In der Flirtwolke

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Ins Netz gegangen: Mal schauen, was draus wird.  Foto: 

Wenn Sarah etwas erzählt, das für sie intim ist, lehnt sie sich mit dem Oberkörper über den Tisch und flüstert. Sie erzählt dann von Begegnungen mit Männern, die sie dank der Dating-App „Tinder“ getroffen hat. Zum Beispiel von zwei „Profi-Sprittis“, die sie zur gleichen Zeit kennengelernt hat. „Das waren echte Kampftrinker. Wir sind in eine Kneipe gegangen, da lief schreckliche Musik und alle dort waren Alkoholiker. Aber die beiden Jungs waren echt nett.“

Sarah ist 38, ihr rechter Arm ist von Tätowierungen überzogen, die blonden Haare trägt sie zu einem lockern Zopf gebunden. Sie leitet eine Kindertagesstätte in der Nähe von Darmstadt. Ihr siebenjähriger Sohn liebt Geschichten aus dem antiken Rom, erzählt Sarah stolz, ein Smartphone verbietet sie ihm. Sie selbst hat „Tinder“ im Sommer 2015 runtergeladen.

 Apps wie „Tinder“ oder „Lovoo“ zeigen potenzielle Datingpartner in einem Umkreis von bis zu 160 Kilometern auf dem Smartphone an. Zu sehen ist von ihnen nur eine Auswahl von Fotos, die direkt mit dem Facebook-Profil gekoppelt sind. Dann kann man nach links oder nach rechts wischen. Links bedeutet: Nein, kein Date. Rechts steht für: Ja, ich will. Dazwischen gibt es nichts. Der Clou: Nur, wenn zwei Nutzer den jeweils anderen „liken“, können sie sich schreiben – auf den Handydisplays erscheint: „It‘s a match.“ Der Dienst ist kostenlos, optional kann man aber Zusatzfunktionen kaufen, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Dass viele Frauen mit dummen und plumpen Anmachen von Männern rechnen müssen, ist ein offenes Geheimnis. Wohl auch deshalb wurde die App „Bumble“ entwickelt: Hier sitzt die Frau am längeren Hebel. Sie entscheidet, ob sie einen Mann anschreibt oder nicht. Sie muss den ersten Schritt machen.

Ein ziemlicher Reinfall

„Der erste, mit dem ich mich getroffen habe, war ein ziemlicher Reinfall. Der hat mir gleich erzählt, dass er noch mit seiner Frau in einer Wohnung wohnt und sie sich erst vor zwei Wochen getrennt haben. Das war’s für mich dann“, beschreibt Sarah ihr erstes „Tinder-Date“. Damit angefangen hat sie, nachdem die Beziehung mit ihrem Freund, die 16 Jahre gehalten hat, in die Brüche gegangen war. Das Sorgerecht für den Sohn teilen sie sich. Auf „Tinder“ ist sie gekommen, weil viele ihrer Kolleginnen die App nutzen. „Die sind aber alle unter 30. Und komischerweise suchen sie dort alle nach einer festen Beziehung.“

Sarah will sich nicht festlegen. Sie hat sich schon zweimal online verliebt, hatte aber auch viele Sexdates. „Da war von vornherein klar, wie das ablaufen wird. Mit einem habe ich sogar geschrieben, dass er einfach vorbeikommen soll und wir dann nicht miteinander reden. Dann ging‘s auch sofort los, als er reinkam.“

 Die Sexual- und Paartherapeutin Regine Breier sieht in diesem Vorgehen Chance und Risiko zugleich: „Wenn man nur mit Menschen in Kontakt tritt, die einen ,liken’, hat man erst mal die Sicherheit, nicht schlecht anzukommen. Aber man macht keine negativen Erfahrungen mehr, lernt nicht, mit Enttäuschungen umzugehen. Das ist allerdings ein wichtiger Aspekt im Reifungsprozess.“ Breier ermutigt Klientinnen dazu, sich online einen Partner zu suchen. Viele trauten sich nicht mehr, allein abends wegzugehen. „Ich hab‘ eine junge Frau in Erinnerung, um die 30, Zahnarzthelferin. Sie ist mehrfach enttäuscht worden, hat sich in eine Wohnung auf dem Land zurückgezogen. Ihr habe ich empfohlen, dass sie online ein bisschen Flirten üben soll.“ Das könne aber auch scheitern – „wenn Online-Flirter nur schreiben und schreiben und schreiben und sich darin verlieren“. Die meisten trauten sich eigentlich gar nicht, zu einem wirklichen Treffen zu gehen. „Da bleibt das in dieser Flirt-Wolke hängen.“

Es gibt auch Dating-Apps mit einer genau definierten Zielgruppe. „Grindr“ zum Beispiel wird hauptsächlich von homosexuellen Männern genutzt. Zur Anmeldung braucht man kein Facebook-Profil, eine gültige E-Mail-Adresse reicht aus. Man muss auch nicht warten, bis man von jemandem „geliked“ wird. Man kann einfach attraktive Männer anschreiben.

Jonas nutzt „Grindr“ seit drei Jahren. Mehrmals am Tag schaut er nach, ob ihm jemand eine Nachricht oder ein Foto geschickt hat. Jonas ist Turniertänzer, trägt gerne T-Shirts mit V-Ausschnitt und hat einen Dreitagebart. „Ich suche dort nach wahrer Liebe oder Sex. Und ich lege Wert darauf, mich möglichst früh mit meinem Gegenüber zu verabreden.“, sagt er. Er sei aber auch schon oft enttäuscht worden, weil viele Fotos von sich hochladen, die nicht der Realität entsprächen.

Fleisch trifft auf Fleisch

Wie Sarah unterscheidet Jonas zwischen einem Kennenlern- und einem Sexdate. „Man macht sich übereinander her, manchmal wartet man nicht mal den Orgasmus des Partners ab, und verabschiedet sich nicht. Das ist wirklich reine Triebbefriedigung, Fleisch trifft auf Fleisch.“, erzählt er von einem Sexdate. Regine Breier spricht von „einer Beschleunigung des ganzen Systems“. Auf der Strecke bleibe die Schwingungsfähigkeit, also die Erfahrung des Flirtens, der direkten Kommunikation.

Sarah sagt: „Die meisten meiner Freundinnen verstehen nicht, dass ich mich einfach so mit Typen treffe. ,Da muss man doch zusammen sein und verliebt’, sagen die.“ Sie sieht das anders. Und möchte so lange „tindern“, bis sie einen festen Freund hat. Dann will sie die App löschen.

Möglichkeiten, einen Partner online zu suchen, gibt es in Deutschland viele. Bekannte kostenpflichtige Webseiten wie Parship oder eDarling erstellen anhand von Fragebögen Profile der Nutzer. Und errechnen dann, mit welchem Partner potenziell die meisten Übereinstimmungen gegeben sind. Für den Service sind mindestens 30 Euro pro Monat fällig. uhu

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