Hilfe für überforderte Besitzer - Pferdeklappe Norderbrarup

Eine Pferdeklappe betreibt Petra Teegen in Norderbrarup. Sie will das Leid der Tiere und ihrer Besitzer unbürokratisch und schnell lindern.

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  • Petra Teegen neben dem Schild zur Notbox ihrer „Pferdeklappe“ in Norderbrarup.  1/2
    Petra Teegen neben dem Schild zur Notbox ihrer „Pferdeklappe“ in Norderbrarup.  Foto: 
  • Ihre Besitzer mussten sie abgeben: die Ponys „Beach Boy“ (25, links) und „Pirat“ (30) auf einer Wiese der „Pferdeklappe“ .  2/2
    Ihre Besitzer mussten sie abgeben: die Ponys „Beach Boy“ (25, links) und „Pirat“ (30) auf einer Wiese der „Pferdeklappe“ .  Foto: 
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Deutschlands Pferdefreunden ist die unscheinbare Koppel im Norden Schleswig-Holsteins ein Begriff: Eine Grasfläche am Ortsausgang von Norderbrarup, nicht mal so groß wie ein halbes Fußballfeld und umgeben von dichtem Knickgehölz. Auf dem schmucklosen Schild neben dem Gatter in großen Buchstaben die Erklärung: „Pferdeklappe“.

„Hierher bringen Menschen ihr Pferd, die es nicht verkauft bekommen“, sagt die Pferdeklappengründerin Petra Teegen (63). „Oder die kein Geld besitzen, eine Anzeige zu schalten, oder die einfach nicht wollen, dass ihr Pferd in den Handel kommt und unkontrolliert weitergereicht wird.“ Sie hätten zum Beispiel Angst, dass ihr Pferd zum Schlachten nach Frankreich oder Italien gebracht wird, um daraus Wurst, Frikadellen oder Rouladen zu machen.

Menschen, die sich ihr Pferd aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr leisten können, dürfen das Tier anonym auf die Koppel neben ihrem Haus bringen. Doch anonym machen das heute nur noch wenige. Anfangs kam noch jedes zweite Pferd heimlich bei Nacht, jetzt nur noch jedes fünfzehnte, sagt Teegen, eine gelernte Krankenschwester, die die Pferdeklappe nach ihrer Pensionierung gegründet hat. Ziel der Klappe sei die schnelle Vermittlung der Tiere in ein neues Zuhause.

„Wir helfen den armen Menschen: Sie bekommen eine Möglichkeit, unbürokratisch und schnell ihr Pferd abgeben zu können – zum Beispiel, damit das Geld für die Kinder da ist.“ Das Abgeben der Tiere falle den Besitzern oft nicht leicht. „Hinter jedem Pferd steckt auch ein Schicksal.“

Etwa die Familie mit fünf Kindern und zwei Ponys. Die Eltern seien gleichzeitig arbeitslos geworden. Beide fanden keinen neuen Job, so dass die Familie letztlich von Hartz IV lebte. „Die kamen im November bei vier Grad und strömendem Regen, um ihre Tiere abzugeben“, berichtet Teegen. Die Kinder hatten nur Flipflops an den nackten Füßen. Warum keine Strümpfe? „,Mit Socken geht ja in Flipflops nicht’, sagte der Vater. Damit hatte er also einen Grund, warum seine Kinder im November keine Socken anhatten.“

Auf irgendeine Art könne es jeden treffen, meint Teegen. „Zum Beispiel die Familie, die innerhalb von drei Jahren das zweite Zwillingspärchen bekam: Da war kein Geld mehr für ein Pony übrig.“ In anderen Fällen waren die Pferde „Scheidungs-Waisen“, mussten die Besitzer ins Gefängnis oder wurden schwer krank. Teegen: „Krebs nimmt dem Menschen die Kraft.“

Aber auch scheinbar „kleine“ Krankheiten wie Arthrose in den Händen einer alleinstehenden Reiterfrau können das Aus bedeuten. „Sie hatte zwei Isländer-Ponys und konnte keine Wassereimer mehr schleppen: Deshalb nahmen wir ihre Pferde auf.“ Und immer wieder auch tragische Todesfälle: „Eine junge Mutter, wunderbare Familie, tolles Haus, und dann klingelt ein Polizist an der Haustür: ,Dein Mann hat sich eben totgefahren’, sagt er.“

„Wir haben in diesem Jahr schon über hundert Familien helfen können, indem wir Klappenpferde nehmen“, sagt Teegen. Mehr als 700 Pferde habe die Klappe in drei Jahren vermittelt. Sie kamen aus ganz Deutschland, aber auch aus Schweden, Belgien, Dänemark. 17 Tiere musste Teegen einschläfern lassen, weil sie schwer krank waren. „Es ist schlimm, wenn die Tiere nicht ärztlich behandelt werden, und dann in die Klappe geschmissen werden.“

So ein Fall war „Herr Schröder“. Der Hengst war etwa 14 Jahre alt, als seine Besitzer ihn anonym abgaben. Er war abgemagert, hatte zwei Stoffwechselkrankheiten und rundherum an den Hufen fast 50 Zentimeter Huf zu viel. „Die Hufe waren doppelt so lang wie sie sein durften und gingen schon schnabeltechnisch hoch.“ Er benötigt Medikamente und kann nur speziell behandeltes Heu fressen. Ein teurer Fall, „aber so lebenslustig – und frech wie Oskar“.

Im vergangenen Jahr hat die Pferdeklappe rund 90.000 Euro gekostet, sagt Teegen. Davon allein 60.000 Euro für Tierarztrechnungen. Die Pferdeklappe finanziert sich nur aus Spenden. Selbst das Finanzamt habe schon gespendet, erzählt Teegen: „Die hatten Tränen in den Augen und haben für uns gesammelt.“

 
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