Schauspieler Peter Simonischek über neuen Ruhm und altes Leiden

Sein Leben verbrachte der Österreicher auf der Theaterbühne, jetzt wurde der Film: „Toni Erdmann“, in welchem Peter Simonischek die Hauptrolle spielt, für einen Oscar nominiert. Sein neuer Film „Bergfried“ läuft am 21. September im Ersten.

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 Das Drama „Bergfried“, in welchem Simonischek eine der Hauptrollen spielt, erinnert an ein Massaker in Italien.  Foto: 

Herr Simonischek, das war ein turbulentes Jahr für Sie. Erst „Toni Erdmann“ und jetzt „Bergfried“ – überhaupt eine Menge Filme. War da noch Zeit für ihren 70. Geburtstag?
PETER SIMONISCHEK: Ja, den hat meine Frau so organisiert, dass er wirklich ein Ereignis war. Wir haben so gefeiert, dass ich mit einer Gürtelrose bezahlt habe. In drei Tagen habe ich nur  zwei Stunden geschlafen. Gefeiert haben wir auf der Teichalm, da habe ich eine Hütte von meinem Vater geerbt. Meine Frau hat 40 bis 45 Freunde eingeladen und ins Hotel einquartiert. Beim Frühstück standen die plötzlich alle da.

Im Film spielen Sie einen ehemaligen Soldaten, im echten Leben wurden Sie ein Jahr nach Kriegsende geboren. War der Krieg bei Ihnen zu Hause ein großes Thema?
SIMONISCHEK: Das war insofern ein Thema, dass meine Mutter bis an ihr Lebensende nicht darüber reden wollte. Kaum kam was im Fernseher darüber, sagte sie: „Gäh bidde dreh um“. Sie war damals 16 und musste immer wenn die  Sirenen kamen in den Luftschutzkeller rennen. Dass man daran nicht gerne erinnert wird, ist klar.

Denken Sie, dass Sie die heutige „Facebook-Generation“ mit solch einem historischen Stoff noch erreichen können?
SIMONISCHEK: Das würde mich auch sehr interessieren. Ich jedenfalls lasse keine Gelegenheit aus meinen Jungs zu zeigen, dass die zerbombten Häuser, die man aus Aleppo oder aus Bagdad kennt, gleich aussehen wie damals unsere. Das können sich die Jungen nicht mehr vorstellen, dass muss man denen zeigen. Ich bin in einer Generation aufgewachsen mit der Verinnerlichung, dass es heute besser ist als gestern und morgen besser als heute. Aber wir leben auf der Kippe und das heutige Desaster werden unsere Kinder auslöffeln müssen.

Im Fernsehen spielen Sie oft Nebenrollen. Wie sorgfältig wählen Sie Ihre Rollen aus?
SIMONISCHEK: Dass ich jetzt nicht nur große Rollen gespielt habe, hat damit zu tun, dass mein Theaterspielplan meine Filmkarriere bestimmt hat. Ich bin zur Schauspielschule gegangen, weil ich Bühnenschauspieler werden wollte. Das bin ich bis heute geblieben. Filme habe ich nur nebenher gemacht. Also wenn es zeitlich gepasst hat, das Drehbuch gut war und die Rolle Substanz hatte. Und jetzt, seit meinem „Toni Erdmann“ Film, schauen viele nach, was ich alles gemacht habe und sind völlig irritiert, dass ich nicht immer schon Hauptrollen gespielt habe. Das habe ich aber – allerdings am Theater.

Schauen Sie sich Ihre eigenen Filme eigentlich an?
SIMONISCHEK: Ja, aber nur einmal. Nur den „Toni Erdmann“ habe ich jetzt schon dreimal gesehen. Das zweite Mal in Cannes, kamen mir die Tränen – die Reaktion des Publikums war unglaublich.

Wie gehen Sie mit dem neu erworbenen Ruhm um?
SIMONISCHEK: Das war in Cannes natürlich toll. Es war sehr eindrucksvoll. Plötzlich steht man noch an der Stelle, an der sonst Hollywoodgrößen stehen. Cannes ist sowas wie eine „Chinaweltmeisterschaft“. Man muss nicht tausend Statisten bestellen, sondern die kommen von selbst. Die stehen da wirklich vor Begeisterung um ihre Idole zu sehen. Den Film im vollen Festivalpalast zu sehen, war super. Der Jubel hinterher sowieso, da musste ich mich wachrütteln.

Für „Bergfried“ waren Sie der Wunschschauspieler Jo Baiers,  weil keiner so gut Schweigen darstellen und gleichzeitig so viel sagen kann wie sie. Sehen Sie das gleich? Ist das Schweigen eine Stärke von Ihnen?
SIMONISCHEK: Wenn jemand schweigt, kommt es drauf an, wer fragt und wie einer gefragt wird. Oft sagt man mehr, wenn man schweigt. Schweigen im Schauspiel ist so wie die Stille in der Musik – ganz, ganz wichtig. Im Film „Der Bergfried“ ist es eine ganz besondere Art des Schweigens. Meine Figur, also der Stockinger, schafft es durch Schweigen, einen ganzen Teil seines Lebens auszuklammern. Und bis der Italiener kommt, schafft er das auch. Am Ende hat doch jeder irgendwie in seinem Leben Dreck am Stecken, über den er nicht reden möchte, und das ist auch in Ordnung so.

Wie geht es jetzt weiter?
SIMONISCHEK:  Ich sag nur: Die Sterne stehen günstig. Ich war nie sehr zielstrebig in meinem Leben. Ich habe meinen Erfolg nicht, weil ich ihn angesteuert habe, sondern weil ich bereit war. Bereit eine Gelegenheit, die kommt, anzunehmen.

Info Das Drama „Bergfried“ mit Peter Simonischek läuft heute Abend um 20.15 Uhr im Ersten.

Zur Person

Privates Peter Maria Simonischek wurde am 6. August 1946 in Graz geboren. Seine Kindheit verbrachte er im österreichischen Markt Hartmannsdorf. Er fing ein Architekturstudium an, begann parallel dazu mit einer Zahntechniker-Ausbildung, die er jedoch nicht beendete. Während des Studiums meldete er sich bei der Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Graz an. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Karriere Peter Simonischek gehörte zu den Schauspiel-Ensembles in St. Gallen, Bern, Düsseldorf und der Berliner Schaubühne, seit 1999 gehört er dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an. Seit 1982 spielt er Hauptrollen bei den Salzburger Festspielen, darunter von 2002 bis 2009 die Titelrolle im „Jedermann“. Im Kino war er unter anderem in der „Rubinrot“-Trilogie zu sehen. In diesem Jahr machte er in Maren Ades Film „Toni Erdmann“ Furore, der  deutscher Oscar-Kandidat ist. vee

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