Menschen, die auf schreiende Ziegen starren

Im Internet verbreiten sich Hypes wie Lauffeuer. Derzeit sind Ziegen, deren Gemecker in Popsongs reingeschnitten wurde, im Trend. Neu seien diese Phänomene nicht, sagt Medienpsychologe Jo Groebel. Früher sei lediglich die Reichweite geringer gewesen.

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Von Balotelli-Bildern, spontanen Tänzen und meckernden Ziegen: Internet-Trends der vergangenen Jahre, Monate und Wochen.  Foto: 
Neue Trends verbreiten sich im Internet explosionsartig: Beinahe wöchentlich entsteht ein neuer Hype, der rund um den Globus Zustimmung findet. Einmal sind es Bilder, die Privatpersonen von sich in ausgefallenen Posen ins Netz hochladen, kurz darauf folgen Videos von tanzenden Menschen. Und die halbe Welt tanzt mit. Nach ein paar Wochen ist wieder alles vergessen.
Welche Trends es in den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen gab, haben wir in folgender Chronik dargestellt (hier klicken, um sie in einem neuen Fenster zu öffnen):



Wer hat da noch den Überblick? Professor Jo Groebel, Medienpsychologe an der Business School Berlin Potsdam, kennt die Trends der vergangenen Jahre und weiß, dass sie eigentlich nichts Neues sind. "Den Basisimpuls für diese Bewegungen gab es schon immer", sagt Groebel. "Früher hieß es eben Happening und noch nicht Flashmob." Geändert habe sich lediglich die Reichweite dieser Phänomene.

Über das Internet - und dort hauptsächlich auf der Videoplattform Youtube - erfahren die Menschen in sekundenschnelle, was in der Welt im Trend ist. Früher sei es nicht so einfach gewesen, sich mit so vielen auf einmal zu verabreden, wie es bei einem "Flashmob" passiert, erzählt Groebel. Solche Hypes oder "kleine Trends", wie der Fachmann die Ideen nennt, hätten sich damals eher auf eine regionale Szene beschränkt. Das soziale Netzwerk Facebook habe es schließlich noch nicht gegeben.

Schreiende Ziegen lösen den Südkoreaner und seinen Pferdchentanz ab

Was gestern noch der "Gangnam Style" des südkoreanischen Sängers Psy war, ist heute der "Goat Style". Zur Zeit sind meckernde Ziegen, die in Musikvideos eingefügt werden, im Trend. Ein Youtube-Video, das inzwischen mehr als 150.000 Mal angeklickt wurde, zeigt Bon Jovi bei einem Liveauftritt, wie er "Livin' on a prayer" singt. In einem Moment, in dem er eigentlich einen Ton länger halten sollte, sieht der Zuschauer eine Ziege, die laut in genau dem Ton schreit, den Bon Jovi singen sollte.

Wer mit diesem Hype angefangen hat, weiß keiner. Lachen können trotzdem viele darüber. Nachahmer haben inzwischen zahlreiche Songs mit Ziegenschreien hochgeladen. Über 12 Millionen Menschen haben auf Youtube ein Video angeklickt, das Ziegen zeigt, die wie Menschen schreien.

Was eine spontane Idee zum Hype macht, weiß Professor Jo Groebel. Wichtig sei eine Mischung aus originellem Einfall und etwas, was die Leute noch nicht gesehen haben. Das dürfe auch unfreiwillig komisch oder kindisch sein. „Es funktioniert aber nur, wenn das Video kurz und eingängig ist“, sagt Groebel.

Je unprofessioneller ein Video oder Bild sei, desto besser komme es beim Publikum an. Das habe sich beispielsweise beim „Harlem Shake“ gezeigt: Eine Menschenmenge, die für 30 Sekunden verkleidet wild auf einem Marktplatz zappelt, wird von vielen angeklickt. Intellektuell anspruchsvoll dürfen die Videos nicht sein. Groebel sagt: „Das Bescheuerte ist gerade das Entscheidende.“

Die Hypes erscheinen sinnlos, haben aber doch einen hohen Sinngehalt

Angst davor, dass wir demnächst verblöden, hat Goebel allerdings nicht. Er weiß, dass diese kurz aufkeimenden Trends zwar sinnfrei erscheinen, aber dennoch nicht sinnfrei sind. "Man hat einfach Spaß", sagt der Medienpsychologe. Das Anschauen der Videos habe einen hohen Sinngehalt. Er weiß: "Es entsteht eine unverbindliche Gemeinschaft, ein Wir-Gefühl."

An den Videos mit den Ziegen kommt zur Zeit fast keiner vorbei. Einige schütteln nur noch den Kopf, andere können sich vor lachen nicht mehr auf dem Stuhl halten. Nicht zu vergessen: Zurerst wurde der Pferdchentanz von Psy, der es dank horrender Klickzahlen auf Youtube in Guinessbuch der Rekorde geschafft hat, von wild zappelnden Menschen im "Harlem Shake" abgelöst.

Zuletzt war auch das „Planking“, ein Hype aus Australien, weit verbreitet. Das Ziel ist es, sich möglichst flach wie ein Brett zu machen und sich so fotografieren zu lassen. Am häufigsten angeklickt wurden Bilder, auf denen der Untergrund außergewöhnlich war. Doch der für viele nicht nachzuvollziehende Trend hat auch schon ein Todesopfer gefordert. Ein junger Australier flog von seinem Balkon und starb an den Verletzungen.
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