Schwere Vorwürfe gegen Unglücks-Airline

Der Fußballmannschaft von Chapecoense wurde auf dem Weg zum Finale um den Südamerika-Cup eine zu knappe Treibstoffplanung zum Verhängnis. Das hat Konsequenzen für die verantwortliche Airline.

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Vertreter von Chapecoense am Sarg eines getöteten Spielers. Alle Opfer sind identifiziert.  Foto: 

LaMia 2933 hat einen Totalausfall, Totalausfall der Elektronik, ohne Treibstoff.“ – Die letzten Minuten des Funkverkehrs zwischen dem Piloten und dem Tower vor dem Absturz in Kolumbien sind dramatisch. Jetzt ist Kolumbiens Luftfahrtbehörde sicher: Das Flugzeug ist aus Treibstoffmangel abgestürzt. Der in Bolivien registrierten Charterfluggesellschaft LaMia wurde die Lizenz entzogen. Fragen und Antworten:

Ist Treibstoffmangel ein bekanntes Problem in der Branche?

Wenn sich jeder an die Regeln halten würde, dürfte Treibstoffmangel eigentlich so gut wie ausgeschlossen sein. „Es gibt  klare Vorschriften, wie der Treibstoffvorrat zu berechnen ist“, sagt der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Für unerwartete Ereignisse seien große Sprit-Reserven vorgesehen: Das Flugzeug müsse bei längerer Wartezeit vor der Landung am Zielflughafen 45 Minuten kreisen können und es müsse einen Ausweichflughafen erreichen können. „Und wenn denn – aus welchen Gründen auch immer – die Reserven zur Neige gehen sollten, dann sorgt die Flugsicherung dafür, dass man auf kurzem Weg zur Landebahn kommt.“ Zumindest in der Theorie.

Was, wenn andere Flugzeuge bei der Landeerlaubnis in einem brenzligen Fall vorgezogen werden?

In Kolumbien gab der Tower einem anderen Flugzeug den Vorzug, die Maschine mit dem brasilianischen Fußballteam Chapecoense an Bord musste in die Warteschleife. „Dass mehrere Flugzeuge gleichzeitig einen Notfall erklären, ist äußerst unwahrscheinlich“, sagt Großbongardt. Ohnehin: Dass einem Flugzeug der Sprit ausgeht, komme so gut wie nie vor – in Deutschland ein bis zwei Mal im Jahr.

Warum fliegen Airlines überhaupt mit wenig Treibstoff?

Sommer 2012: Gleich dreimal an einem Tag mussten Flugzeuge von Ryanair in Spanien schnellstmöglich landen – wegen wenig Sprit im Tank. Die Menge an Treibstoff liegt im Ermessen der Piloten. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) sieht das Problem hingegen bei jenen Airlines, die Kosten sparen wollen. „Die Piloten werden dazu gedrängt, extra wenig zu tanken“, sagt das VC-Vorstandsmitglied Jörg Handwerg. Das Einmaleins der Billig­anbieter: je weniger Treibstoff im Tank, desto weniger schwer das Flugzeug, desto geringer der Verbrauch. Bei „etablierten“ Fluggesellschaften sei diese Praxis nicht der Fall, sagt Handwerg. Ryanair weist die VC-Darstellung zurück: „Es wird nicht mit „sehr wenig Sprit“ geflogen.“ Großbongardt meint: „Generell fliegen Fluggesellschaften nicht mit zu wenig Treibstoff, denn das dürfen sie gar nicht.“ Das vom aktuellen Fall betroffene Unternehmen LaMia sei eine kleine Fluggesellschaft. „Da muss man schauen, wie professionell sie agieren.“

Könnte Treibstoffmangel noch andere Gründe haben außer falschem Tanken?

Aus Sicht von Handwerg wäre grundsätzlich denkbar gewesen, dass die LaMia-Maschine durch ein Leck unbemerkt Treibstoff verloren haben könnte. Ähnliche Vorfälle gab es bereits: 2001 musste ein Airbus A 330 mit 300 Menschen auf der Azoreninsel Terceira notlanden. Über dem Atlantik war ihm durch ein Leck im rechten Triebwerk  der Treibstoff ausgegangen. Erst nach einem rund 20-minütigen Gleitflug kam die Maschine, die von Toronto nach Lissabon unterwegs war, auf den Boden. Im Fall von LaMia hat sich indes die Vermutung erhärtet, dass der Treibstoff bewusst knapp gehalten wurde. Es wird spekuliert, dass ein Miteigentümer, der als Pilot an Bord war, aus Spargründen auf einen Tankstopp verzichtet haben könnte.

Die Charterfluggesellschaft LaMia (Línea Aérea Mérida Internacional de Aviación) ist 2009 in Venezuela gegründet worden. Im Zuge der tiefen Wirtschaftskrise wurde sie nach Bolivien mit Sitz in Santa Cruz verlegt. Seit Anfang des Jahres bot sie von hier aus Charterflüge an. Mehrere Fußballteams, darunter vor drei Wochen auch Argentinien Fußballnationalmannschaft mit Superstar Lionel Messi, reisten schon mit der nun abgestürzten Maschine vom Typ Avro RJ85. LaMia hatte bisher zwei Flugzeuge dieses Typs. Der vierstrahlige Jet kommt bei 60 Fluggesellschaften in mehr als 30 Ländern zum Einsatz. Der Jet hat eine Reichweite von bis zu 2975 Kilometern.

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