Scharlachrote Roben

Wenn die Richter des Bundesverfassungsgerichts ihre roten Roben anziehen, wird es ernst. Die einzigartige Amtstracht wurde von einem Kostümschneider entworfen und ist weit mehr als ein Umhang.

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Heute sind wieder die Richter des Bundesverfassungsgerichts gefragt. Eine Amtsmeisterin hilft ihnen in die roten Roben. Foto: dpa

. Heute werden sie wieder aus dem Schrank geholt, wenn das Bundesverfassungsgericht über Eilanträge zum Euro-Rettungsfonds ESM und den EU-Fiskalpakt entscheidet. Dann legen die Richter des höchsten deutschen Gerichts ihre berühmten Roben an. Die sind nicht einfach rot, sondern scharlachrot. Zwar tragen auch die Richter des Bundesgerichtshofs rot, das ist jedoch deutlich dunkler.

Die roten Roben der Verfassungsrichter sind richtige "Erbstücke": Die Amtstracht aus Satinstoff wird nicht eigens für neu ernannte Richter angefertigt, sondern vom Vorgänger weitergereicht. Daher verlassen die Kleidungsstücke das Gerichtsgebäude in Karlsruhe nur, wenn sie geändert werden müssen.

Die Verfassungsrichter tragen die Roben bei Urteilsverkündungen oder mündlichen Verhandlungen.

Die mantelartigen Gewänder werden durch lange weiße Halsbinden, Jabots, vervollständigt. Diese ähneln den weißen Beffchen evangelischer Pfarrer, die diese über den schwarzen Talaren tragen. Eine Amtsmeisterin hilft den fünf Richtern und drei Richterinnen des Zweiten Senats heute beim Ankleiden.

Danach betreten die Richter unter Vorsitz von Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle den Sitzungssaal mit der dazugehörigen Kopfbedeckung, dem so genannten Barett. Mit den Worten Voßkuhles "Bitte nehmen Sie Platz" setzen sich die Anwesenden und die Richter, die jetzt das Barett abnehmen.

Die Frage der Amtstracht stellte sich schon bei der Gründung des Bundesverfassungsgerichts am 28. September 1951. Der damalige Gerichtspräsident Hermann Höpker-Aschoff setzte sich für eine Amtstracht ein "wie sie auch von Richtern am Bundesgerichtshof getragen wird". Damit stand bereits 1951 die Farbe rot fest.

Die gebräuchliche Juristenrobe ist ein bis etwa zur Wadenmitte reichender, auf der Vorderseite durch eine verdeckte Knopfleiste verschließbarer Mantel ohne Kragen mit weiten Ärmeln und einer in Falten gelegten Rückenpartie. Die Grundfarben sind meist schwarz oder grau. Einige Verwaltungsgerichte in Bayern tragen blau. Grüne Roben gibt es einzig am sächsischen Verfassungsgerichtshof.

Bis heute ist das Tragen der Robe während mündlicher Gerichtsverhandlungen für Richter, Anwälte und bestimmte Gerichtsbedienstete in manchen Bundesländern zwingend vorgeschrieben. So kann ein Richter etwa einen Anwalt von der Verhandlungsteilnahme ausschließen, wenn dieser ohne Robe erschienen ist.

Anfangs trugen die Verfassungsrichter noch die gleichen Roben wie die Kollegen des Bundesgerichtshofes: eine dunkelrote Wollrobe mit Samtbesatz nebst Barett. Doch die Verfassungsrichter legten immer mehr Wert auf die Anerkennung ihres Gerichts als eigenständiges Verfassungsorgan. Also wurde ein Robenbeauftragter ernannt. Nach langen Beratungen entschieden sie sich für eine Robe nach dem Vorbild der scharlachroten Richtertracht aus der Stadt Florenz im 15. Jahrhundert. Ein Kostümschneider des badischen Staatstheaters entwarf die Roben, wie die Sprecherin des Bundesverfassungsgerichts, Judith Blohm, erläutert.

Diese Amtstracht trugen die Richter seit 1963. Während anfangs die Roben aus einem schweren, glänzendem Duchesse-Stoff waren, bestehen sie seit 1997 aus leichterem Mischgewebe und Satin. Auch diese 16 Roben werden "weitervererbt". Vier Ersatzroben sind vorhanden.

Als Jutta Limbach, eine kleine und zierliche Frau, 1994 erst zur Richterin und dann zur Präsidentin ernannt wurde, musste die Robe ihres Vorgängers gekürzt werden.

Über den Kostümcharakter seiner Amtstracht machte sich 1969 Bundesverfassungsrichter Fabian von Schlabrendorf lustig: Die Robe habe "etwas Theaterhaftes, was die Spottlust des Publikums hervorzurufen geeignet ist".

Solche Kritik sei längst verstummt, sagt Blohm: "Die Roben tragen schließlich mit dazu bei, die enorme Wichtigkeit der Institution Bundesverfassungsgericht, insbesondere ihren Doppelstatus als Verfassungs- und Rechtsprechungsorgan, und ihrer Entscheidungen zu unterstreichen."

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