SEIN ERSTER FALL: Schießereien und weiche Eier

Am Sonntag gibt Til Schweiger seinen Einstand als Hamburger "Tatort"-Kommissar. Im Vorfeld gab es reichlich Aufregung von Krimi-Fans und Kritikern. Doch die erhitzten Gemüter können sich beruhigen.

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"Fuck!" Das ist das erste, was die Zuschauer von Til Schweiger als "Tatort"-Kommissar Nick Tschiller in "Willkommen in Hamburg" zu hören bekommen. Und das dürfte auch das erste gewesen sein, was viele eingefleischte "Tatort"-Fans gedacht haben, als im Dezember 2011 verkündet wurde, dass der Schauspieler als Nachfolger von Mehmet Kurtulus im Hamburger "Tatort" ermitteln wird.

Schließlich ist Til Schweiger vor allem in den vergangenen Jahren nicht nur als Schauspieler in Erscheinung getreten, sondern auch als Regisseur und Produzent von Filmen wie "Keinohrhasen" und "Kokowääh". Die waren zwar Renner an den Kinokassen, fielen aber weniger durch Anspruch und Kreativität, als durch seichte Witze und ewige Männer-Frauen-Beziehungsklischees auf.

Dementsprechend gab es so viel Aufregung und Medienrummel im Vorfeld einer Produktion des traditionsreichen Kult-Krimis wie noch nie zuvor. Til Schweigers Äußerungen zur ARD-Serie brachten ihm immer wieder Schlagzeilen und nicht selten Empörung bei Fans und Kollegen ein: Seine Kritik am 40 Jahre alten "Tatort"-Vorspann, die Verschlimmbesserung seines Rollennamens (aus "Tschauder" wurde "Tschiller") und Bezeichnungen wie "Popcorn-Tatort" ließen Schlimmes befürchten.

Die Tatsache, dass Schweiger auch seine Tochter Luna mit ins "Tatort"-Boot geholt hat, erinnert an den nicht unbedingt positiv auffallenden Familienklüngel, den der Schauspieler schon in vielen seiner Filme gepflegt hat. Doch gleich zur Beruhigung vorneweg: Es ist alles nicht so schlimm.

Natürlich ist ein "Tatort" mit Til Schweiger eben ein "Tatort" mit Til Schweiger - und das bedeutet: Wer große Schauspielkunst, vielschichtige Charaktere und komplizierte Handlungsstränge erwartet, wird hier nicht bedient. Nick Tschiller ist eine Figur ohne sonderlichen Tiefgang, ein sogar leicht bräsiger Hauptkommissar mit "Hau-drauf"-Mentalität, der zu Hause versucht, seiner Tochter, deretwegen er von Frankfurt nach Hamburg gezogen ist, ein guter Vater zu sein. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Team um den Kommissar ist genretypisch: Mit von der Partie ist der lustige türkische Assistent Yalcin Gümer (Fahri Yardim) mit dem breiten Hamburger Akzent als Sympathieträger. Dazu kommen die sexy Staatsanwältin Hanna Lennerz (Edita Malovcic) fürs Rumgeplänkel und die missmutige dröge Polizeikollegin Ines Kallwey (Britta Hammelstein), die im Laufe des Geschehens feststellt, dass der "Neue" doch gar nicht so übel ist. Und dann ist da noch Lenny, die pubertierende 15-jährige Tochter des Kommissars Nick Tschiller, gespielt von Luna Schweiger. Sie säuselt sich auffallend unmotiviert durch ihren Text.

Auch die Handlung der Folge ist schnell erzählt: Es geht um einen Mädchenhändlerring, um Freunde, die zu Feinden geworden sind und natürlich um den Einstand des "Neuen". Aber das sind alles nur Nebensächlichkeiten, schließlich holt der Krimi dafür an anderen Stellen ganz viel raus: Es gibt reichlich Action, Schießereien, eine Szene auf der Baustelle der Elbphilharmonie im Nebel sowie Gags über weichgekochte Eier.

Angenehm fällt auf, dass die Macher des Krimis sich auch selbst ein wenig aufs Korn nehmen und mit all den vorab geäußerten Befürchtungen spielen. Sei es das Zitat Nick Tschillers "Ich nuschel ein bisschen!". Oder die Szene, in der Tschiller und ein Kollege (Gaststar Wotan Wilke Möhring) auf der Polizeitoilette die Größe ihrer besten Stücke vergleichen - ein Verweis darauf, dass Möhring von April an ebenfalls als "Tatort"-Kommissar in Norddeutschland ermitteln wird. Nett auch der wütende Vorwurf des Polizeichefs (Tim Wilde): "Sie und ihre Alleingänge und diese Gewalt und dieses ganze Rumgeblute!" Hier wird vielen Kritikern der Wind aus den Segeln genommen.

Und ist es nicht auch wohltuend, nach all den schrägen Vögeln und geplagten Soziopathen unter den Kommissaren endlich mal wieder einen zu erleben, der einfach fröhlich drauflos schießt und auch mal beherzt mit einem Toaster zuschlägt, ohne danach gleich in eine Sinnkrise zu stürzen?

Das böse F-Wort fällt übrigens mehr als nur einmal. Die Fans können indes beruhigt aufatmen: Wer hat eigentlich gesagt, dass ein Popcorn-"Tatort" etwas Schlechtes sein muss? Es tut doch gar nicht so weh.

Info "Tatort - Willkommen in Hamburg", Sonntag, 20.15, ARD.

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