Mit dem Taxi in Athen

|
Vorherige Inhalte
  • Thodoris Argoudelis achtet auf Sauberkeit: Das Auto ist so blitzblank wie sein Hemd.  1/2
    Thodoris Argoudelis achtet auf Sauberkeit: Das Auto ist so blitzblank wie sein Hemd. Foto: 
  • Gerd Höhler 2/2
    Gerd Höhler Foto: 
Nächste Inhalte

Diese Hitze!“ stöhnt Thodoris Argoudelis und dreht den Temperaturregler der Klimaanlage weiter runter. Das Außenthermometer zeigt 39 Grad. Wir stehen im Stau auf der Athener Kifisias-Avenue. Drei Fahrspuren voller Blech. Über den Autos flimmert die Hitze. „Ich hasse diese Straße“, sagt Argoudelis. „Meine Lieblingsrouten sind die Straßen an der Küste, vor allem die Poseidon-Avenue“, erzählt er. Die Straße heißt nach dem griechischen Gott des Meeres und macht ihrem Namen alle Ehre: Sie führt am glitzernden Saronischen Golf und sandigen Stränden entlang in die südlichen Vororte Glyfada, Voula und Vouliagmeni.

Seit elf Jahren ist Argoudelis Taxifahrer in Athen, davor betrieb der gelernte Auto-Elektriker eine eigene Werkstatt. „Aber immer nur Autos reparieren statt zu fahren, war nicht mein Ding“. Deshalb sattelte er auf den Beruf des Taxifahrers um. Sein blitzsauberer Mercedes E 220 ist Argoudelis ganzer Stolz. „Ich liebe mein Auto mehr als meine Frau“, gesteht der Fahrer und fügt lachend hinzu, seine Frau wisse und akzeptiere das. Immerhin bügelt sie ihrem Mann jeden Tag ein frisches, blütenweißes Hemd. „Ich achte auf meine Kleidung, das bin ich meinen Fahrgästen genauso schuldig wie ein sauberes Auto“, sagt der 58-Jährige.

Rund 15 000 Taxis gibt es in der Viermillionenstadt Athen, fast doppelt so viele wie in Berlin. Die Branche hat nicht den besten Ruf. Vor allem Touristen, die mit den örtlichen Gegebenheiten nicht vertraut sind, werden häufig abgezockt. Dann kostet die Fahrt vom Flughafen in die Stadt statt des Einheitstarifs von 38 Euro schnell 80 Euro, weil der Fahrer das Taxameter auch am helllichten Tag zum doppelt so teuren Nachttarif laufen lässt.

„In jedem Beruf gibt es schwarze Schafe, auch bei uns“, sagt Argoudelis. „Taxiuhren werden manipuliert, unnötige Umwege gefahren“, erzählt er. Besonders an den Flug- und Seehäfen lauern Taxi-Haie auf ausländische Urlauber, die eine leichte Beute sind.

Taxifahren in Athen ist relativ billig – zum Ärger der Taxiunternehmer: „Bei den Tarifen muss man pro Tag mindestens zwölf bis 14 Stunden fahren, um eine Familie ernähren zu können“, so Argoudelis. Seit Beginn der Schuldenkrise Anfang 2010 sei das Geschäft schwieriger geworden, sagt der Taxifahrer: „Die Leute haben weniger Geld, sie fahren mehr mit Bussen und der U-Bahn.“

Zwei Drittel seiner Fahrten entfallen auf Stammkunden, die ihn direkt telefonisch bestellen, das restliche Drittel auf Zufalls-Fahrgäste, die ihn auf der Straße heranwinken, was die übliche Art ist, in Athen ein Taxi zu nehmen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, was mir die Leute so erzählen“, berichtet Argoudelis: „Ich höre eigentlich nur Leidensgeschichten und Dramen.“ Aber auch kuriose Unterhaltungen sind dabei – wie mit jener alten Dame von geschätzt 80 Jahren, die dem mehr als 20 Jahre jüngeren Fahrer kürzlich gestand: „Du bist zwar eigentlich zu alt für mich, aber ich würde Dich trotzdem heiraten!“

Als Taxifahrer ist er zwar gesetzlich verpflichtet, jede Fahrt anzunehmen. „Trotzdem halte ich manchmal nicht an“, gesteht Argoudelis. „Sicherheit ist für mich oberstes Gebot, und wenn mir mein Bauchgefühl sagt, dass etwas mit einem Fahrgast nicht stimmt, lasse ich ihn nicht einsteigen.“ Fahrten nach Mitternacht macht er sowieso nur für Stammkunden, die er zum Beispiel zum Flughafen bringt.

Argoudelis ist ein umsichtiger Fahrer. Gekonnt steuert er seinen Wagen durch die engen Straßen zur Akropolis hinauf. „Die sollte jeder Tourist gesehen haben“, sagt er. Aber der Taxifahrer hat noch andere Attraktionen in seinem persönlichen Programm, wenn er um eine Stadtrundfahrt gebeten wird: „Die meisten Touristen wissen gar nicht, dass Athen sehr schöne Strände hat.“

Am liebsten fährt er amerikanische Touristen. „Die sind offen, meist gut gelaunt und großzügig beim Trinkgeld“, sagt Argoudelis. Weniger glücklich ist er mit chinesischen Fahrgästen. Neulich hatte er einen Urlauber aus Schanghai im Wagen. Bei der Ankunft am Hotel zeigte das Taxameter 9,93 Euro. „Der Chinese gab mir einen Zehn-Euro-Schein und blieb so lange sitzen, bis ich in meiner Geldbörse die sieben Cent Wechselgeld zusammengekramt hatte.“

In Athen gibt es zahllose Taxis, man ruft sie an der Straße oder bestellt sie per Telefon. Mit einem Kilometerpreis von 70 Cent, einer Grundgebühr von 1,20 Euro und einem Mindestpreis pro Fahrt von 3,50 Euro ist Taxifahren dort recht günstig. Allerdings werden ortsunkundige Touristen gerne über den Tisch gezogen. Thodoris Argoudelis rät Touristen, sich am besten vor der Fahrt in ihrem Hotel zu erkundigen, was eine Taxifahrt zu einem bestimmten Ziel kostet.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Betrunkener Autofahrer rammt Polizeiwagen - Drei Verletzte

Ein betrunkener Autofahrer hat in Eberhardzell (Landkreis Biberach) einen Polizeiwagen derart gerammt, dass ein Polizist im Auto schwer verletzt wurde. weiter lesen

Unfall mit Streifenwagen-