Hoffnung für armen Hasen

Zwar sind Feldhasen äußerst fortpflanzungsfreudige Tiere. Der Nachwuchs aber macht die Verluste bei weitem nicht wett. Längst steht das Langohr auf der Roten Liste der bedrohten Tiere. Doch es gibt Hoffnung.

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Scheu im Wesen, schlaksig in der Statur: Der Feldhase ist immer seltender auf Deutschlands Fluren zu beobachten. Foto: Fotolia/ © Wolfgang Kruck

Der Feldhase liebt den Lauf über weite Flächen und sanfte Hügel, hindurch zwischen hohen Gräsern, hin zu breiten Hecken und dichten Büschen. Dort kann sich der Sprinter, der es auf Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 70 Stundenkilometern bringt, nicht nur vor hungrigen Beutegreifern wie Habichten, Krähen und Füchsen in Sicherheit bringen. Er ist im Versteck auch vor widrigen Witterungsbedingungen geschützt.

"Wenn sich der Feldhase einen Lebensraum malen könnte, wäre das eine offene Kulturlandschaft wie vor 100 Jahren. Mit kleinen Feldern, wenig gedüngt, wenig Chemie. Dafür mit Hecken, breiten Wegen und zwei Meter breiten Grasstreifen, die nicht gemäht werden", sagt Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier-Stiftung in Hamburg. Die Wildgräser und -kräuter am Wegesrand bieten dem Hasen eine ausgewogene Ernährung. Und mehr noch: Das Knabbern von Kamille und Salbei hilft ihm, fit zu bleiben und seine Abwehrkräfte zu stärken.

Doch Hecken, Büsche und Brachen inklusive "Hasen-Apotheke" findet der scheue Nager in Deutschland immer seltener. Der Hauptgrund für seine Bedrohung liegt der Deutschen Wildtier-Stiftung zufolge in der Art der Landwirtschaft: Monokulturen, intensive Düngung, Einsatz immer leistungsfähigerer Maschinen.

Selbst die Jäger sind in Sorge. "In den Monokulturen fehlt dem Feldhasen heute ein reichhaltiges, abwechslungsreiches Nahrungsangebot", beklagte jüngst der Präsident des Bayerischen Jagdverbands, Jürgen Vocke. Dem schwindenden Bestand haben sich die Jäger anzupassen. Wurden zu Beginn des Jahrtausends bundesweit noch rund eine halbe Million Feldhasen pro Jahr erlegt, sank die Zahl im Jagdjahr 2012/2013 auf rund 330 000 Tiere laut dem Verein "Wildtierschutz Deutschland" - beziehungsweise auf exakt 314 426 laut Deutschem Jagdverband.

Wie auch immer: viel zu viele - finden die Wildtierschützer. "In dieser Situation ist der Verlust eines Drittels des Vorjahresbestandes durch die Jagd nicht vertretbar", beklagte angesichts dieser Zahlen Lovis Kauertz, Vorsitzender des Vereins. Hinzu komme: Durch die Jagd würden nicht etwa - wie durch natürliche Feinde - überwiegend schwache und kranke Hasen "abgeschöpft", sondern starke, reproduktionsfähige Tiere. Und gerade die seien bei den inzwischen mehr als kritischen Beständen in vielen Landstrichen für das Überleben der Art wichtig.

Mit fehlender Fruchtbarkeit oder sinkender Geburtenrate haben die Probleme des Feldhasen gewiss nichts zu tun. Eine Häsin bekommt drei- oder viermal pro Jahr Nachwuchs mit zwei bis vier, in Ausnahmefällen sogar fünf oder sechs Jungtieren. Macht bei einem maximalen Hasenalter von knapp zwölf Jahren bis zu 200 Nachkommen.

Manchmal haben die Jungen eines Wurfs sogar unterschiedliche Väter, was den Genpool beachtlich erweitert. Und eine Häsin kann bereits wieder befruchtet werden, während sie noch trächtig ist. Diese so genannte Super-Fötation (Überbefruchtung oder Doppelträchtigkeit) hat Mutter Natur beim Feldhasen möglich gemacht, um den natürlichen Verlust auszugleichen. "Hasen haben viel Nachwuchs, weil sie viele Feinde haben", erklärt Florian Brandes, Leiter der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen in Niedersachsen. Über die Hälfte des Hasennachwuchses in Deutschland wird kein Jahr alt.

Als Nestflüchter kommen die Junghasen - im Gegensatz zum Kaninchen - behaart, sehend und hörend zur Welt und bleiben nach der Geburt weitgehend sich selbst überlassen. Nur ein-, zweimal am Tag kommt die Häsin zum Säugen. Die meiste Zeit verbringen die Jungtiere in ihrem Ruhelager, der Sasse. In dieser kleinen Mulde auf dem Acker, Waldboden oder Feld sind die mit ihrem graubraunen Fell gut getarnten Junghasen zwar vor Fressfeinden relativ gut geschützt, nicht aber vor landwirtschaftlichen Maschinen. Und gerade in diesen Tagen stehen die ersten Mähtermine an.

Der Bayerische Jagdverband bittet die Landwirte inzwischen, ihre Mähtermine rechtzeitig anzukündigen. So könne man versuchen, die Tiere aus den Wiesen "zu verscheuchen" - etwa mit flatternden Plastiktüten oder Radios, die am Vorabend des Mähtermins an den Feldern postiert werden. Die Landwirte können laut Jagdverband auch ganz direkt helfen, Feldhasen und andere in den Wiesen lebende Tiere zu schützen - ohne zeitlichen Mehraufwand oder sonstige Einbußen befürchten zu müssen. Mäht der Bauer seine Flächen einfach von innen nach außen statt umgekehrt, lässt er dem Wild eine Fluchtmöglichkeit.

Auch betreiben Jäger vielerorts zusammen mit Landwirten Blühflächenprogramme, die vorsehen, großflächig bis zu 50 verschiedene Blütenpflanzen und Wildkräuter einzusäen. Eine entsprechende Untersuchung der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft ergab, dass Blumenwiesen das Niederwild magisch anziehen. Von ihnen profitieren nicht nur Fasane und Feldhasen, sondern auch Singvögel, dutzende Insektenarten und ganz besonders die Honigbienen, betont der Bayerische Jagdverband.

Damit Landwirte mitmachen, winken EU-Fördergelder. In den niedersächsischen Kreisen Rotenburg und Verden startete zum Beispiel 2011 die regionale Initiative "Bunte Felder", um Lebensraum für Wildtiere zu schaffen, berichtet Vienna Gerstenkorn vom "Landvolk Niedersachsen", dem dortigen Bauernverband. 26 Landwirte beteiligen sich bisher. Rund 30 Hektar Blühstreifen werden pro Jahr angelegt. Und laufend werden es mehr. Wenn das für den Hasen zu Ostern nicht hoffnungsvolle Aussichten sind . . .

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