INTERVIEW: Grandiose Leistung

Von Brauns Leistung steht seine Nazi-Karriere gegenüber. Der erste bundesdeutsche Astronaut, Ulf Merbold (70), hätte nicht fürs Militär gearbeitet .

|

Wie beurteilen Sie die Bedeutung von Brauns für die Raumfahrt?

ULF MERBOLD: Die Rolle Wernher von Brauns ist kaum zu überschätzen. Er hat der Raumfahrt einen entscheidenden Impuls gegeben. Dass dank seiner genial konstruierten Saturn V schon vor 40 Jahren zwölf Männer den Mond betreten konnten, ist eine grandiose Leistung.

Wie verträgt sich das aber mit seiner Rolle im NS-Regime?

MERBOLD: In den 30er Jahren war Braun ein junger Hüpfer. Da hat es sonst nicht viel Bereitschaft gegeben, einem solchen Menschen Forschungsgelder anzuvertrauen. Insofern muss man nachvollziehen, dass er sich von den Nazis auch hat verführen lassen. Die politischen Führer stellten das ganze Vorhaben natürlich gleich unter die Maßgaben militärischer Nutzung. Und Braun hat nicht dagegen protestiert, aber die verbrecherische Nutzung war nicht sein Antrieb. Auch Otto von Hahn konnte nicht verhindern, dass seine Forschungen für den Bau einer Atombombe dienten.

Ist Braun ein Lehrstück dafür, dass Naturwissenschaftler gut daran tun, die Zwecke im Auge zu behalten, für die die eigene Forschung benutzt werden kann?

MERBOLD: Ich möchte mich nicht als Moralist hinstellen und das in irgendeiner Weise verurteilen. Braun hat die menschenverachtende Produktion im KZ Mittelbau-Dora nicht verhindert, aber ich bin sicher, er hat dies auch nicht gewollt.

Wenn sich Wissenschaftler nicht gegen den Missbrauch ihrer Forschungen wehren können, darf man dann trotzdem das Ideal einer angeblich zweckfreien Wissenschaft vertreten? MERBOLD: Die menschliche Neugier, den Dingen auf den Grund zu gehen, sie zu durchschauen, ist zunächst einmal etwas sehr Positives. Die Ergebnisse lassen sich später aber in den meisten Fällen auch dazu nutzen, um andere Menschen zu verderben. Deshalb aber sollte man die Naturwissenschaft nicht von vornherein unterlassen. Ich für meine Person habe es allerdings abgelehnt, gezielt für das Militär zu arbeiten. Ich würde ungern den Politikern ein neues Druckmittel in die Hand geben, wie es die Atombombe dargestellt hat. Dann habe ich keine Kontrolle mehr darüber. Allerdings will ich meine Position nicht verallgemeinern: Denn wenn wir als deutsche Gesellschaft der Meinung sind, wir brauchen die Bundeswehr, um unsere Freiheit zu verteidigen, dann müssen wir den Soldaten auch die besten Flugzeuge und Waffen zur Verfügung stellen. Alles andere wäre nicht konsequent.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Hoffen und Bangen vor dem Prozess gegen Mesale Tolu

Am Montag entscheidet sich, ob die Journalistin frei kommt. Die Familie ist optimistisch. Diplomaten und Prominente verfolgen die Verhandlung im Istanbuler Justizpalast. weiter lesen