In den ewigen Jagdgründen

Der Blick in die Ferne, die ausladende Handbewegung, das schwarze Haar: Die Rolle als Winnetou hat Pierre Brice in Deutschland zum Star gemacht. Am Samstag starb er mit 86 Jahren in Paris.

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    Weit schweifender Blick, ausladende Bewegung: Pierre Brice spielte Karl Mays Apachenhäuptling Winnetou nicht nur, er war es. Foto: 
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Ein "bisschen naiv" seien sie ja schon gewesen, die Winnetou-Filme, hat Pierre Brice in der Weisheit seines Alters einmal zugegeben. Aber die Deutschen hätten sich nach dem Krieg nach Werten wie Frieden, Freiheit und Menschenwürde gesehnt. Über die Parodie "Der Schuh des Manitu" von Michael "Bully" Herbig ließ er allerdings nicht mit sich reden: Die sei "Schwachsinn".

Selten sind in einem Schauspieler Filmfigur und Mensch so stark verschmolzen wie bei Pierre Brice, der 1929 als Baron Pierre Louis Le Bris in Brest in der Bretagne geboren worden ist. 1962 hat er zum ersten Mal den Apachenhäuptling Winnetou verkörpert, in "Der Schatz im Silbersee", einem Film des Produzenten Horst Wendlandt.

Er habe damals eigentlich keine Lust gehabt, einen Indianer zu spielen, hat Brice einmal erzählt. Die Figur habe er dann aber mit eigenen Ideen ausgestattet wie dem Blick in die Ferne oder der ausladenden Armbewegung zur Begrüßung.

"Der Schatz im Silbersee" war für ihn der Durchbruch. Zehn Millionen Menschen haben den Film in Deutschland gesehen.

In seinem Heimatland Frankreich war Brice kaum bekannt. Die Verbindung zu Deutschland war eng, nicht nur wegen der Fans: Seine Frau Hella stammt aus Bayern.

Vor den Karl-May-Verfilmungen war Brices schauspielerische Karriere eher bescheiden gewesen. Er hatte als Soldat in Algerien und Indochina gekämpft und als Fotomodell und Tänzer gearbeitet, bevor er 1955 an der Seite von Eddie Constantine seinen ersten Auftritt in "Harte Fäuste, heißes Blut" hatte. Filme wie "Aufstand der Tscherkessen", "Call-Girls" oder "Die Mühle der versteinerten Frauen" (alle 1960) sollten folgen.

Aber erst die Rolle des Winnetou hat Brice bekannt und zu einem Jugendidol gemacht: 56-mal zierte er das Titelbild der "Bravo".

Selten sonst hat der deutsche Film einen so großen Einfluss auf die Alltagskultur gehabt: Welcher Junge, der in den 60er und 70er Jahren aufwuchs, wollte nicht sein wie Winnetou - und auch so aussehen?

Winnetou war in dem genau abgezirkelten Universum der filmischen Darstellung ein kluger und zivilisierter Wilder, ein Wahrheitssucher. Er funktionierte allerdings nur im Team mit Old Shatterhand und anderen Partnern. Gemeinsam stellten sie eine ideale Ordnung wieder her - ein direkter Reflex auf die Heimatfilme der 50er Jahre, die von der Zerstörung einer naturgegebenen Ordnung erzählten.

Aus heutiger Perspektive scheint es fast, als hätten die Deutschen in den Heimat- und Karl-May-Dramen ihre - uneingestandene - Scham abarbeiten wollen. In den 60er Jahren wurden die Westdeutschen vom Ende 1963 beginnenden Frankfurter Auschwitz-Prozess an die schon lange verdrängt geglaubte Nazi-Zeit erinnert und fanden in Winnetou und Old Shatterhand zeitgerechte Identifikationsangebote: Beide suchten die Verständigung.

Als Brice in "Winnetou III" im Jahr 1965 den Filmtod starb, entfachte die "Bravo" eine Kampagne: "Winnetou darf nicht sterben". Und so erlebte Winnetou seine Auferstehung in Filmen wie "Old Surehand" (1965), in dem der silberhaarige, etwas aus der Mode gekommene Hollywoodstar Stewart Granger sein Gegenüber spielt.

Insgesamt elf Mal hat Brice Winnetou in Filmen verkörpert. Von 1976 bis 1986 spielte er ihn auf der Freilichtbühne Elspe und von 1988 bis 1991 sowie 1999 in Bad Segeberg.

Im Kino ist Brice nach Winnetou nicht mehr viel gelungen. In den 90er Jahren war der Schauspieler, der sich auch als Unicef-Botschafter gegen Landminen engagierte, in Fernsehserien wie "Ein Schloss am Wörthersee" und "Klinik unter Palmen" zu sehen. 1997 drehte er den Zweiteiler "Winnetous Rückkehr". In der Klamaukkomödie "Zärtliche Chaoten" spielte er 1987 noch einmal Winnetou.

Der Häuptling hat ihn auch in seiner Autobiografie nicht losgelassen. Sie trägt den bezeichnenden Titel: "Winnetou und ich". So wie Brice immer wieder mit seinem Indianer-Image gespielt hat: "Meine ewigen Jagdgründe liegen in Deutschland", sagte er. Und ließ als Alternative zu seinem Jagdschloss bei Paris eine Villa in Garmisch-Partenkirchen bauen. Sie war für den Lebensabend gedacht.

Laut Karl May ist die Figur seines Indianer-Häuptlings am 2. September 1874 im Alter von 34 Jahren erschossen worden. Der für viele Deutsche wahre Winnetou Pierre Brice wurde 86 Jahre alt. Er litt zuletzt an einem Nierenstein, der wegen seines Alters nicht entfernt werden konnte, und starb in den Armen seiner Ehefrau Hella. Beerdigt werden soll er in Bayern.

Der edle Wilde

Erfolg Den Höhepunkt seines Ruhms hat Karl Mays Romanfigur Winnetou in den 60er und 70er Jahren in Deutschland erlebt. In zahlreichen Filmen wurde der Häuptling der Apachen zur Symbolfigur des edlen, guten und friedfertigen Indianers - das traf offensichtlich den Zeitgeist. An der Seite seines weißen Blutsbruders Old Shatterhand setzte sich Winnetou für Frieden und Gerechtigkeit ein. Seinen Ruhm begründeten vor allem die drei "Winnetou"-Filme, die von 1963 an unter der Regie von Harald Reinl in die Kinos kamen und zu Kassenschlagern wurden.

Verklärung Der enorme Erfolg der Filme wird heute auf das tiefe Romantik-Bedürfnis in Deutschland zu dieser Zeit zurückgeführt. In Großbritannien dagegen oder auch in Frankreich, der Heimat des Schauspielers Pierre Brice, blieben die Wild-West-Geschichten um die edle Rothaut bis heute weitgehend unbekannt. Eine gewisse Verklärung der Figur lässt sich schon in den Schriften Karl Mays nachverfolgen. Winnetou wurde Stück für Stück als edler Wilder zu einem klaren Gegenentwurf der Darstellungen der Indianer in den Filmen der klassischen Western.

Bad Segeberg Mit der Begeisterung um die Figuren von Karl May hat sich Bad Segeberg (Schleswig-Holstein) seit 1952 zu einem Mekka aller Winnetou-Fans entwickelt. Noch heute werden dort Geschichten aus dem Wilden Westen des Karl May aufgeführt. 1988 bis 1991 trat auch Brice in der Rolle des Winnetou auf, danach folgte ihm der "Winnetou des Ostens", Gojko Mitic.

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