Im Schlafanzug zum Bäcker

Ungeduscht, im Schlafanzug und mit Plüschpuschen - so geht man in Neuseeland gern mal aus dem Haus. Diverse Mode- und Sittenwächter haben dem Lotter-Look jetzt den Kampf angesagt.

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September ist der Monat der Mode in Neuseeland. Der nationalen Modewoche (3. bis 9. September) in Auckland folgt am 27. September die elftägige Show "World of Wearable Art" (WOW) in Wellington, die "Welt der tragbaren Kunst". Die spektakulären Roben werden aus so ziemlich allen Materialien hergestellt, bloß nicht aus Stoff - stattdessen aus Holz, Plastiktüten, Gummihandschuhen, Moos, Kopfsalat, Klopapier. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Zwar wird im Land der Kiwis derzeit heftig über Kleidung diskutiert, aber die bekannten Designermarken wie Karen Walker, Trelise Cooper, Annah Stretton und Zambesi oder skurrile WOW-Kreationen mit Wow-Faktor sind nicht das Thema. Vielmehr geht es um die in Neuseeland weitverbreitete (Un-)Sitte, im Schlafanzug aus dem Haus zu gehen. Aktueller Aufhänger ist eine Debatte in Gisborne an der Ostküste der Nordinsel, wo sich der Manager des Einzelhandelsverbands, Ken Huberts, besorgt darüber äußerte, die Stadt könne aufgrund dieser Pennerkultur in Verruf geraten. Er regte an, den Lotter-Look zu verbieten.

Um den Puls der Nation zu fühlen, startete Neuseelands renommierteste Tageszeitung, der New Zealand Herald, eine Online-Umfrage. Darin lehnten 34 Prozent von mehr als 20 000 Lesern Schlafanzüge in der Öffentlichkeit als tödliche Modesünde ab. 37 Prozent würden in echten Notfällen ein Auge zudrücken. 15 Prozent gaben zu, gelegentlich im Nachtgewand auf die Straße zu gehen, und neun Prozent behaupten, sie seien "just in diesem Augenblick" im Pyjama unterwegs.

Die Wege der meist weiblichen öffentlichen Schlafanzug- und Morgenmantelträger sind vielfältig. Es sind Mütter, die ihre ordentlich und oft sogar in Uniform gekleideten Kinder vor der Schule absetzen, Hausfrauen, die auf einen Sprung in den Tante-Emma-Laden an der Ecke eilen, beim Geldautomaten anhalten oder im Supermarkt einkaufen, bevor und falls sie überhaupt zum Duschen kommen. In sozial schwachen Vierteln und im Billigsupermarkt Pak n Save ist es vor allem in den Abendstunden gang und gäbe, dass Kinder in pastellfarbenen Faserpelzschlafanzügen und schweinchenrosa Plüschpuschen durch die Gänge schlurfen.

Den meisten Geschäftsleuten ist die Aufmachung durchaus ein Dorn im Auge, aber mit Blick auf den Umsatz akzeptieren sie den Fakt, dass viele Neuseeländer traditionell keinen Wert auf gute Kleidung legen. Aber die Stadtoberen von Gisborne haben nicht die Absicht, den Kampf gegen die Nachtwäsche zu unterstützen. Bürgermeister Meng Foon sagte, ihm sei es egal, was die Leute trügen, solange sie und ihre Schlafanzüge gewaschen seien. Seine Stellvertreterin Nona Aston meinte: "Pyjamas sind eine Modeerscheinung. Als Miniröcke in Mode kamen, gab es einen Aufruhr, weil so viel Bein zu sehen war. Ich denke, die Beine sind in Pyjamas besser verhüllt."

Das Modemagazin Vogue hat die Schlafzimmer-Anleihe zum absoluten Trend erklärt, aber damit hat die seit Jahrzehnten demonstrierte Liebe der Neuseeländer zum flauschigen Billigpyjama nichts zu tun. Hollywood-Schönheiten wie Salma Hayek, Jessica Alba und Kate Hudson tragen bei ihren Shows und auf dem Roten Teppich hochhackige Stöckelschuhe zu ihren edlen Designer-Nachtgewändern aus Seide, und natürlich sind sie perfekt geschminkt und gestylt.

Der berühmteste Vorläufer dieser Modewelle war sicherlich Michael Jackson, der des Öfteren im Pyjama beim Einkaufen gesichtet wurde. Im März 2005 erschien er sogar zu seiner Gerichtsverhandlung wegen sexueller Belästigung von Kindern in Beinkleidern aus dem Schlafgemach. Der exzentrische ehemalige Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar trug bereits 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta bei einem Interview mit der Autorin dieses Artikels eine karierte Schlafanzughose.

Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill führte Besprechungen in seinem Schlafzimmer durch und trug dabei stets einen mit goldenen Drachen bedruckten Morgenmantel aus Seide. Die deutsche Delegation traf sich am Abend vor der Unterzeichnung des Vertrags von Rapallo am 16. April 1922 zu einer berühmt gewordenen Pyjama-Konferenz. Ob Schlafanzüge salonfähig sind, hängt also nicht nur vom Pyjama ab, sondern auch vom Bekanntheitsgrad dessen, der ihn trägt.

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