Interview mit Sönke Wortmann zur neuen Serie „Charité“

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„Das wilhelminische Zeitalter ist im deutschen Film und Fernsehen absolut untererzählt“, findet Regisseur Sönke Wortmann.  Foto: 

Deutschland ist im Serienfieber. Die TV-Sender haben die Zeichen der Zeit erkannt und setzen auf Qualität. Die ARD hat für ihren Sechsteiler „Charité“ Star-Regisseur Sönke Wortmann verpflichtet: Seine im Jahr 1888 spielende Klinikserie läuft von heute an dienstags um 20.15 Uhr im Ersten und handelt von Ärzten, Krankenschwestern und Patienten an dem berühmten Berliner Krankenhaus. Dabei werden historische Ereignisse mit fiktiven Schicksalen verknüpft. In den Hauptrollen sind Alicia von Rittberg, Matthias Koeberlin und Justus von Dohnanyi zu sehen.

Was hat Sie an der Thematik von „Charité“ gereizt?

Sönke Wortmann: Erstens das Format. Es ist meine erste Fernsehserie, und ich probiere gerne mal was Neues aus. Zweitens das Thema und die Zeit: Das wilhelminische Zeitalter ist im deutschen Film und Fernsehen absolut untererzählt. Das war eine ganz spannende Epoche, und ich finde, es ist höchste Zeit, dass in der Richtung mal etwas gemacht wird. Alles was damals passiert ist, nicht nur medizinisch, hatte direkte Auswirkungen auf unser Leben heute.

Fing die moderne Medizin mit Rudolf Virchow und Robert Koch, Emil von Behring und Paul Ehrlich, die im Mittelpunkt Ihres Sechsteilers stehen, erst an?

Das kann man so sagen. Wenn es die damals nicht gegeben hätte an der Charité, wäre unsere medizinische Versorgung nicht so gut wie sie heute ist. Durch Impfen wird verhindert, dass man krank wird, und wenn es einen doch erwischt, gibt es Antibiotika, damit man schnell wieder gesund wird. Das haben wir den Leuten von damals zu verdanken.

Sind Sie ein Impfmuffel oder halten Sie jeden Vorsorgetermin ein?

Ich nehme jeden Vorsorgetermin wahr. Das heißt, ich gehe einmal im Jahr zum Checkup, und da ist eigentlich nie was – dann bin ich froh und mache es im nächsten Jahr wieder. Es gibt bestimmte Vorsorgegeschichten, die man unbedingt machen sollte, zum Beispiel bei Darmkrebs: Wenn man das früh genug erkennt, ist es heilbar. Wenn man es zu spät erkennt und dann aus Nachlässigkeit stirbt, ist das kein guter Grund zu sterben, finde ich.

Einige operative Eingriffe werden detailgenau gezeigt. Muss das so drastisch sein?

Ich finde es eigentlich vergleichsweise harmlos, man sieht ja kaum Blut, ich hätte mir da mehr gewünscht. Bei einem Kaiserschnitt etwa kann das Blut auch bis an die Decke spritzen, das haben wir ja gar nicht gezeigt. Ich wollte keine Showeffekte, sondern einfach nur realistisch zeigen, wie so etwas abläuft.

Haben Sie großen Wert auf Authentizität gelegt?

Natürlich, wir haben auf Details geachtet, und wir hatten immer einen medizinischen Fachberater dabei, der uns zum Beispiel bei einer Szene mit einem Luftröhrenschnitt gesagt hat, wie das ist, und so haben wir es auch gemacht, das ist sehr wichtig für mich. Vielleicht ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Chirurgen damals ohne Handschuhe, mit bloßen Händen, operiert haben – Keime und so, das war noch weitgehend unbekannt.

Gedreht wurde das meiste aber nicht in Berlin, sondern in Prag.

Wir haben so ein paar Außenaufnahmen in Berlin gedreht, den Französischen Dom etwa, aber es ist wahr: Alles was man in der Serie von der Charité sieht, das Gebäude von außen und auch die Säle, steht in Prag. Das ist so, weil es in Deutschland kein geeignetes Gebäude mehr gibt, das unrenoviert nach 19. Jahrhundert aussieht.

Was hat Sie an einer Serie gereizt?

Man hat mehr Zeit für die Figuren. Wir haben sechs Mal 47 Minuten, das sind fast 300 Minuten für eine Geschichte, im Kinofilm habe ich 90. Die Figuren werden noch nahbarer, und das ist ein Vorteil. Und es ist für mich eine sportliche Herausforderung. Ich kenne tolle Serien, die aus Amerika kommen, und da will ich auch mal gucken, wie weit ich es da schaffe und was ich auf dem Gebiet kann.

Haben Sie eine Lieblingsserie?

Ich mag sehr unterschiedliche Serien aus verschiedenen Genres. Ich mochte „Breaking Bad“, so wie alle. Ich mochte aber auch „Californication“, das man gar nicht vergleichen kann. Und ich habe „The Slap“ aus Australien für mich entdeckt, das kennt nicht jeder. Wenn Sie einen Tipp haben möchten, würde ich Ihnen die empfehlen.

Ist es in Deutschland schwieriger, eine Qualitätsserie zu drehen als etwa in den USA?

Nein, das finde ich nicht. Aber ich finde, Deutschland hat den Trend ein bisschen verschlafen. Bis vor ein paar Jahren haben alle gerne diese Serien geschaut, aber niemand kam auf die Idee, selber was in der Richtung zu machen. Das hat sich geändert – für mich vor allem durch „Deutschland 83“, das mit jeder amerikanischen Serie mithalten kann. Wir sind in Deutschland aufgewacht und können jetzt zeigen, dass wir hier auch was draufhaben.

Sönke Wortmann kam 1959 in Marl zur Welt und wollte Fußballprofi werden, studierte dann aber Regie. Berühmt wurde er mit „Kleine Haie“, „Der bewegte Mann“ und „Das Superweib“, es folgten „Das Wunder von Bern“ und „Die Päpstin“. Wortmann inszeniert auch Theaterstücke. Der 57-Jährige ist mit der Schauspielerin Cecilia Kunz verheiratet, mit der er drei Kinder hat, und lebt in Düsseldorf. ski

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