Sommerserie: Wie die Menschen Mittagspause machen – heute: Italien

Wie machen die Menschen in verschiedenen Ländern der Welt Mittagspause? Unsere Korrespondenten berichten aus ihren Städten. Heute: Italien. Dort ist die Pause ein Ritual.

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Auch dieser Mann, der in Rom für Touristenfotos als Zenturion posiert, macht Pause in einer Bar.  Foto: 

Italiens Kirchen sind noch immer zwischen ein und vier Uhr geschlossen, nicht nur in der heißen Jahreszeit, schließlich braucht der Pfarrer nach dem Mittagessen seinen wohl verdienten Mittagsschlaf. Nur Publikumsmagneten wie der römische Petersdom und die Markuskirche in Venedig beugen sich dem Diktat des Massentourismus und lassen den ganzen Tag über Besucher ein.

Bis vor wenigen Jahren war die Mittagsruhe überall in Italien heilig, nicht nur in der Kirche. Kleinere Geschäfte schließen noch immer zur Mittagszeit, um im Winter um vier, im Sommer auch später wieder zu öffnen. Große Boutiquen internationaler Modemarken haben allerdings nach dem Vorbild Nordeuropas durchgehende Öffnungszeiten eingeführt. „Non c‘è più religione“ – Es gibt halt keine Religion mehr, sagen ältere Italiener achselzuckend dazu, handelt es sich aus ihrer Sicht doch schlicht um Sittenverfall.

 War früher für viele Händler der Gang nach Hause und der Genuss einer dampfenden Pasta zu Mittag unverzichtbar, so trifft man sich heute eher auf ein Panino, einen Sandwich, mit Kollegen in der nächstgelegenen Bar. „Hast Du schon gehört?“ Mit diesen Worten fängt so mancher Informationsaustausch über die neue Freundin des Chefs oder das neue Auto des Kollegen an. Zu fröhlichem Klatsch und Tratsch oder auch Klagen über die Beförderung des Schreibtischnachbarn gibt es wahlweise mit Salat und verschiedenen Schichten Aufschnitt oder Gemüse belegte Brötchen.

Oder auch zu diesem Zweck bereits am frühen Morgen belegte Tramezzini. Sie präsentieren sich in der Glasvitrine den Blicken der hungrigen Angestellten und sind so aufgetürmt, dass sie häufig nur so gerade eben das Gleichgewicht halten, als würde es sich um vielschichtige Berge handeln. Tramezzino ist die Verkleinerungsform von tramezzo – Zwischenwand. Als solche trennt die Scheibe unterschiedliche Füllungen tortenartiger Gebilde für Partys und Empfänge voneinander. Phantasiebegabte Barfrauen- und -männer füllen die dreieckigen Weißbrotscheiben ohne Rinde mit allem, was zu Mayonnaise passt.

 Auf die Bedürfnisse Angestellter in den Zentren italienischer Großstädte antworten seit Jahrzehnten auch so genannte heiße Tafeln. Die Tavola calda bietet das Unverzichtbare – einen Teller Nudeln. Nach alter italienischer Tradition gibt es in diesen nicht mit amerikanischen Fast-Food-Ketten zu verwechselnden Schnellrestaurants all‘italiana auch eine kleine Auswahl täglich wechselnder Hauptgerichte. Nachtisch und Obst dürfen natürlich für den klassischen Geschmack ebenfalls nicht fehlen.

Auch wenn wegen der begrenzten Zeit in der Mittagspause eilig gekaut und heruntergeschluckt wird: Der Beobachter aus Nordeuropa fragt sich unwillkürlich, wie man nach dem Genuss eines solchen Vier-Gänge-Menüs noch am Schreibtisch arbeiten und einen kühlen Kopf bewahren kann, ohne dass dieser vor Müdigkeit auf die Tastatur des Computers sinkt.

Höhepunkt der Mittagspause ist und bleibt unabhängig von den geänderten Gewohnheiten der abschließende Espresso. Er verhindert, dass die Verdauung das Funktionieren der grauen Zellen allzu sehr verlangsamt. Und er ist eines der schönsten Rituale seit es Kaffee gibt. „Corto“, nur ein paar Tropfen dunkelsten Mokkas, oder „lungo“, Espresso mit mehr Wasser, oder „doppio“, ein doppelter, heißt es dann. Der Barmann merkt sich wie durch ein Wunder all die durcheinander gerufenen Sonderwünsche. Nicht zu vergessen die Möglichkeit, all die auch in der Temperatur von heiß bis lauwarm variierenden Espressoarten „al vetro“, im kleinen Glas, zu bestellen. Dann schmeckt er angeblich ganz anders als in der klassischen dickwandigen Tasse.

Zum Schluss noch ein Blick in die Lokalzeitung oder – noch wichtiger  – die ebenfalls in vielen Bars ausliegende „Gazzetta dello Sport“, seit jeher Italiens auflagenstärkste Tageszeitung. Obwohl viele sich eine einzige Ausgabe in der Bar teilen.

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