Kein Gedanke an Ruhestand

Anfang Oktober kommen Schwedens Königin Silvia und König Carl Gustaf  nach Deutschland. Im Vorfeld sprachen sie mit dieser Zeitung.

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    Fühlen sich Deutschland noch sehr verbunden: Schwedens Königin Silvia und König Carl XVI. Gustaf Foto: 
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    Das schwedische Königspaar nach dem Ínterview mit unserem Korrespondenten in Stockholm, André Anwar. Foto: 
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Freuen Sie sich schon auf den Staatsbesuch?

KÖNIG CARL XVI. GUSTAF: Ja wir freuen uns sehr. Der letzte offizielle Staatsbesuch war 1979. Der Besuch wird mit vier Tagen viel länger als andere. Wir kennen Deutschland ja gut von unseren zahlreichen privaten Besuchen, die Königin und ich haben ein sehr enges Verhältnis zu Ihrem Land. Meine Mutter war Deutsche. KÖNIGIN SILVIA: Es wird ein sehr spannender Aufenthalt, erstmal in Berlin, dann Hamburg, Wittenberg und Leipzig. Ich werde die Zeit auch nutzen, um unsere deutschen Kinderhilfsprojekte zu besuchen. Da geht es derzeit viel um einsame Flüchtlingskinder.

Angesichts der Flüchtlingskrise hat König Harald von Norwegen kürzlich eine bewegende Rede zur Toleranz gehalten. Was halten sie vom Engagement ihres Amtskollegen?

CARL GUSTAF: Es ist sehr gut, dass er sich geäußert hat. Größtmögliche Offenheit ist wichtig. Die Anzahl der Flüchtlinge in Schweden ist enorm. Aber ich sage, wir haben alle ein Herz in uns, und wir müssen Menschen, die in Not sind, aufnehmen und ihnen selbstverständlich helfen. Natürlich bringt das auch große Probleme mit sich. Deren Lösung, die nächsten Schritte, die Integration all das wird Zeit brauchen und ist eine andere Geschichte, aber wir können bei Menschen in Not nicht einfach weggucken.

Königin Silvia, Sie sind einst selbst als Fremde nach Schweden gekommen, ist es heute einfacher oder schwieriger für Migranten in Schweden?

SILVIA (lacht): Nun ja, für mich war es ein bisschen einfacher. Ich hatte eine Einladung. Aber für meinen deutschen Vater war es schwieriger als er 1919 in Brasilien einwanderte, er konnte die Sprache nicht, es war eine andere Kultur. Der Unterschied heute ist, dass es viel mehr Migranten in kurzer Zeit sind. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Schweden war aber immer generös. Seit 200 Jahren herrscht hier Frieden. Auch nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hat Schweden vielen Flüchtlingen geholfen. Es ist eine schwedische Tradition zu helfen.

Was tun sie als König und Königin von Schweden für die Flüchtlinge?

CARL GUSTAF: Viel kann ich leider nicht tun. Ich reise, besuche Flüchtlingsunterkünfte und hoffe so die Aufmerksamkeit für deren Situation zu erhöhen. SILVIA: Alleine im letzten Jahr flüchteten 40 000 unbegleitete Kinder nach Schweden. Viele sind erheblich traumatisiert vom Krieg. Da geht es nicht nur um finanzielle, sondern um menschliche Hilfe. Mit meiner Organisation Childhood versuchen wir zu helfen, wo wir können, auch in Berlin, Leipzig und Bremen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte „Wir schaffen das“. Das ist derzeit höchst umstritten in Deutschland. Wie sehen Sie ihr Engagement, denken Sie, dass sie den Nobelpreis bekommen sollte?

CARL GUSTAF (lacht): Die Friedensnobelpreisvergabe ist Aufgabe des Nobelinstitutes. Da darf ich mich nicht einmischen. Ich sehe das aber ähnlich wie Frau Merkel. Wir müssen denen helfen, die hier sind. Vor allem müssen wir aber auch in den Krisenregionen helfen, sodass die Menschen nicht ihre Länder verlassen müssen. Das ist natürlich die beste Herangehensweise. SILVIA: Es ist wirklich fantastisch, wie Deutschland die Flüchtlinge empfangen hat. Es ist ja unsere christliche Botschaft, dem Nächsten zu helfen. Das „Wir schaffen das“ von Frau Merkel sitzt in uns allen. Allerdings sollte die Verantwortung auch von anderen Ländern mitgetragen werden.

Königin Silvia, Sie werden zum Staatsbesuch unter anderem in Berlin sein. Welche Erinnerungen haben sie noch an die Stadt aus ihrer Kindheit?

SILVIA: Seltsamerweise hat sich da vor allem eine Erinnerung festgesetzt. Ich sollte mit 13 zum Weihnachtsfest der Eltern nach Westberlin. Ich hatte zwar einen deutschen Pass, der wurde aber in Brasilien ausgestellt. Ein DDR-Volkspolizist nahm mich an der Grenze beiseite und sagte, mein Pass sei nicht in Ordnung, ich dürfe nicht weiter. Das war für mich als Kind eine entsetzliche Situation und ich denke da an die vielen einsamen Flüchtlingskinder, die derzeit Ähnliches erleben. Plötzlich gerät ein Kind in eine Situation, in der es keine Kontrolle mehr hat und nicht versteht warum. Letztlich ließ mich der Volkspolizist damals nach vielem Hin und Her mit dem Vermerk „Kind“ im Pass doch zum Weihnachtsfest. Ich hatte Glück, aber auch heute noch, nach so langer Zeit, sitzt die damals erlebte Angst sehr tief in mir.

Und wenn Sie heute an Berlin denken, an das lebensfrohe Berlin, an die Lebensart, die Berliner Luft, die Berliner Schnauze?

SILVIA (lacht): Nun ja, ich habe keinen Koffer mehr in Berlin, aber die Berliner Luft ist etwas ganz Besonderes. Die Menschen dort sind sehr schnell denkend, sehr neugierig, Die Kunstszene ist so aufgeblüht und ein Grund für die riesige Popularität, die Berlin im Ausland bekommen hat.

Sie fahren oft privat durch Deutschland. Werden Sie dort denn häufig erkannt?

SILVIA: Ja wir beide fahren immer selbst Auto, wenn wir in den Urlaub nach Südfrankreich fahren. Da nehmen wir unterschiedliche Routen durch Deutschland. Dabei waren schon Rostock, Dresden und Berlin. Manchmal sprechen uns Leute in Restaurants an, aber die sind immer sehr nett, und wir sind für solche Gespräche offen.

CARL GUSTAF: Wiedererkannt werden wir schon, aber nicht so oft, wie man denken könnte. Wir fahren im Übrigen nicht ganz allein durch Deutschland, ein Sicherheitsteam in einem Auto hinter uns fährt mit.

Eure Majestät sind bekannt als umweltbewusster König. Sie wollten ihren Untertanen sogar die Badewannen wegen dem Wasserverbrauch verbieten. Hatten sie Erfolg damit?

CARL GUSTAF (lacht herzlich): Nun ja, ich muss manchmal diese riesigen Badewannen nutzen, und habe mir da Sorgen über den Wasserverbrauch gemacht. Ich wollte nur sagen, dass ich persönlich keine Badewannen mehr benutzen möchte. Natürlich kann ich anderen Menschen ihr Vollbad nicht verbieten. Und ja wir tun viel für die Umwelt. Im Schloss heizen wir inzwischen mit Holzhackschnitzeln. Wir tauschen Glühbirnen durch Sparglühbirnen aus. Zu Beginn gab es nicht die richtigen Farben. Aber jetzt gibt es sie. Energiesparlampen sind zwar teuer, aber lohnen sich auf lange Sicht. Und manchmal ist es im Übrigen auch ganz schön, alt zu werden. Denn zu meinem 70. Geburtstag habe ich den Bau eines Solarsystems für das Schlossdach versprochen bekommen.

Kaum ein Königshof ist so volksnah wie der schwedische. Ihre Kinder sind auf normale Schulen gegangen, Kronprinzessin Victoria und Prinz Carl Philip haben völlig gewöhnliche Menschen aus dem Volk geheiratet. Was muss die Monarchie heute anders machen im Vergleich zu früher?

CARL GUSTAF: Nun, mein Motto ist: „Man muss mit der Zeit gehen.“ Das bedeutet, dass ich kein konservativer Keil in den Institutionen sein will. Gleichzeitig bin ich kein Revolutionär! (lacht). Ich versuche zu erfühlen, was die Menschen von ihrer Monarchie erwarten und versuche das Königshaus an die moderne Gesellschaft anzupassen. Es hat sich ja extrem viel in meinen 40 Jahren auf dem Thron verändert. Alleine die Digitalisierung, alles geht viel schneller, manchmal zu schnell.

Nach über 40 Jahren, denken Sie da manchmal daran in den Ruhestand zu gehen?

CARL GUSTAF: Nein, daran denke ich nicht. Wir haben keine solche Tradition in Schweden.

Königin Silvia und König Carl Gustaf im Gespräch

Staatsbesuch König Carl XVI. Gustaf von Schweden (70) und Königin Silvia (72) werden in knapp zweieinhalb Wochen, vom 5. bis 8. Oktober, auf Staatsbesuch bei Bundespräsident Joachim Gauck in Deutschland sein. Stationen ihres viertägigen Besuches sind Berlin, Hamburg, Wittenberg und Leipzig. Im Vorfeld ihrer Deutschland-Reise gaben sie dieser Zeitung in  ihrem Stockholmer Schloss ein Interview.

Familie Die in Heidelberg geborene und in Brasilien aufgewachsene Silvia lernte Carl Gustaf bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München als Hostess kennen. Am 19. Juni 1976 fand in Stockholm die Vermählung statt. Dieses Jahr feierte das Königspaar 40. Hochzeitstag. Die beiden haben drei mittlweile verheiratete Kinder und bisher fünf Enkelkinder. Wenn Carl Gustaf eines Tages nicht mehr König ist, stehen vier weibliche und vier männliche Nachkommen für seine Nachfolge bereit. Nummer eins ist die Erstgeborene Prinzessin Victoria, gefolgt von deren Tochter Estelle. An dritter Stelle steht deren jüngerer Bruder Prinz Oscar, der im März dieses Jahres zur Welt gekommen ist. eb

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