Sommer-Serie: Mittagspause in... den USA

In unserer Sommer-Serie berichten unsere Korrespondenten aus aller Welt, wie die Menschen in ihren Ländern ihre Mittagspause verbringen. Den Auftakt macht unser Korrespondent aus den USA.

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Wenn’s schnell gehen muss: Essen fassen am Lieferwagen.  Foto: 

In Tysons Corner, einem wohlhabenden Vorort Washingtons, der Gäste auf Straßenschildern mit den selbstbewussten Worten „Willkommen in Amerikas nächster großen Stadt“ begrüßt, bricht an Wochentagen um Punkt 11.30 Uhr heilloses Chaos aus. An roten Ampeln staut sich der Verkehr. In Schnellimbissrestaurants ranken sich die Menschenschlangen am Ladeneingang vorbei bis auf den Bürgersteig. Auf Bänken in der luxuriösen Shopping Mall packen Bürokräfte ebenso wie Manager ihre Sandwiches aus braunen Papiertüten und verschlingen sie im Eiltempo mit einer Cola oder einer Flasche Wasser.

Es muss schnell gehen, denn die Institution der Mittagspause ist in den USA vom Aussterben bedroht. Immer weniger Arbeitgeber gönnen ihren loyalen Angestellten auch nur eine halbe Stunde, um sich ein wenig zu entspannen, fürs leibliche Wohl zu sorgen und somit gestärkt an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

Weniger als die Hälfte aller berufstätigen Amerikaner macht überhaupt eine Mittagspause, und wer sich jene Unterbrechung des Arbeitstags anmaßt, die in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, hat sich gefälligst zu beeilen. Ansonsten droht bestenfalls ein mißbilligender Blick des Chefs, nicht selten ist bei wiederholten „Überziehungen“ eine Kündigung die unausweichliche Folge.

Schuld ist vor allem der Gesetzgeber. So überlässt es der „Fair Labor Standards Act“ (FLSA) jedem Arbeitgeber, selbst darüber zu entscheiden, ob Mitarbeiter eine Pause bekommen. Nicht gerade arbeitnehmerfreundlich ist zudem ein Passus, der eine bezahlte Pause von 5 bis 20 Minuten „empfiehlt“, aber nicht vorschreibt. Wer sich mehr als eine halbe Stunde gönnt, dem sollte für diese Zeit die Bezahlung vorenthalten werden, heißt es im FLSA.

Etwas toleranter sind einige Bundesstaaten. Knapp die Hälfte der 50 US-Staaten schreiben es Firmen vor, ihren Beschäftigten eine dreißigminütige Mittagspause dann zu gestatten, wenn sie mindestens 5 Stunden ununterbrochen arbeiten. Die meisten Berufstätigen legen das entsprechend eng aus und setzen alles daran, um nach einer halben Stunde wieder am Schreibtisch zu sitzen.

Eine Umfrage der Arbeitsvermittlungswebsite Career Builder ergab, dass selbst 40 Prozent aller Manager ihr Mittagessen aus einer der berühmten „braunen Tüten“ nehmen, die sie von zuhause mitgebracht haben, und sie das Büro gar nicht erst verlassen. Weniger als ein Fünftel der US-Arbeitnehmer wagt es, sich in ein Lokal zu setzen, und noch weniger verschwenden ihre wertvollen 30 Minuten damit, in einem Sandwichlokal Schlange zu stehen.   So lässt sich auch der „Schichtverkehr“ in Tyson’s Corner erklären, der von 11.30 an bis 13 Uhr zu beobachten ist.

Selbst wenn in dieser pulsierenden Metropole, in der während der vergangenen Jahre Hochhäuser mit unzähligen  IT-Unternehmen, Consultingfirmen, Lobbyisten und Anwaltskanzleien wie Pilze aus dem Boden schossen, nur die Hälfte aller Berufstätigen sich eine halbe Stunden nimmt, reichen die Menschenmengen dennoch spielend aus, um während der Stoßzeit einen logistischen Albtraum zu erzeugen. Die einen pausieren von 11.30 bis 12 Uhr, die nächste Gruppe von 12 bis 12.30  und so weiter. Um kurz nach 13 Uhr hat sich dann der Verkehr wieder aufgelöst. Auf den Straßen, in den Lokalen und in dem überdachten Einkaufszentrum.

Experten halten den Trend für äußerst besorgniserregend und sind überzeugt davon, dass er einen bisher unterbeleuchteten Beitrag zu der sinkenden Produktivität der amerikanischen Wirtschaft leistet. „Wichtige Voraussetzungen für Innovation und produktives Arbeiten sind ein Tapetenwechsel und eine natürliche Umgebung, die vom Stress des  Arbeitstags befreit“ sagt Kimberly Elsbach, die als Professorin an der Universität von Kalifornien lehrt. „Immer am selben Platz, am selben Schreibtisch zu sitzen und keine Abwechslung zu haben, das schadet der Kreativität.“

Die These leuchtet ein, wird aber weder dem Gesetzgeber noch Arbeitgebern als Anstoß dienen, ihre Spielregeln zu ändern.

Sommer-Serie

Zum Thema In unserer Sommer-Serie „Mittagspause in . . .“ berichten unsere Korrespondenten aus aller Welt, wie die Menschen dort ihre Mittagspause verbringen. Dass das höchst unterschiedlich ist, hat naturgemäß auch damit zu tun, dass die Länge der Pause variiert: von gerade mal ein paar Minuten bis hin zur ausgedehnten Siesta. Den Auftakt macht unser Korrespondent in den USA,  wo es besonders schnell gehen muss.

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