Kein Beweis gegen Mario K.

Im Prozess um die Überfälle auf zwei wohlhabende Familien im Land Brandenburg wird am heutigen Freitag das Urteil erwartet. Die Staatsanwaltschaft fordert für den 47-jährigen Mario K. eine lebenslange Freiheitsstrafe.

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Der Angeklagte Mario K. verdeckt vor Beginn der Verhandlung mit einem Hefter sein Gesicht.  Foto: 

Mitten am See leben in Storkow und in Bad Saarow viele wohlhabende Berliner in reizvoller Landschaft. Die Idylle bekommt im Jahr 2011 einen ersten Knacks. Mitten in der Nacht schlägt ein maskierter Mann auf die 61-jährige Petra P. ein. Sie ist die Frau eines erfolgreichen Berliner Immobilienunternehmers. "Mir war klar, dass er mich umbringen will", sagt die zierliche Frau später im Prozess vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) aus. Sie überlebt den Angriff nur, weil ihre drei Hunde sie beschützen und Nachbarn zu Hilfe eilen.

Die Polizei ist ratlos. Vom Täter gibt es nur eine vage Beschreibung. Bis 42 Tage später der maskierte Mann erneut auf dem Grundstück in Bad Saarow auftaucht. Dort bedroht er auf einer Pferdekoppel die 23-jährige Tochter der Familie. Sie wird von einem Wachmann beschützt. "Lauf, lauf", ruft er der jungen Frau zu. Als sie flieht, gibt der maskierte Mann erste Schüsse ab. Drei Kugeln bohren sich in den Körper des muskelbepackten Wachmannes. Er bleibt sein Leben lang von der Hüfte abwärts gelähmt.

Erst jetzt läuft bei der Polizei ein großangelegter Einsatz an. Die Region wird abgeriegelt. Es gibt Kontrollen. Phantombilder mit einem Maskenmann werden in Briefkästen verteilt. Bis zuletzt gehen mehr als 500 Hinweise aus der Bevölkerung ein. Auch im ZDF wird der Fall zwei Mal bei "Aktenzeichen XY" behandelt. Der einzige Erfolg sind Hülsen einer Waffe, die auf der Pferdekoppel in einem Baum gefunden wurden. Sie stammen vermutlich von einer Ceska - einer tschechischen Pistole, die es nach der Wende überall zu kaufen gab.

Allmählich gerät der Fall in Vergessenheit. Bis genau ein Jahr später ein Berliner Unternehmer aus seiner Villa in Storkow - nur wenige Kilometer von den ersten Tatorten entfernt - entführt wird. Wieder ist es ein maskierter Mann, der mitten in der Nacht aufkreuzt. Wieder hat er eine Ceska dabei und schießt damit in die Decke des Hauses. Der zehnjährige Sohn wird mit vorgehaltener Waffe gezwungen, seinen Vater zu fesseln. Der erzählt der Polizei später, dass er sich an ein Kajak hängen musste, mit dem der Täter durch den zwölf Grad Celsius kalten Storkower See fuhr.

Ziel ist eine kleine Insel am sumpfigen Ufer des Sees. Dort muss er Briefe an seine Frau schreiben. Eine Million Euro fordert der Täter. Sein Opfer lässt er mehr als 30 Stunden gefesselt und geknebelt auf der Erde liegen. Bis es sich selbst befreit und flieht.

Es dauert ein Jahr, bis die Polizei einen Täter präsentiert: den Dachdecker Mario K., einen Sonderling, der im Wald lebt, ein langes Vorstrafenregister hat und auf reiche Menschen nicht gut zu sprechen ist. Alles scheint prima zu passen. Bis im Prozess immer mehr Einzelheiten bekannt werden, die darauf schließen lassen, dass Mario K. nur ein Sündenbock ist. Gegen ihn gibt es keine richtigen Beweise.

Eine entdeckte DNA-Spur stammt nicht von ihm, sondern vom Bruder eines libanesischen Autohändlers. Augenzeugen entpuppen sich als notorische Anzeigenerstatter, die sich vor Gericht wichtig machen wollen, aber in Wahrheit nichts gesehen haben. Die Staatsanwaltschaft klammert sich trotzdem an diese Zeugen.

Als der Prozess am 5. Mai 2014 vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) beginnt, rückt ohnehin nicht der Angeklagte, sondern die Polizei in den Fokus der Öffentlichkeit. Es ist der Leiter der Kriminalpolizei, der seinen Beamten verbietet, dem Entführungsopfer kritische Fragen zu stellen. Nicht alle Kollegen sind damit einverstanden. Ein Beamter erstattet Selbstanzeige, weil er die einseitigen Ermittlungen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Er wird versetzt. Eine weitere Beamtin, die im Prozess über die Zustände bei der Polizei auspackt, quittiert freiwillig den Dienst. Die langjährige Mordermittlerin geht mittlerweile wieder auf Streife.

Im Prozess geht es neben der chaotischen Polizeiarbeit aber vor allem um eine Frage: Hat die Entführung des 51-jährigen Berliners tatsächlich stattgefunden? Erste Zweifel äußert ein Gerichtsmediziner, der in der Verhandlung als Gutachter aussagt. Sein Fazit: Wer länger als eine Stunde durch zwölf Grad kaltes Wasser gezogen wird und anschließend mehr als 30 Stunden bei rund zehn Grad im Freien verbringt, muss unterkühlt sein. Solche Anzeichen gibt es nicht.

Die Staatsanwaltschaft hält trotz der vielen Fragen an ihrer Anklage fest. Im Plädoyer wird eine lebenslange Haftstrafe für Mario K. gefordert. Die Vertreter der Nebenkläger beantragen darüber hinaus die Feststellung einer Schwere der Schuld.

Die Verteidiger hingegen beantragen Freispruch. "Es reicht nicht", sagt einer der Rechtsanwälte in seinem Schlusswort. Heute Vormittag gibt die Strafkammer ihre Entscheidung bekannt.

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