Immer am Ball

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Rinor Rexha ist mit 1,69 m eigentlich ein paar Zentimeter zu klein. „Mein Traumberuf ist Fußballspieler“, sagt Rexha dennoch. Sein Traumklub ist der FC Barcelona, dort spielt Lionel Messi, einer der besten Fußballer der Welt. Und der ist auch nicht größer..

Rinor Rhexas derzeitiger Verein heißt Fortuna Düsseldorf. Hier spielt der Junge, der aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen ist, seit seinem siebten Lebensjahr. Linksfuß, offensives Mittelfeld. „Ich habe einen Fördervertrag bis 2018“, sagt der 17-Jährige.

Dirk Wichmann, sein Betreuer, nickt. Die beiden stehen an einem regnerischen Samstag im Düsseldorfer Paul-Janes-Stadion, wo ein internationales Jugendturnier stattfindet. Nachwuchsteams von Klubs, die jeder Fan kennt, treten hier an: Benfica Lissabon, FC Liverpool, Borussia Mönchengladbach oder Red Bull Salzburg, der spätere Gewinner. Und eine Hochschulauswahl aus Japan, begleitet von Fernseh- und Hörfunkjournalisten.

 Es ist ein Schaulaufen. Auf dem Spielfeld Jungs wie Rinor, die alle den gleichen Traum haben: Profi werden. Auf der Tribüne Talentsucher wie Dirk Wichmann, die sie entdecken und möglicherweise auf ihrem Weg betreuen. Und daran verdienen. Fußball ist ein Milliardengeschäft, eine internationale Industrie mit Facharbeitern in verschiedenen Funktionen.

Scouts wie Wichmann sind der für die Öffentlichkeit unsichtbare Teil des Spektakels. Dabei wirken sie entscheidend daran mit, dass aus einem schmächtigen argentinischen Jungen mit Wachstumsstörungen wie Lionel Messi ein Superstar werden kann.

 Die romantischen Vorstellungen aus der Frühzeit des Profifußballs wischt der Goldsucher von heute schnell vom Tisch. Dass ein begnadeter junger Ballvirtuose zufällig auf einem Bolzplatz im Oberfränkischen entdeckt und dann beim FC Bayern eine Weltkarriere macht – „vergiss es“, sagt Wichman. Es gibt keine unentdeckten Talente mehr.“ Alles ist gläsern. Dafür gibt es längst ein ausgeklügeltes Informations- und Bewertungssystem, das von einer Heerschar von Spielerbeobachtern gefüttert, aktualisiert und eingespeist wird in die Internetmarktplätze, die in Deutschland „transfermarkt.de“ oder „fupa.net“ heißen.

Wer dort etwa nach Rinor Rexha sucht, wird fündig, obwohl der Junge noch keine besonderen Erfolge vorweisen kann. Aber wer kann das schon am Anfang seiner Karriere? Hunderttausende gehen alleine in Deutschland Jahr für Jahr an den Start, ins Ziel kommen nur wenige. Von rund sechs Millionen Fußballern spielen gerade mal rund 1800 Profis in den obersten drei Ligen.

Marcel Risse ist einer von ihnen. Gleich zwei Mal hat der Mittelfeldmann des 1.FC Köln in der vergangenen Bundesliga-Saison mit wuchtigen Freistößen das „Tor des Monats“ erzielt. Auch das dürfte seinen Marktwert auf derzeit rund 4,5 Millionen Euro getrieben haben. Darüber hat sich Dirk Wichmann ganz besonders gefreut, denn der 27-Jährige ist nicht nur sein (Stief-)Sohn, sondern auch sein prominentester Schützling.

Als Marcel zwei Jahre alt war, hat Wichmann die Mutter kennengelernt und später geheiratet. So ist er „zufällig reingerutscht“ in eine neue Branche: Aus dem Bauleiter einer großen Firma wurde ein selbstständiger Fußballscout, der heute seine Agentur RW Sport Concept mit zwei Mitarbeitern und einer Handvoll freien Spähern führt. Mehr als ein Dutzend Spieler haben sie unter ihren Fittichen. Dank Marcels Fußballkunst hat der 47-Jährige beruflich einigermaßen ausgesorgt. An jedem Transfer, an jeder Vertragsverlängerung kassiert ein Scout mit – wieviel,  ist Verhandlungssache. Zwischen 10 und 15 Prozent dessen, was der Spieler im Jahr bekommt, sind handelsüblich.

Ein Talentsucher muss sich zwar registrieren lassen, aber sonst keine weiteren Befähigungen nachweisen. Die Hoffnung auf den großen Reibach zieht denn auch Interessenten an wie die Motten das Licht. Darunter sei auch manch schwarzes Schaf, sagt Wichmann. Gemeint sind Kollegen, die sich  in der Regel nicht um die – ungeschriebenen  – Gesetze der Branche scheren. Eines davon lautet, dass man keine 13- oder 14-Jährigen verpflichtet.

Eltern auf der Tribüne

Die Profiklubs haben ihre eigenen fest angestellten oder freiberuflichen Betreuer für den Jugendbereich, bei einem Erstligisten sind das schon mal zwei Dutzend. Die jungen Kicker gehen in die Schule, täglich wird trainiert. Das ganze Programm will zusammen mit den Eltern organisiert werden. Der Scout sucht Spieler; der Berater betreut sie. Wichmann ist beides.

 Beim Turnier in Düsseldorf hat Gastgeber Fortuna gerade 0:3 verloren. Timo Bornemann, Jahrgang 2000, trug die Rückennummer 11. Seine Eltern sitzen mit ein paar Hundert anderen Zuschauern auf der Tribüne. Vater Andreas, 46, sagt: „Jeder hofft natürlich, dass sein Sohn es packt.“ Er sagt nicht, wieviel sein Sohn verdient, der wie sein Mitspieler Rino Rexha ebenfalls von Dirk Wichmann betreut wird. Es sei jedenfalls nicht viel für den Aufwand, den die Jugendlichen betreiben. Jeden Tag Fußball, nur am Dienstag nicht.

Viele Berater hatten Vater Borneman angesprochen, angerufen, ihm ihre Visitenkarte zugesteckt.  Vertrag, Versicherung, Tranfers – alles ein bisschen viel für den Laien. Das übernimmt jetzt Wichmann. „Sonst wird man doch über den Tisch gezogen.“ >

Die Talentförderung im Deutschen Fußballbund (DFB) ist eine Reaktion auf die Zeit, als die deutsche Nationalmannschaft ins Mittelmaß zurückzufallen drohte. So begann im Jahr 2001 eine Art Rasterfahndung. Seither müssen alle Profivereine eigene Fußball-Akademien gründen. Hier können die Jungs frühestens mit 14 in einem Internat wohnen und eine Schule vor Ort besuchen. Dazu gehören regionale
Fußballschulen, in denen heute fast 200 000 Kinder von rund 15 000 Trainern und Übungsleitern betreut werden.

Der Verband hat neben den 336 Stützpunkten außerdem noch gut 50 Leistungszentren
aufgebaut, bei fast jedem Proficlub ist eines angesiedelt. Hier werden die besten Spieler bis zu den Unter-Elfjährigen (U11) begutachtet,
ihr Profil wird in Datenbänken gespeichert. 

Erst ab dem 15. Geburtstag darf ein Klub einen Spieler per Fördervertrag rechtlich an sich
binden. Dann bekommen die jungen Talente Geld – und die Scouts oder Betreuer auch.
Weil der Wettbewerb um die erhofften Stars der Zukunft aber immer heftiger wird, hat
sich schon unterhalb der Altersgrenze ein
inoffizieller Transfermarkt gebildet, mit
Ablösesummen und „Ausbildungsverträgen“. Ob die im Falle eines Rechtsstreits Gültigkeit besitzen, ist fraglich.  hes

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