Missbrauch vertuscht?

Als auf einer Frühchenstation der Berliner Charité Darmkeime entdeckt wurden, gab es nur zögerlich Informationen. Nun soll ein Pfleger ein Mädchen missbraucht haben. Und wieder wird der Fall verschleppt.

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Die Berliner Charité gilt als die Vorzeigeklinik der Hauptstadt - und das nicht nur in medizinisch-forschender Hinsicht. Bundesweite Aufmerksamkeit bescherte dem Institut das Projekt unter dem Motto "Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?" Seit einigen Jahren versuchen Wissenschaftler der Uniklinik Pädophile davon zu überzeugen, sich einer Therapie zu unterziehen. Seit 2005 haben mehr als 1000 Männer an der "Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld" teilgenommen.

Das eigene Umfeld hat die Klinik dabei aber offenbar aus den Augen verloren. Ein Pfleger der Kinderrettungsstation soll in mindestens vier Fällen jugendliche Patienten missbraucht haben. Der beschuldigte Mann arbeitet seit fast vier Jahrzehnten an der Charité, seit mehreren Jahren in der Kinderrettungsstelle des zur Uniklinik gehörenden Virchow-Krankenhauses.

In der vergangenen Woche soll der Pfleger kurz nach Mitternacht ein 16-jähriges Mädchen, das unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln stand, beim Entkleiden für kurze Zeit im Intimbereich angefasst haben.

Bekannt wurde der Übergriff erst mit einer Woche Verspätung, nachdem sich der Vater an den behandelnden Arzt gewandt hatte. Bevor der Pfleger erneut zum Nachtdienst antrat, wurde er vom Dienst suspendiert; die Klinik verzichtete jedoch auf eine Strafanzeige.

Inzwischen musste die Leitung einräumen, dass der beschuldigte Mitarbeiter bereits wiederholt Kinder unsittlich berührt haben soll - ohne dass es zu Anzeigen kam oder zumindest zu einer Versetzung in eine andere Station, in der keine Kinder behandelt werden. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Juristen gehen bislang davon aus, dass die Klinik nicht verpflichtet war, den Fall anzuzeigen. Gleichwohl ist aus Ermittlerkreisen zu hören, dass es "unverantwortlich" sei, bei sexuellem Missbrauch nicht die Polizei zu verständigen. Denn auch im aktuellen Fall dürften gut eine Woche später keine Spuren des Täters mehr zu finden sein, am Ende stünde dann Aussage gegen Aussage.

Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) zeigte sich über die Informationspolitik der Charité entsetzt. Wie schon beim Keimausbruch auf der Frühgeborenenstation vor einem Monat erfuhr die Öffentlichkeit erst mit Verspätung von dem Vorfall. Jetzt muss sich die Klinikleitung nicht nur vorwerfen lassen, fahrlässig mit Patienten umzugehen, sondern sich auch noch den Vorwurf der Strafvereitelung durch Vertuschung gefallen lassen.

Die politisch für die Charité verantwortliche Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) erwartet für die nächsten Tage einen genauen Bericht, wer wann etwas gewusst hat und welche Entscheidungen warum getroffen wurden. Dabei soll sich dann auch herausstellen, ob Klinikumschef Karl Max Einhäupl tatsächlich erst so spät von dem Missbrauchsverdacht gegen den Pfleger erfahren hat.

Erst vor zwei Jahren hatte ein ähnlicher Fall im Klinikum in Berlin-Buch für erhebliches Aufsehen gesorgt: Dort hatte ein pädophiler Pfleger auf der Kinder-Intensivstation mehrere Jungen im Alter zwischen fünf und neun Jahren missbraucht und die Taten teilweise gefilmt. Erst als sich einer der Jungen seinen Eltern anvertraute, kam die Polizei dem Täter auf die Spur. In Buch wurden daraufhin nicht nur die Mitarbeiter fortgebildet. Es gibt seither zwei Kinderschutzbeauftragte, die Zugangsmöglichkeiten zur Kinderstation wurden verschärft, und an jedem Patientenzimmer wurde ein Guckfenster in die Tür eingelassen.

Größtmögliche Transparenz verspricht jetzt auch die Leitung der Charité. Gestern richtete sie eine Telefon-Hotline für besorgte Eltern und Angehörige sowie Mitarbeiter ein. Psychologische Fachkräfte stehen für Gespräche bereit.

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