Im Matsch gestiefelt

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Gegen Schlamm, Dreck und Unwetter: Gummistiefel sind praktisch, und praktisch ist selten sexy. Doch das ändert sich grundlegend im Jahr 2005, als das Supermodel Kate Moss das englische „Glastonbury Festival“ besucht. Das Musik- und Kunst-Fest ist Laufsteg für Stars und Schlammschlacht zugleich. Moss trägt ein knappes Kleidchen und schwarze Gummistiefel. Das schützende Schuhwerk wird erhoben zum Fashion-Statement, wird hip – über Bauernhof und Fischerboot hinaus.

Gummistiefel sollen in erster Linie vor Nässe schützen, deshalb erfährt dieses Schuhwerk in diesem nassen Jahr besondere Aufmerksamkeit. Zwischen 15 und 35 Prozent sei der Umsatz im Vergleich zum eher trockenen Vorjahr nach oben gegangenen, berichten Händler und Hersteller. Und tatsächlich ist der Besuch beispielsweise von Open-Air-Konzerten bei Dauerregen an sich schon eine Zumutung – ohne Gummistiefel aber erst recht.

Die Erfinder von Gummischuhen, Indianer im südamerikanischen Regenwald, hatten ganz andere Sorgen. Sie suchten nach einer Methode, ihre Füße vor der dauerhaften Feuchtigkeit zu schützen und kamen auf die Idee, ihre Mokassins mit einem gummiartigen Pflanzensaft zu durchtränken, um sie wasserdicht zu machen. Der Gummi legte sich auf die Oberfläche und es entstand ein Latexüberzug, der den Regen abperlen ließ. Allerdings war das Material bei großer Hitze oder starker Kälte ungeeignet: Bei Hitze klebte der Gummi am Boden, bei Kälte wurde er spröde und rissig. Der US-amerikanische Chemiker und Erfinder Charles Goodyear kam 1840 auf den Gedanken, die Kautschuksubstanz mit Schwefel und Ruß zu vermischen und zu erhitzen. Durch dieses Vulkanisierungsverfahren wird der Gummi dauerhaft elastisch und bleibt trotzdem widerstandsfähig.

Hiram Hutchinson, ein amerikanischer Fabrikant, erwarb die Lizenz für die Gummiherstellung von Goodyear und baute im französischen Chatellerault die erste Produktionsstätte für Gummistiefel auf. Seine Produkte verkaufte er unter der Marke Aigle: Adler. Die nach eigenen Angaben älteste Gummistiefel-Manufaktur Europas produziert seit 1853 Stiefel aus Kautschuk.

In der Fabrik durchlaufen sie heute 60 Fertigungsetappen: Roher Kautschuk wird zu einem Teig verarbeitet, über eine Walze ausgebreitet und so lange bearbeitet, bis er zur geschmeidig homogenen Masse wird. Auf das vorbereitete Laminat werden anschließend die Innenfutter aufgearbeitet. Danach werden die verschiedenen Stiefelbestandteile ausgestanzt und zu einem Stiefel gefertigt. Bei der Montage wird jedes einzelne Element des Stiefels wie Verstärkungen, Absätze, Schaft, Hals oder Laufsohle per Hand auf eine Form gearbeitet. Konkurrenz bekam Hutchinson in Schottland. Henry Lee Norris gründete 1855 in Edinburgh die North British Rubber Company. 100 Jahre später wurde sie weltweit für den Hunter Boot bekannt, eine jagdgrüne Spezialausführung von Gummistiefeln zum Jagen und Reiten. Zusätzliches Renommee erwarb sich das Unternehmen als Hoflieferant des englischen Königshauses.

Da Gummistiefel meist aus synthetischem Kautschuk beziehungsweise einer Kunststoffmischung bestehen, gibt es an der Produktionsweise Kritik von Umweltschützern. Sie bemängeln, dass kaum ein Stiefelhersteller die genauen Ausgangsmaterialien angibt. Außerdem, so der Vorwurf, werde tief in die chemische Trickkiste gegriffen, um die Schuhe wasserfest und gleichzeitig anschmiegsam zu machen. Weichmacher kämen dabei zum Einsatz und Weichmacheröle, beides gilt als gesundheitsschädlich.

Dennoch: Die Anschaffung von Gummistiefeln mag im Kindesalter eher praktischen Motiven folgen, später sind die wasserdichten Treter viel mehr als ein reiner Gebrauchsgegenstand. „Der Trend geht ganz klar zu Kurzstiefeln“, sagt Claudia Schulz vom Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie. Im Gummistiefel vereinen sich Funktionalität und Ästhetik: Sie sind nicht wegzudenken aus dem Jagdalltag, dem Fischereibetrieb oder vom Bauernhof. Überall, wo es feucht und schmutzig werden kann, haben Gummistiefel ihren festen Platz.

Die in den letzten Jahren gesteigerte Lust am Landleben mag eine Rolle spielen bei der modischen Erweckung von Gummistiefeln.  Sie tragen Leo- oder Blumenmuster, sind geringelt oder haben Totenköpfe aufgedruckt.

Dabei ist der größte Vorteil des Schuhwerks unverändert und von banaler Natur: Es schützt die Füße perfekt gegen Nässe und Matsch – und ist vor allem ruckzuck wieder sauber.

Belastet

Gummistiefel bestehen meist aus synthetischem Kautschuk beziehungsweise einer Kunststoffmischung – die genauen Ausgangsmaterialien wolle kaum ein Hersteller angeben, bemängeln Warentester. Um den Stiefel wasserfest und gleichzeitig schön anschmiegsam zu machen, werde tief in die chemische Trickkiste gegriffen: Unter anderem kommen gesundheitsschädliche Weichmacher zum Einsatz sowie Weichmacheröle. Auch Produkte aus Naturkautschuk sind laut Ökotest „erfahrungsgemäß nicht viel besser“.

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