Leichtes Spiel für Autodiebe

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Türöffner: Polizist Bernd Geißler zeigt ein kleines elektronisches Gerät, mit dem Diebe Autos knacken.  Foto: 

Bernd Geißler hat schon viele Tricks der Autodiebe ermittelt. Doch angesichts einer aktuellen Methode stellt der Experte des kriminaltechnischen Instituts der Berliner Polizei fest: Es sei für Täter noch nie leichter gewesen, die hochgerüsteten Sicherheitssysteme der Fahrzeuge zu überwinden. Zusammen mit zwei Kollegen hat er am Donnerstag demonstriert, wie kriminelle Banden vorgehen.

Erster Fall, ein BMW 750 Li xDrive, neuestes Modell, 115 000Euro teuer. Ein LKA-Mann spielt den Komplizen, der einer ahnungslosen Autobesitzerin im Parkhaus folgt. Als er sich ihr auf wenige Meter nähert, erfasst ein Gerät in seiner Tasche das Signal ihres Funk-Autoschlüssels und leitet es weiter. Empfänger ist ein weißer elektronischer Kasten, den Geißler an die Tür hält. Sekunden später steigt er ein, der Motor läuft.

Auch in anderen Situationen führt das Trio vor, wie schnell und reibungslos Täter die mit schlüssellosen Zugangssystemen („Keyless Go“) ausgestatteten Autos knacken können. Selbst wenn Besitzer ihr Auto im heimischen Carport abstellen und den Schlüssel zu Hause ablegen, könne das Signal erfasst werden, wenn Täter an der Hausfassade entlang schleichen, erläutert Geißler.

Sechs verschiedene Modelle hat die Versicherungswirtschaft für die Vorführung zur Verfügung gestellt und bei jedem funktioniert der Trick mit den Funkwellenverlängerern. Diese Geräte würden zuhauf im Internet angeboten, sagt Geißler. Die ersten elektronischen Türöffner seien vor sechs Jahren noch für 35 000 Euro verkauft worden. Mittlerweile seien sie deutlich günstiger. „Die Funktionsweise wird in Online-Videos erläutert“, sagt Geißler. „Gut geklickt ist eines mit einem Russen.“

6200 Fahrzeuge wurden im vergangenen Jahr in der Hauptstadt gestohlen, eine ähnliche Zahl wie 2014. Dabei stoßen die Ermittler immer wieder auf die geschilderte neue Methode. „Die Geräte werden von hochspezialisierten Banden angeschafft, für Einzeltäter sind sie nicht erschwinglich“, sagt Dirk Jacob, Dezernatsleiter für organisierte Kriminalität beim Berliner LKA. Vor allem Tätergruppen aus Osteuropa seien in der Hauptstadt aktiv. Deren Ziel sei es, die Autos ohne größeres Entdeckungsrisiko blitzschnell zu öffnen und sie dann sofort über die Grenze zu schaffen. Dort würden sie zerlegt, um einzelne Teile illegal zu verkaufen.

Die Täter könnten sich angesichts der offenen Grenzen zumeist nur selbst stoppen, wie Jacob verdeutlicht: Wenn sie an einer Tankstelle den Motor abstellen. Denn neu starten können sie nicht, wenn die Distanz Funk-Autoschlüssel mehrere Kilometer beträgt. Selbst bei einer Polizeikontrolle sei für die Beamten kaum ersichtlich, dass der Wagen gestohlen wurde, sofern noch keine Anzeige vorliegt. „Es fehlen jegliche Spuren“, sagt der LKA-Dezernatsleiter. Nach seinen Erkenntnissen stellt jedoch auch das Auftanken unterwegs kein Problem dar: Dann würden „Tankwagen“ angefordert.

Eine genaue Statistik zu Diebstählen per Funksignal-Trick kann Jakob nicht liefern. Allerdings würden bei Razzien die elektronischen Geräte immer häufiger sichergestellt. Da er in Gesprächen mit Vertretern der Autohersteller erfahren hat, dass in naher Zukunft keine neuen technischen Lösungen zum Schutz der Fahrzeuge auf den Markt kommen, rät er Autobesitzern zur Selbsthilfe. Diese könnten die „Keyless“­-Funktion selbst abschalten oder Fachwerkstätten damit beauftragen. Zudem seien zusätzliche Sicherheitsschalter erhältlich. Hilfreich sind nach seinen Angaben auch spezielle Schlüsseltaschen sowie Schlüsselkästen aus Metall für den Flur. „Sie unterbrechen das Signal.“

Zahlen Autodiebe haben im vergangenen Jahr bundesweit einen wirtschaftlichen Schaden in Rekordhöhe verursacht. Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) stieg der Schaden 2015 um elf Prozent auf 291 Millionen Euro (2014: 262 Millionen Euro). Besonders abgesehen hatten es Kriminelle auf teure Geländewagen. Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte vergangenes Jahr 19 391 Pkw registriert, die dauerhaft verschwanden. Dem BKA zufolge  stieg die Zahl der Auto-Diebstähle 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 4,5 Prozent.

Anzeige Ein verschwundenes Auto sollten Betroffene sofort über den Notruf 110 der Polizei melden. Die prüfe, ob das Fahrzeug abgeschleppt wurde. „Ist das nicht der Fall, muss sofort Anzeige erstattet werden“, rät Kriminal­oberrat Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes. Ist in dem Fahrzeug ein Ortungssystem eingebaut, erhöht sich die Chance, es wiederzufinden.

Schadensmeldung Dann sollten Bestohlene ihre Versicherung informieren, ihr Papiere und Schlüssel vorlegen. Den entstandenen Schaden übernimmt die Teilkasko- respektive Vollkaskoversicherung. Auf den persönlichen Schadenfreiheitsrabatt hat ein Autodiebstahl keinen Einfluss.

Vorsorge „Autodiebe sind heute hoch qualifiziert und arbeiten in professionell organisierten Banden arbeitsteilig zusammen“, erläutert Kriminal­oberrat Harald Schmidt. Zum vorsorglichen Schutz besonders wirkungsvoll sei eine Kombination aus mechanischen und elektrischen Sicherungen. Empfehlenswert seien zudem individuell eingebaute Sicherungen wie eine Gangschaltungssperre, eine Parkkralle oder eine Diebstahlwarnanlage. dpa

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