Keiner will es getan haben

Zum Auftakt des zweiten Prozesses um den Tod von Jonny K. haben sich die Angeklagten erneut gegenseitig belastet. Für die dramatischen Folgen der Prügelei am Alexanderplatz will keiner verantwortlich sein.

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Hinter Zeitungen versteckten sich gestern die Angeklagten im Prozess um die Tötung von Jonny K. am Landgericht in Berlin. Foto: dpa

Ohne einleitende Worte will Helmut Schweckendieck den neuen Prozess nicht beginnen lassen. Also ermahnt der Vorsitzende Richter die Öffentlichkeit zur Zurückhaltung, lobt die Kooperation der Verteidiger und sendet eine deutliche Botschaft in den Saal: Er hoffe, dass jeder mit seiner Tätigkeit im Gericht "verantwortungsvoll" umgehe. Das war auf den Eklat im ersten Prozess gemünzt. Ein Laienrichter hatte einen Zeugen beschimpft und wenige Tage später ein Zeitungsinterview gegeben. Daraufhin musste der Prozess wegen Befangenheit des 58-Jährigen abgebrochen werden. Jetzt sitzen zwei andere Schöffen neben Schweckendieck.

Onur U. wirkt derweil nervös. Er gilt als Hauptbeschuldigter in dem Fall und soll die Schlägerei im Oktober in der Nähe einer Diskothek am Alexanderplatz angezettelt haben. Dabei wurden Jonny K. und sein Freund Gerhardt C. laut Staatsanwaltschaft völlig grundlos angegriffen. Zufällig kreuzten sich ihre Wege. Das 20-jährige Todesopfer stürzte nach Tritten und Schlägen mit dem Kopf auf das Pflaster. Einen Tag später starb Jonny K. an Hirnblutungen.

Onur U. hatte sich Monate in der Türkei versteckt, bis er im April zurückkehrte und sich der Polizei stellte. Der ehemalige Boxer müht sich mit seiner Erklärung im Gerichtssaal. Emotionslos und stockend schildert er seinen Anteil am Gewaltexzess. "Ich möchte deutlich sagen, dass ich den Tod von Jonny nicht verursacht hatte", sagt der 19-Jährige. Er habe allerdings dessen Freund verprügelt, ihm "schnell und abwechselnd" ins Gesicht geschlagen. Sein Gegner sei wieder aufgestanden. "Ich war aber nicht beunruhigt."

Auch auf Nachfragen des Richters bleibt U. bei dieser Version. Jonny K. will der Angeklagte erst später auf dem Boden liegend bemerkt haben. "Er lag, als wenn er schlief", berichtet er.

Neben U. sitzen fünf weitere Männer im Alter von 19 bis 24 Jahren auf der Anklagebank. Drei müssen sich ebenfalls wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten, zwei wegen gefährlicher Körperverletzung. Auch sie beteuern wie zum Auftakt des ersten Prozesses, nichts mit dem Tod von Jonny K. zu tun zu haben, räumen aber eine Beteiligung an der Schlägerei ein. Glatt geschliffene Worte der Reue folgen bei jedem.

Drei der mutmaßlichen Schläger sagen indes aus, dass die Mitangeklagten Melih Y. und Bilal K. den am Boden liegenden jungen Berliner getreten hatten. Was davor ablief, darüber gibt es widersprüchliche Aussagen. Onur U. wird von den anderen nicht belastet. "Das eskalierte urplötzlich, es wurde schnell gewalttätig", sagt Osman A. Dabei sei er ein friedliebender Mensch.

Tina K. schüttelt immer wieder den Kopf, wenn sie diese Sätze hört. "Ich möchte wissen, wer die Schuld für den Tod trägt", sagt Jonnys Schwester in die Mikrofone auf dem Flur. Das Verfahren sei mittlerweile "extrem belastend". Die 29-Jährige ist dennoch froh über die ruhige Stimmung im Gerichtssaal. Freunde hatten ihr berichtet, dass sie als Zuhörer im ersten Prozess von Bekannten der Angeklagten angefeindet worden seien. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

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