Schettino wohl nicht allein schuld

Kapitän Schettino hat nach Ansicht von Experten bei der Havarie der "Costa Concordia" zwar gravierende Fehler gemacht. Er sei aber nicht allein schuld. Die Reederei trägt Gutachern zufolge eine Mitverantwortung.

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Sightseeing auf Giglio: Während die Bergung des Wracks der "Costa Concordia" weiter auf sich warten lässt, kommt ein Gutachten zu dem Ergebnis, dass eine Kette von Unterlassungen, Irrtümern und Mängeln Mitte Januar zum Kentern des Kreuzfahrtschiffes geführt hat. Foto: afp

Nach der Auswertung der Daten des Fahrtenschreibers der "Costa Concordia" erheben die von der Staatsanwaltschaft beauftragten Gutachter schwere Vorwürfe gegen die Reederei. Die Folgen des Untergangs des Kreuzfahrtriesen bezeichnet der 270-seitige Untersuchungsbericht als eine lange Kette von Fehlern, die nicht alle auf das Konto des Kapitäns gehen.

Die Kriseneinheit der Costa in Genua habe ihre Informationen über die Kollision des Kreuzfahrtschiffs mit einem Felsen vor der Insel Giglio am 13. Januar nicht an die Küstenwache weitergegeben, stellten die Gutachter fest. Dabei sei sie von Kapitän Francesco Schettino umgehend telefonisch benachrichtigt und in den folgenden Stunden immer wieder mit neuen Angaben versorgt worden. Der Krisen-Manager Roberto Ferrarini hätte dem Kapitän aus seinem Büro in Genua "umgehend" das Auslösen des Generalalarms und die Evakuierung des Schiffs nahe legen müssen, bemängelt der Bericht.

Auf der Kommandobrücke herrschte nach den Erkenntnissen der Gutachter schlicht Chaos. Der Steuermann führte demnach kurz vor der Kollision ein vom Kapitän angeordnetes Manöver falsch aus. Der Kommandant "scheint kein wirkliches Bewusstsein über die Lage zu haben". Anwesende Offiziere seien daraufhin von sich aus aktiv geworden. Schettinos Angaben, nach denen er mit einem Manöver dafür sorgte, dass das Schiff nicht sank sondern sich vor der Hafeneinfahrt von Giglio auf eine Felskante neigte, wiesen die Gutachter indes zurück.

Im Hinblick auf die vielen Todesopfer - 32 Menschen kamen ums Leben, darunter zwölf Deutsche - fällt nach Auffassung der Gutachter auch die Tatsache ins Gewicht, dass nicht alle Besatzungsmitglieder die Bordsprache Italienisch verstanden. Nicht alle der für die Rettungsboote eingeteilten Mitarbeiter hätten die nötige Zulassung gehabt. "Ein Teil der für Schlüsselfunktionen eingeteilten Besatzungsmitglieder kannte ihre eigenen Aufgaben in Notfällen nicht", heißt es in dem Bericht.

Die Reederei hatte sich nach dem Unglück umgehend von ihrem Kapitän distanziert. Francesco Schettino ist aus ihrer Sicht allein verantwortlich für das Unglück. Für die Gutachter verursachte ein "extrem riskantes Manöver" den Zusammenstoß mit dem Felsen unter Wasser. Die Zahl der Opfer hätte demnach jedoch geringer ausfallen können, wenn die vorgesehenen Anweisungen gegeben worden wären.

Die Verantwortlichen der Costa wiesen die Vorwürfe umgehend zurück. Die Informationspflicht liege bei Unfallfällen beim Kapitän. Dieser habe jedoch nur unzureichende Angaben über die Lage an Bord des Schiffes gemacht. Schettino steht in Grosseto wegen Verursachung der Havarie und vorzeitigen Verlassens des Schiffs noch vor dem Ende der Evakuierung unter Anklage. Das Beweissicherungsverfahren soll am 15. Oktober mit der Analyse der Untersuchungsergebnisse fortgeführt werden.

Schettino darf bis auf weiteres seinen Heimatort Meta di Sorrento südlich von Neapel nicht verlassen. Er hatte in der Unglücksnacht nicht zuletzt wegen eines Abendessens mit einer jungen Tänzerin für Schlagzeilen gesorgt.

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Themenschwerpunkt

Kreuzfahrtunglück der Costa Concordia

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" war im Januar 2012 nahe der Insel Giglio vor der toskanischen Küste mit mehr als 4200 Menschen an Bord gegen einen Felsen gelaufen, leckgeschlagen und schließlich auf die Seite gekippt.

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