die Schülerzahl von knapp 8 Millionen (2015) um acht Prozent auf fast 8,6 Millionen in 13 Jahren. Im Gegensatz dazu wurde bisher ein Absinken auf gut 7,2 Millionen Schüler bis 2025 prognostiziert.

Laut Studie müssten Länder und Kommunen mit jährlich 4,7 Milliarden Euro höheren Bildungskosten rechnen. Gewerkschaften und Bildungsexperten warnen vor einer Überforderung des Schulsystems und rufen zum Gegensteuern auf. Bislang basieren die Berechnungen der Kultusministerkonferenz der Bundesländer (KMK) auf Schülerzahlen aus dem Jahr 2012. Seitdem aber ist die Geburtenrate fünfmal in Folge gestiegen, und der Flüchtlingszustrom 2015/16 hat bis zu 300 000 zusätzliche Schüler nach Deutschland gebracht.

Beim Abgleich der KMK-Prognose und der neuen Zahlen ergeben sich große Differenzen. Laut Bertelsmann-Stiftung würde es schon im Jahr 2020 mit 7,87 Millionen Schülern im Gegensatz zur alten Prognose (7,39) ein erhebliches Plus von fast 480 000 geben. 2025 steigt die Schülerzahl der Studie zufolge auf 8,26 Millionen an, die Prognoselücke würde sich dann auf rund eine Million vergrößern. 2030 könnte es 8,59 Millionen Schüler geben - da die KMK-Prognose 2025 endet, ist hier kein Abgleich mehr möglich.

Der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart warnt gleichwohl vor einem Vergleich der alten und heute problematischen KMK-Zahlen mit unsicheren Prognosen. „Die Studie ist gut, aber wir müssen auch die Lücken und Grenzen sehen“, sagte der Professor der Uni Münster. Die Mischung aus höheren Geburtenzahlen und Zuwanderung macht sich nach seiner Einschätzung erst ab 2022 an den Grundschulen bemerkbar.

Für den Bertelsmann-Report „Demographischer Wandel adé – Aktuelle Bevölkerungsentwicklung und Folgen für die allgemeinbildenden Schulen“ haben die Autoren die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes mit der „Milupa-Geburtenliste“ aktualisiert. Das Babynahrungsunternehmen verfügt über Geburtenzahlen aller deutschen Geburtsstationen der Krankenhäuser des Jahres 2016.

Angesichts möglicher Folgen für das Bildungssystem macht sich die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack für eine Bund-Länder-Offensive für die Schulen in Deutschland stark. „Unser Schulsystem ist drastisch unterfinanziert“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Vielerorts bröckelt der Putz von den Wänden, es fehlen Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Schulpsychologen.“

Die Länder allein seien „mit der Finanzierung eines zukunftsfesten Schulsystems überfordert“. Das sogenannte Kooperationsverbot müsse daher „für das gesamte Bildungswesen fallen“, so Hannack. Die Gewerkschaften, aber auch SPD, Linke, Grüne und FDP fordern angesichts großer Herausforderungen für die Schulpolitik, das 2006 ins Grundgesetz geschriebene Kooperationsverbot zu kippen. Der Bund darf den Länder seitdem nur in Ausnahmefällen finanziell helfen. Befürworter wollen damit die Bildungsautonomie der Länder sichern.

Die Schülerprognosen sind wichtig für die Bedarfsberechnung bei Erziehungs- und Lehrpersonal sowie Infrastruktur. So gibt es schon jetzt einen erheblichen Sanierungsstau für Schulgebäude: Das Deutsche Institut für Urbanistik schätzte den Nachholbedarf im Vorjahr auf Investitionen von rund 34 Milliarden Euro.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte eine gemeinsame Kraftanstrengung für mehr Lehrernachwuchs. „Es wird immer schwieriger, die steigende Zahl von Schülerinnen und Schülern mit qualifizierten Lehrkräften zu versorgen“, sagte GEW-Chefin Marlis Tepe. „Es ist spät, doch niemals zu spät, die Probleme anzugehen.“ Besonders an Grundschulen sei die Lage schwierig.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte, die Prognose der Stiftung zum Lehrkräftemangel sei „eher optimistisch“. VBE-Chef Udo Beckmann: „Die Situation wurde von der Politik viel zu lange schöngeredet.“ Pensionierungswellen seien ungenügend ausgeglichen worden. Hinzu komme: „Schule verändert sich. Inklusion und Integration stellen Herausforderungen für das pädagogische Personal dar. Auch der Ganztagsbetrieb macht zusätzliches pädagogisches Personal unabdingbar“, sagte Beckmann.

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