Niele Toroni: Pinsel Nr. 50 und die Kunst der Tupfen

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Ein Mann und sein Werk, das einer strengen Regel unterliegt: Niele Toroni im Museum für Gegenwartskunst in Siegen. Foto: Henning Kaiser

Der 1577 geborene Barockmaler Peter Paul Rubens schuf opulente, farbenprächtige Gemälde mit dramatischen Szenen aus der Bibel oder Mythologie und mit viel nacktem Fleisch. Niele Toroni, der Rubenspreisträger 2017, malt seit 50 Jahren Tupfen, nichts als Tupfen, in immer gleichem Abstand.

„Das ist das Gegenteil“, sagt der 80-jährige gebürtige Schweizer, der am Sonntag in Siegen mit dem renommierten Rubenspreis geehrt wird. Wenige Künstler haben sich so radikal gegen die traditionellen Methoden der Kunst gestellt wie Toroni.

Alle 30 Zentimeter hinterlässt Toroni Pinselabdrücke auf Wänden, Glas, Papier oder Leinwänden. Er benutzt dabei nicht irgendeinen Pinsel, sondern immer die gleiche Größe Nr. 50. Dieser Pinsel ist rechteckig, flach und 50 Millimeter breit.

Die gelben, roten oder blauen rechteckigen Abdrücke erscheinen nur aus der Ferne gleichförmig, doch jeder ist anders. Und keiner ist perfekt. Manche fransen am Rand aus, bei anderen scheint stellenweise das Weiß der Leinwand durch, oder es fehlen ganze Ecken.

Was das mit Malerei zu tun hat? Eine Menge. „Der Pinselstrich steht am Ursprung der Malerei“, sagt Eva Schmidt, die Direktorin des Museums für Gegenwartskunst in Siegen. Dort ist bis zum 15. Oktober die Ehrenausstellung für den Rubenspreisträger zu sehen. „Banale Alltagsgegenstände werden von Toroni auserkoren, Bildträger zu werden“, sagt Schmidt. So können selbst unscheinbare Wände, Ecken oder Mauern mit Kunst „geadelt“ werden. Toroni ist schon seit Tagen in Siegen am Werk. Er drückt den Pinsel auf Säulen, Wände, sogar auf ein Plakat für seine Ausstellung und auf Fensterglas.

Langeweile kommt trotz der Gleichförmigkeit nie auf. In einem Raum hängen 25 Bilder mit je 14 roten Tupfen. Je fünf Abdrücke hinterließ Toroni auf Seiten internationaler Zeitungen aus dem Jahr 1991. Weiße Tupfen setzte er auf eine Rolle braunes Packpapier.

Viel Material braucht Toroni auch nicht: Ein Kasten mit sieben neuen Pinseln Nr. 50, dazu Farbe und ein kariertes Geschirrtuch, das voller gelber, roter und blauer Farbflecken ist. Und einen großen Zirkel, mit dem sein Assistent die Abstände misst.

Jedes Bild Toronis trägt seit 1966 denselben Namen: „Abdrücke eines Pinsels No. 50, die in regelmäßigem Abstand von 30 cm wiederholt wurden“. „Sanft ironisch“ nennt Schmidt die radikale postmoderne Minimalkunst Toronis. „Existenziell“ sei es, sich solch eine strenge Regel zu setzen, sagt Schmidt. In der Ausschließlichkeit ähnele Toroni dem Künstler Roman Opalka (1931-2011). Dessen Lebenswerk war es, mit immer gleicher Pinselgröße fortlaufende Zahlen auf immer heller werdende Leinwände zu schreiben.

„Auf jeden Fall ist die Ausübung dieser Arbeit alles andere, als am Sonntag im Kirchenchor zu singen“, sagte Toroni einmal in einem Interview über sich. Der 1937 im Tessin geborene Toroni sei in der Kunstwelt „eine Größe, um die man nicht herumkommt“, sagt Schmidt. Dabei hat Toroni den Kunstzirkus immer abgelehnt. Das wird auch deutlich daran, dass es nur wenig bleibende Werke von ihm auf dem Kunstmarkt gibt. Er hinterlässt flüchtige Spuren, die wieder verschwinden oder entfernt werden. Auch im Siegener Museum werden Toronis Pinselspuren fast alle wieder verschwinden.

Museum für Gegenwartskunst

Informationen zum Rubenspreis und Toroni

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